Reise

Autowahn im schönen Meran

Autos im Stau

Es soll ja fortschrittliche Menschen geben, die sich alle zwei Jahre die berühmte internationale Automobilmesse namens IAA in Frankfurt reinziehen. Einerseits, um in Sachen Umweltverschmutzung auf dem neuesten Stand zu sein. Andererseits, um sich die vielen weiblichen TOP-Modelle in ihren sexy Posen neben den blank gewienerten Edelkarossen nicht entgehen zu lassen. Mobilitäts-Experten sind sich uneins darüber, womit sie sonst die Eintrittspreise in Höhe von bis zu 15 Euro rechtfertigen könnten. Der Raabler muss schmunzeln, denn beides ist zum Beispiel auch in Meran zu bestaunen. Ohne Eintritt!

Gut, die Reise dorthin verursacht selbstverständlich Kosten. Aber man kann ja das Unnütze mit dem Erotischen verbinden, oder nicht? In Meran gibt’s nämlich auch beides – aber in der Freiluftversion: Eine unglaubliche Anzahl edelster Luxuskarossen und nicht wenige hübsch daher stolzierende Ladies. Es scheint eine magische gegenseitige Anziehungskraft zu geben. Hmmh. Von Letzteren soll hier ausnahmsweise mal nicht die Rede sein. Der Kenner schweigt und genießt. Von Genuß kann allerdings im Hinblick auf den perversen Straßenverkehr in den Sehnsuchtsorten Meran, Schenna und Umgebung schon lange keine Rede mehr sein.

Autoverkehr in Schenna

Die Boliden-Prominenz trifft sich in Meran

Stell dir vor, du fährst so ein Allerweltsauto wie den Porsche Cayenne. Die spärliche Grundausstattung mit lächerlichen 340 PS bekommst du bereits für 75.000 Euro förmlich nachgeschmissen. Damit trauen sich in den Touristenzentren von Südtirol höchstens noch die Auszubildenden aus dem dritten Lehrjahr auf die Straße. Nein, wenn schon ein Allerweltsauto von Porsche im SUV-Segment, dann doch wohl wenigstens den Achtzylinder mit 550 PS. In vier Sekunden auf Tempo 100. Mit ein bisschen Zubehör bedeuten 150.000 Euro gut angelegtes Geld.

Man braucht gewiss auch ein wenig Leistung unterm Arsch. Auf den (St)Autobahnen ab München bricht in Richtung Süden regelmäßig der Verkehr zusammen. Der clevere SUV-Fahrer und Südtirol-Fan weißt das natürlich im Vorwege, weil er mindestens zweimal im Jahr vom Gipfel des Hirzer den wunderschönen Ausblick in die grüne Talebene genießen möchte. Also muss er vorher in Deutschland anständig Gas geben, um die späteren zeitlichen Nachteile aufzufangen. Linke Spur, Lichthupe, 260 Klamotten. Locker bleiben. Man muss es ja nicht ausreizen. Die anderen Verkehrsteilnehmer sind schließlich auch noch da.

Ein Stau kommt immer zur Unzeit

Wenn der Navi für den Trip von Stuttgart nach Meran eine Fahrzeit von sechs Stunden berechnet, ist man als sportlich orientierter Autofahrer gut beraten, noch einmal 50% draufzuschlagen. Macht dann nach Raabler-Riese neun (!!) Stunden entspannte Mobilität. Ohne Pause. Dafür mit nölender FreGattin auf dem Beifahrersitz. Früher konnte man als Autofahrer(in) noch den Toilettengang zum Nachschminken und/oder Pipimachen einigermaßen kalkulieren. Nowadays liegen die Nerven bei unvorhergesehenem, aber dafür unbefristeten Stillstand auf Deutschlands liebsten Rennstrecken blank.

Autoverkehr am Ende

Und scheiss auf die Rettungsgasse. Die Schließmuskeln pfeifen sprichwörtlich aus dem letzten Loch. Wie sieht das denn jetzt aus? Aus dem Porsche Cayenne stante pede mit wehenden Fahnen – auch Hygienetücher genannt – ins nächstgelegene Gebüsch? Welch’ eine Demütigung. Noch dazu bei Tageslicht.

“Schatz, tu’ endlich was!”
“Ja, was denn?”
“Was weiß ich, nimm’ halt die Standspur!”
“Du weißt, dass das beim letzten Mal beinahe schief gegangen wäre!”
“Bei mir geht gleich was ganz anderes schief!”
“Oh, nein, nicht in den nagelneuen Cayenne!”
“Na, also, geht doch!”

