Reise

Autobahn: Letzte Bastion der Freiheit

Autobahn

Welches Verkehrsmittel bleibt übrig, wenn man auf der einen Seite ohne stundenlanges Tragen von Maske bzw. Mundschutz ans Urlaubsziel kommen möchte – bevor es eventuell erneut zum Risikogebiet erklärt wird? Und auf der anderen Seite die gut vorbereitete, mehrtägige Radtour wegen ungünstigster Wetterprognosen im wahrsten Sinne des Wortes ins braun versiffte Wasser der Elbe fällt? Tja, leider nur das umweltfreundliche Auto. Kannst du dir vorstellen, wie sehr sich ausgerechnet der Raabler auf den Autobahn-Trip nach Südtirol gefreut hat?

Eigentlich sollten erst zum Sonnenaufgang die Pferde samt Kutsche zum Aufbruch gesattelt werden. Doch dann kam den Raablers die clevere Idee, der ohnehin stets unruhigen Nacht vor Reisebeginn ein Schnippchen zu schlagen. Indem man man sich spontan schon am Abend zuvor um 22 Uhr gen Autobahn – dem unangefochtenen Sehnsuchtsziel des Raablers – auf den Weg machte. Eine glorreiche Entscheidung, wie sich sehr bald herausstellen sollte.

Auto im Kreisverkehr

Klar, der blöden Mundschutzpflicht konnte man getrost für die nächsten 16 Stunden den Mittelfinger zeigen. Gibt’s noch mehr Vorteile im Vergleich zu einer alternativen Anreise per Bahn wie z.B. im letzten Jahr? Eine spannende Frage in Zeiten von Corona und Klimawandel. Nehmen wir das ganze Abenteuer mal grob unter den vier Aspekten Kosten, Komfort, Sicherheit und Zeitaufwand auseinander. Das perlt, versprochen!

ADAC schickt Bahn in Führung

Eine Bahnreise für die Hin- und Rückfahrt in der 1. Klasse (sollte man sich gerade in Corona-Zeiten gönnen) kostet für zwei Personen inklusive Sitzplatzreservierungen muggelige 380 Euro. Nicht übel, oder? Ach, das Auto ist da aber viel billiger, sagst du jetzt? Stimmt, auf den ersten Blick hast du vollkommen recht. Von Buxmoorholm nach Merano und zurück ist man rund 2.100 Kilometer unterwegs. Bei einem Spritverbrauch von 7 Liter auf hundert Kilometer werden lediglich 200 Euro fällig.

Wahnsinn, dass selbst der ADAC dieser Denke und Argumentation einen Riegel vorschiebt. Der rechnet nämlich vor, dass ein Mittelklassewagen pro Kilometer unter Einbeziehung aller Kostenpunkte in Wirklichkeit ca. 44 kostet. Macht bei den obigen 2.100 Kilometern exakt 924 Euro. Typisch ADAC! Diese grüne-versiffte Klimawandel-Nichtleugner-Sekte, will uns Autofahrern nur den Spaß verderben. Oder wie soll man diese abartige Rechnung verstehen? Drecksverein! Also, gut, 1:0 für die Bahn!

PS

Autobahn-Komfort: Mundschutz ist nicht alles!

Aber jetzt schlägt die Stunde des Autos, oder? Na, klar! Kein Gerenne oder per Taxi zum Bahnhof. Kommt man zu früh an die Bahnsteigkante, friert man sich den morgendlichen Arsch ab. Kommt man genau zur rechten Zeit, gibt’s erst ab dem Weltbahnhof Harburg den reservierten Sitzplatz. Kommt man zu spät, war’s das mit der aufwändig recherchierten Buchung. Zumindest das Geld für die Hinfahrt ist wegen der obligatorischen Zugbindung in höchstmöglicher Eleganz zum Fenster rausgeworfen.

Dann doch lieber Urlaub von Anfang an. Die Karosse im geschützten Carport vor der Haustür verfügt über ein erstaunlich großzügiges Gepäckvolumen. Und benötigt zur Beladung mit Koffern und Rucksäcken keine 10 Schritte. Das Beste: Man muss gar nicht groß und diszipliniert überlegen, ob man diesen oder jenen Scheiß unbedingt mitnehmen muss. Stopf’s einfach rein. Dein Auto mault nicht rum. Dein Rücken auch nicht.

