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Almabtrieb in Pfelders

Almabtrieb in Pfelders

Leute, das muss man mal gesehen haben. Nicht am Fernseher, sondern live vor Ort. Du fragst dich jetzt, ob man dieses Pfelders essen kann oder es sich um eine Tropen-Krankheit handelt? Wie im Falle von Schenna, hier die gewohnt knappe Aufklärung vom Raabler: Pfelders ist ein kleines Bergdorf auf ca. 1.600 Höhenmetern im Südtiroler Passeiertal gelegen. Wintersportler und Wanderer finden hier zu jeder Jahreszeit optimale Bedingungen für die Ausübung ihrer Aktivitäten vor. Bekannt ist der Ort jedoch auch für seinen alljährlich im September stattfindenden Almabtrieb.

Almabtrieb ist, wenn an die 100 festlich geschmückte Kühe – in aufmerksamer Begleitung zumeist junger Männer von kräftiger Statur – widerwillig ihre Sommerfrische auf der fast 1.900 Meter hoch gelegenen Lazinser Alm verlassen. Einen Zwischenhalt auf dem Weg zu ihren Besitzern auf den Höfen gibt es dann in Pfelders. Dort ist das nächste traditionsbehaftete Phänomen zu bestaunen: der Almauftrieb.

Wer ist schneller in Pfelders?

Almauftrieb ist, wenn an die 5.000 Südtirol-Urlauber in ihren SUV den beschaulichen Ort mit dem atemberaubenden Berg-Panorama (vor allem aus Richtung Meran) freiwillig und voller Vorfreude fluten. Hier kommt für einen besonderen Tag zusammen, was zusammen gehört. Da nimmt man gerne schon mal bei bestem Wetter kilometerlange Staus in Kauf. Kein Scherz: Die Kühe kommen zu Fuß drei Mal schneller nach Pfelders runter als die Menschen mit ihren PS-Monstern rauf. Wer ist nun der Schlauere?

Stau in der Stadt

Weder noch. Beide Parteien gerieren sich als Opfer äußerer Umstände. Auch Tradition genannt. Kühe wissen das. Touristen eher nicht so. Der neutrale Beobachter staunt nicht schlecht und fragt sich, wer grad den strengeren Geruch verbreitet: Mensch oder Tier? Nun, beide geben sich da nicht viel. Die Stars des Almabtriebs haben beim Verbringen ihrer Exkremente auf die blanke asphaltierte Straße eindeutig Standortnachteile. Der Mensch hat Toiletten. Die man in Pfelders, laut glaubwürdiger Aussage der Raablerine, an Tagen wie diesen besser nicht aufsuchen sollte.

Niemals mit leerem Magen zum Almabtrieb

Aber nun wollen wir nicht alles schlecht reden. Während es sich die Vierbeiner auf einer saftigen Wiese im Zentrum gemütlich machen, wird den Zweibeinern für ihre mühevolle Anreise auf Serpentinen in Endlosschleife ein buntes wie schmackhaftes Programm geboten. Verschiedene Blasmusik-Kapellen sorgen im Zusammenspiel mit Kulinarischem und flüssigen Köstlichkeiten aus allen Teilen Südtirols für eine gleichermaßen ausgelassene wie friedliche Stimmung.

Almabtrieb in Pfelders.
Event mit Volksfestcharakter: Der Almabtrieb der Kühe sorgt alljährlich für einen Almauftrieb bei Einheimischen wie Touristen. Kleines Bilderrätsel: Wo steckt der Kameramann vom ÖRF? Foto: Raabler

Gut, dass die Raablers vorher das gewohnt üppige Hotel-Frühstück zu sich genommen hatten und nicht mit dem Auto, sondern mit dem Bus vor Ort waren. So hielt sich der Appetit genauso in Grenzen wie die Mitnahmekapazitäten in den Wanderrucksäcken. Uff, noch mal Glück gehabt. Und mindestens 100 Euro gespart. Denn angesichts der vielen, verlockend präsentierten heimischen Spezialitäten (Wurst, Käse, Brote, Torten, Spirituosen etc.) hätte der Raabler wie üblich nicht an sich halten können…

Erst rangeln, dann drängeln…

Gerangelt wurde übrigens auch. Du weißt mit dem Begriff “Rangeln” nichts anzufangen? Das ist eine Sportdisziplin für die Großen und Kleinen. Eine Mischung aus Judo und Ringen. In Pfelders fanden im Rahmen des Almabtriebs die inoffziellen Südtiroler Meisterschaften statt. Gewonnen hatte derjenige, der seinen Gegner auf der blauen Matte so lange per Spezialgriff die Kehle zudrückte, bis dieser nicht einmal mehr in der Lage war, den aufmerksamen Ringrichter per Handzeig über seinen baldigen Tod zu informieren.

Ebenso todesmutig bestiegen die Raablers nach einem aufregenden Tag eine der letzten völlig überfüllten Busse in Richtung Tal. Zwei Sitzplätze konnten nur deshalb ergattert werden, weil man klugerweise sich eine Stunde vorher an der Bushaltestelle in die “fröhliche” Warteschlange eingliederte. Klingt nach Strapaze? Strapaze ist, wenn man die ganze Zeit im Bus stehend von einer Nadelöhrkurve in die nächste geschleudert wird. Da heißt es Prioritäten setzen.

Südtirol: Wenn das Warten auf den Bus kein Ende nimmt...

Prioritäten genossen bei der Rückfahrt zunächst die vor dem Bus gemütlich dahin schlendernden Kühe von der Lanzinser Alm. Wo kamen die denn plötzlich wieder her? Egal, bereits nach einer Stunde “Stopp & Go” konnte der Bus seine Fahrt im gewohnten Tempo wieder aufnehmen. Würde es angesichts der veritablen Verspätung für den allerletzten Anschlussbus in St. Leonhard reichen? Ist doch egal. Hauptsache, Erholung pur!

“Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr wie bei der Jagd nach Erholung.”
(Laurence Sterne, englisch-irischer Schriftsteller, 1713-1768)

Raabler-Blogpost:
Autowahn im schönen Meran