Keine Show mehr in Meran

Und hat Familie Sorgenfrei nach diversen Krisenszenarien ihr PS-Ungetüm in der Trendfarbe meteor-graumetallic endlich an ihrem Tiefgaragen-Stammplatz (dort unten ist der Motorsound so richtig geil!) abgestellt, folgt am darauffolgenden Tag beim ersten heiß ersehnten Einkausbummel die Ernüchterung. Herr und Frau Sorgenfrei ist es nicht erlaubt, ihre gewohnte Show auf einer der vielen Einfallstraßen in den kurörtlichen Stadtkern von Meran abzuziehen. Es sind einfach zu viele Porsche Cayenne in den immer gleichen Farben – schwarz und eben graumetallic – unterwegs. Gefühlt jedes dritte Auto. Ein Desaster!

Mit dem Tempo am Limit.

Gelegentlich und fast schon glücklicherweise verlieren sich da auch mal schmalbrüstige Vehikel wie Audi Q8, BMW X7 oder diese Schrankwand namens TOUAREG – natürlich in schwarz oder grau – in der stinkenden Endlosschlange am Sissi-Denkmal. Aus Porsche-Sicht recht gern gesehene “Konkurrenz”-Modelle, weil sie imagemäßig klar unterlegen sind und das eigene SUV unfreiwillig gegenüber den vermeintlich bewundernden Blicken der bemitleidenswerten Fußgänger und Fahrradfahrer (Proletariat) glänzen lassen. Früher jedenfalls.

Jetzt bitte keine Neiddebatte

Und das ist die wahre Crux. Wenn sich keine Sau mehr für Porsche und Konsorten interessiert, dann ist es Zeit für eine Petition gegenüber den politischen Verantwortungsträgern in Meran und Umgebung. Ziel: “Begrenzung der einzelnen SUV-Kategorien auf eine bestimmte Anzahl von Geschossen zwecks Aufrechterhaltung von Unterscheidungs- bzw. Alleinstellungsmerkmalen.” Reichtum darf nicht zur Massenware verkommen. Man muss auch an die Bürgerinnen und Bürger denken.

Raabler kotzt auf die Motorhaube eines SUV

Die kriegen sonst alle Minderwertigkeitskomplexe, weil sie in Anbetracht der unzähligen Luxusautos denken müssen, dass sie in ihrem Leben etwas falsch gemacht haben. Eine unnötige Vorstellung, die es schon im Keim zu ersticken gilt. Fruchtlose Neiddebatten kämen ebenfalls zur Unzeit. Und überhaupt kann es nicht allen gleich gut gehen. Ist rechnerisch gar nicht möglich und wäre für’s eigene Ego geradezu fatal. So fatal wie die neuerdings abschweifenden Blicke der – des Cayenne mittlerweile überdrüssigen – Ehegattin.

Man sieht sich…in Meran!

Mann und Frau haben ja schließlich jede Menge Zeit für neue Inspirationen im innerstädtischen Stillstandsverkehr. Wohin schweifen denn die Blicke der Gattin so ab? Ach, gucke, ein Maserati-Cabrio im knalligen korallenrot.

“Na, der traut sich was. Aber hast du diese Schnepfe im Grace-Kelly-Look auf dem Beifahrersitz gesehen? Ein wenig lächerlich, der Auftritt, findest du nicht, Liebster?”
“Wie du meinst, Liebling.”
“Aber wenn man von den arroganten Insassen mal absieht, ein durchaus schönes Auto. Endlich mal ein echter Hingucker, findest du nicht, Schatz?”
“Bin ganz deiner Meinung, Liebling.”
“Und fährt nicht jeder.”
“Und fährt nicht jeder.”
“Und?”
“Lass’ uns zuhause in Ruhe drüber reden, ja?”
“Immer weichst du mir bei jedem noch so kleinen kleinen Problem aus. Merkst du das eigentlich gar nicht?”
“Ach, haben wir schon wieder ein kleines Problem?”