Die unbeschwerte Leichtigkeit des Scheins

Klasse, man bleibt unter sich. Zu zweit. Und nicht zu Dutzenden im eventuell mit “Pendlerglück” vermufften Zugabteil. Klar, später in der 1. Klasse ist dann die Luft auch wieder rein. Fein. Der Startzeitpunkt obliegt allein den Urlaubern. Losfahren, wann man will. Ohne zeitliche Vorgaben kann das System Bahn dagegen nicht funktionieren, logisch. Also, einfach mehr Freiheit mit dem Gefährt auf vier Rädern. Ein tolles Gefühl. Wunderbar! Steht’s also jetzt 1:1?

Autofreie Innenstadt in Hamburg

Leider nein, weil alles Theorie. Denn was nützt die Freiheit beim Losfahren, wenn diese abrupt nach nur wenigen Landstraßen-Kilometern auf dem Beschleunigungsstreifen der BAB endet? Bitte anschnallen! Es herrscht Krieg auf allen Fahrspuren. Ein Krieg, der nie schriftlich erklärt wurde, aber mit dem Einfädeln willigt jeder Autofahrer stillschweigend in das freie Spiel mit den PS-Monstern ein. So sieht’s aus!

Rechts so…

Wo bleibt denn jetzt die Freiheit? In der Wahl der Fahrspur etwa? Schön wär’s. Die rechte Seite ist belegt mit einer gleichermaßen furchteinflößenden wie nervenden Armada von Lastkraftwagen aller Coleur. Jawohl, auch zur Geisterstunde hin. Der weltgrößte und zugleich reichste Sklavenhalter aller Zeiten, Jeff Bezos, kennt weder Empathie noch Schmerzen. Der Rubel muss rollen. 200 Milliarden Dollar Privatvermögen lagern wohl temperiert in seinem privaten Geldpool im amerikanischen Entenhausen.

Wir alle wissen, wie schnell 200 Milliarden Dollar sich in Luft auflösen können, wenn man einmal im Geschäftsleben nachlässig wird. Darum wird die Effizienzschraube im Amazon-Geschäftsmodell weiter gnadenlos angezogen. Jeff sucht übrigens aktuell in den USA 100.000 weitere Sklaven für seinen Versandhandel. Ein guter Mann! Und dieses ganze System findet natürlich (auch) seinen Niederschlag auf der rechten Spur deutscher Autobahnen.

Inkasso

Autobahn: Online-Kuriere im Temporausch

Die Innenstädte bluteten bereits vor Corona für jeden sichtbar aus. Dann kam die Brandbeschleunigung in Form der Pandemie. Millionen von Verbrauchern können nicht irren. Sie sind schließlich nicht blöd. Also schnell und sinnbefreit drei Sachen online bestellen, zwei wieder kostenlos zurückschicken. Das erfordert eine gewaltige Versandlogistik. Nächstes Mal bitte nicht meckern, wenn auf der Autobahn eine Fahrbahn durchgängig für ca. 54.000 Online-Kuriere bereitgehalten werden muss. Nachts. Tagsüber sind es dann ca. 89.000 Brummer.

Alles hat seinen Preis. Für den Raabler einen ziemlich hohen sogar. Er fährt nicht gerne schneller als 150 km/h. Man kommt ja auch als Schnecke ans Ziel. Was also tun, wenn bei ausgebauten zwei Autobahn-Spuren rechts kein Reinkommen ist und links der Audi-Konzern eine imaginäre Versuchsstrecke für seine rennsportbegeisterten Kunden installiert hat? Die lichthupen sich auch noch bei geschmeidigen 220 km/h den Weg frei.

Autoposer in Hamburg

Scheiß auf die Regeln!

Zum Glück ist die Nord-Süd-Achse vollgepflastert mit Baustellen aller Art. Der Raabler tippt auf überschlägig 1.345 automobile “Hindernisse”. Nadelöhrchen als Zwangsentschleuniger beruhigen ungemein. Erst recht dann, wenn aus klaustophobischen Gründen ALLE Verkehrsteilnehmer brav die rechte Spur nutzen. Geschwindigkeitsbegrenzung 60 km/h. Aber, komm’, scheiß auf die Regeln: Mitschwimmen im Konzert der Bekloppten nur mit mindestens 80 km/h möglich.

Bei Zuwiderhandeln droht Anschubser von hinten. Von einem Porsche? Nein, von einem ungeduldig heranbrausenden 40-Tonner der Versandfirma UPS, DPD, TNT, GLS, DHL oder Hermes. Amazon-Jeff beobachtet das wundersame Spektakel auf Deutschlands Straßen gelegentlich höchstpersönlich von einem seiner weltweit installierten 25 Millionen Kontroll-Monitoren. Ein visionärer Titan und wahrer Menschenfreund, dieser Bezos.

Und es ward’ Licht!

Zurück zum Kriegsschauplatz der Moderne. Hat man die Baustelle unfallfrei überlebt, folgt in der Regel der Übergang auf eine dreispurige Rennpiste. Endlich! Rechte Spur aus bereits erwähnten Gründen tabu. Linksaußen liefern sich Porsche, BMW, Mercedes, Volvo und Audi prickelnde Duelle auf höchstem Niveau. Vor lauter Lichthupen erstrahlt die Autobahn auch des nächtens wie zur Mittagszeit. Freie Fahrt für freie Bürger! Tempolimit statt Unfalltote? Nö, sagt Andy, der Bescheuerte!

Mit dem Tempo am Limit.

Was bleibt den Normalos auf der Autobahn? Richtig, die Mitte. Ein Erfolgsmodell. Politische Wahlen wurden und werden nur über die Mitte gewonnen. Das weiß jedes Kind. Bald auch die Grünen in der Regierungskoalition mit der CDU. Im Reich der Mitte wird man meistens prima in Ruhe gelassen und muss nicht groß nachdenken. Auf der Autobahn leider ein gewaltiger Trugschluß. Der bräsige Mittelstreifenfahrer wird von allen Seiten gefordert. Permanent!

240 km/h auf der Autobahn

Rechts erfolgt wie aus dem Nichts ein Ausscheren zum berühmt-berüchtigten Elephantenrennen. Verständlich! Wer zwei km/h schneller als sein vor ihm fahrender Kontrahent ist, muss seine Pace ausnützen dürfen. Klar! Zeitgleich erfolgt auf dem linksseitigen Formel 1-Streifen ebenso wild wie unangekündigt ein gänzlich anders motivierter Spurwechsel in die ach so goldene Mitte. Ein biederer VC 90 wird nonchalant bei 225 Klamotten von einem 911er penetriert. Ist es Udo? Furchtbar, überall immer nur noch Penetration. Das ist NICHT geil. Das sorgt für Frust.

LKW-Fahrer schaut Porno

Die Mitte muss es dann wieder ausbügeln, Na, toll! Wenigstens locken nach vier Stunden entspannter Autobahnfahrt unzählige Parkbuchten zu einer wohlverdienten Rast. Blöd nur, dass alle diese kurzen Fluchten komplett besetzt sind. Ratet mal, von wem? Richtig! Jeff, wir müssen mal ein ernstes Wörtchen miteinander reden. Was meinst du? Wie? Der Raabler soll gefälligst seine verdammte Fresse halten? Mensch, Jeff, so hätte dich das Alpha unter den Realsatieren nun nicht eingeschätzt.

Freiheit? Wurde wieder abbestellt…

Keine Chance. Weiter bis zu einer der nächsten großen Raststätten. In 55 Kilometern Entfernung. Bitte, Äuglein, fallt nicht zu. Bitte, Tank, lass’ noch ein wenig Tiger drin. Der Raabler zahlt dann auch gerne den völlig überteuerten Sanifair-Spritpreis. Neben hunderten von ruhenden Monster-LKW findet sich auch bestimmt noch ein Quetsch-Plätzchen für ein Stündchen Sand in den Augen. Bitte, bitte!

Und jetzt alle mitsingen: “Frei….heit! Frei…ha…ha…ha…heit! Wurde wieder abbestellt!” Der Raabler spart sich weitere Details von seinem Ritt ins Reinhold-Messner-Land. Nur ein klitzkleiner Aufreger muss noch rein in seine lustige Reisereportage. Getreu dem Motto: Das Beste zum Schluss! Schlau und naturverbunden, wie die Raablers nun mal sind, wählte man für die Schlussetappe nach Sissihausen die mautfreie Variante über den beliebten Reschenpass.