Südtirol

Gesprächsinhalte, die kein Autolenker im Ultra-Urlaubsstau gebrauchen kann. Die Flanierstraßen von Meran haben ihre eigenen Gesetze. Und wenn sich Lack und cool abgedunkelte Fensterscheiben noch so sehr um missgünstige Blicke vom Rand der Gesellschaft…Verzeihung!…Straße bewerben mögen. Alles vergebens. Die mittlerweile verwöhnten Augen der Einheimischen schauen erst wieder in Richtung Brumm-Brumm-Tuut-Tuut, wenn gefühlt die magische 500-PS-Marke durchbrochen wird und/oder ein wohl erhaltener Oldtimer genüßlich und gemütlich vor sich hin brummelt.

Geld stinkt doch!

Frau Sorgenfrei müsste ihren Mann beizeiten überreden, den nächsten Südtirol-Aufenthalt mit einem Maserati, Lamborghini, Ferrari oder Rolls Roys anzutreten. Es gilt, aus “Fehlern” zu lernen bzw. sich geänderten Umweltbedingungen best- und schnellstmöglich anzupassen. Die heimische Portokasse dürfte das wohl noch hergeben, oder nicht, Schatz? Außerdem gibt’s eh’ keine Zinsen mehr für Ersparnisse. Höchstens Negativzinsen. Hau’ raus, die Kohle. Mann lebt nur einmal. Frau auch. Scheiß’ auf schmelzende Polkappen. Das ganze Programm…

Tatsächlich präsentiert sich Meran dem Raabler wie einer der letzten Rückzugsorte für umweltbewusste Millionäre. Hier sind sie willkommen. Hier dürfen sie sein. Hier ist man weitestgehend unter sich. Wie auf Sylt, nur eben nicht flach am Meer, sondern mitten in den Alpen. Gut, wenn die Reichen nicht so üppig Geld da ließen, würde man sie hochkant vom Acker jagen. Zum Beispiel, weil sich diese Blechlawinen aus aberwitzigen PS-Monstern sich so gar nicht mit den idyllisch-blumigen Beschreibungen in den Hochglanz-Werbebroschüren vereinbaren lassen. Geld stinkt doch!

Südtirol: Wenn das Warten auf den Bus kein Ende nimmt...

Aber der Raabler gibt die Hoffnung auf bessere Zeiten in einem der angesagtesten Urlauber-Hotspots Mitteleuropas nicht auf. Zu groß ist die Zahl derjenigen, die er geduldig wartend an den vielen Bushaltestellen gesehen hat. Immer größer die Zahl derjenigen, die trendy und klimabewusst auf stylischen E-Bikes das wuselige Straßenbild oder manch’ abgelegener Piste prägen. Und schließlich zu jeder Tageszeit: Die vielen, vielen Wanderer mit entsprechendem Schuhwerk und farbenfrohen Rucksäcken auf den Schultern. Sie alle lassen – zumindest vorübergehend – das Auto stehen. Geht doch!

Die Bronzemedaille geht nach Südtirol

Zum Schluss noch ein paar griffige Zahlen, die belegen, dass Raablerchen in seinem Blogpost mal wieder NICHT übertreibt, sondern lediglich das Grauen mittels Humor an den Mann/die Frau zu transportieren versucht. Anders als in Form einer Realsatire wäre es auch gar nicht auszuhalten, stimmt’s? Also, bitte anschnallen: Laut einer Eurostat-Statistik für 2017 erhebt Südtirol den traurigen Anspruch auf die dritthöchste Fahrzeugdichte in ganz Europa. “Besser” sind nur noch das Aostatal und das Trentino. Viva l’Italia!

Almabtrieb in Pfelders

Pro 1000 Einwohner werden beachtliche 876 Fahrzeuge bewegt. Berlin kommt vergleichsweise auf immerhin 330 Autos. Aber dieses Städtchen ist ja auch nur ein unbedeutendes, unterentwickeltes Provinznest. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass die deutsche Hauptstadt logischerweise über bessere Optionen verfügt, einen alternativen öffentlichen Nahverkehr auf die Beine zu stellen. Verglichen mit einer landschaftlich zwar reizvollen aber eben auch zerklüfteten bzw. zerstückelten Berg- und Talregion. Dennoch, die Bronzmedaille will erst einmal gewonnen sein. Und darum: “Herzlichen Glückwunsch, Südtirol!”

Es gibt noch viel zu tun! Packt’s endlich mal an!

“Eitelkeit ist die Gabe, sich noch wichtiger zu nehmen, als man sich fühlt.”
(Victor de Kowa, dt. Schauspieler, Dichter und Regisseur, 1904-1973)

Raabler-Blogpost:
Stau mal wieder!

Raabler-Web-Tipp:
“Stau gab es auch vorher”