Stau in der Stadt

Auto-Wahnsinn trotz Corona

Dem Ziel so nahe und doch so fern. Nach sehr zäh fließendem Verkehr sah man sich in Schlagdistanz von der Kurstadt entfernt mit noch zäher fließendem Verkehr konfrontiert. Zur besten Corona-Mittagszeit um 13 Uhr. Was war da los? Ausnahmsweise eine weitere Baustelle? Ein Unfall? Nein, wie sich später herausstellte der ganz normale tägliche Auto-Wahnsinn auf dem Weg zum Sehnsuchtsziel.

Ungelogen: Die letzten 25 Kilometer wurden in rekordverdächtigen 105 Minuten zurückgelegt. Macht rabbler-summarum einen Schnitt von immerhin 14 km/h. Da war es endlich, das lang ersehnte i-Tüpfelchen für den Raabler. Nie wieder Zug. Ab jetzt nur noch mit dem Auto. Auch wenn bald schon kein Maskenzwang mehr herrschen sollte. Auto, Auto, Auto! Wie sehr haben Raabler und Raablerine das Gefühl von Freiheit und absoluter Selbstbestimmtheit vermisst. Keine halbherzig-billigen Kompromisse mehr. Nie wieder!

Südtirol

Was ist mit dem Thema Sicherheit? Hat der Raabler nicht vergessen. Es dürfte sich nur nach den o.a. Ausführungen erledigt haben. Und was ist mit dem Zeitvorteil? Den gibt’s, aber nur für Bahnreisende. Die obige Anreise mit dem Auto dauerte – drei Pausen inkludiert – ca. 18 Stunden. Die Bahn bringt seine “Südtiroler” in knapp 12 Stunden ans Ziel. Dafür kann man unterwegs machen, was man möchte: schlafen, Kopfhörer aufsetzen, in aller Ruhe essen und trinken, lesen, aus dem Zugfenster gucken, meditativ über das Leben nachdenken und Mundschutz tragen. Der Raabler nimmt’s nach dem Höllenritt auf der Autobahn beim nächsten Mal gerne in Kauf.

Autobahn-Update vom 20. September 2020…

Der einköpfigen Raabler-Redaktion wurden am heutigen Vormittag höchst brisante Informationen aus für gewöhnlich gut unterrichteter Quelle zugespielt: In einem bekannten Luxushotel im bayerischen Wildbad Kreuth soll es in der vergangenen Nacht zu einem informellen Geheimtreffen zwischen Verkehrsminister Andreas, dem Bescheuerten, und Jeff Bezos, dem größten Sklavenhändler der Welt, gekommen sein.

Deutschland ist in Europa bekanntlich der wichtigste Markt für den amerikanischen Versandhändler Amazon. Aus diesem Grund wollte Konzernchef Bezos für seine von ihm beauftragte Logistikflotte u.a. abklären, ob es im Rahmen von Sondernutzungsrechten Spielraum für nächtliche Kurier-Einsätze auf der Autobahn innerhalb eines zuvor abgesteckten Zeitfensters geben könnte.

Nachhaltigkeit

Jeff wäre bereit, für jeden gefahrenen LKW-Kilometer seiner Flotte bis zu 15 Cent auf den Tisch zu legen. Eine überschlägige Rechnung ergäbe zusätzliche Einnahmen für den Bund in Höhe von 3 Millionen Euro (40.000 LKW und Kurierfahrzeuge legen pro Nacht 500 Kilometer auf der Autobahn zurück). Macht über’s Jahr gesehen ca. 750 Millionen Euro für Andy-Boy.

Mit Schaum vor dem Mund soll dieser angeblich nach den Bedingungen für den Deal gefragt haben. Jeff soll unverblümt geantwortet haben:
Deutsches Nachtfahrverbot für PKW!

In diesem Sinne: Gute Nacht, liebe Freunde des Raabler-Blog!! Und träumt vom Fahrrad – der wirklich einzig verbliebenen Bastion der Freiheit!

Mit dem Fahrrad unterwegs

“Natürlich gibt es keine vernünftige Gesellschaft. Aber es gibt immer eine, die vernünftiger ist, als die bestehende. Und für sie müssen wir arbeiten.”
(Karl Popper, österreichisch-britischer Philosoph, 1902-1994)

Raabler-Blogpost:
Südtirol mit dem Bus erfahren

Raabler-Web-Tipp:
Warum ist der Aus- und Neubau von Lkw-Rastanlagen an Autobahnen so wichtig?

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