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Balearen: Sauftourismus adé

Sauftourismus auf den Balearen

Die Regionalregierung der Balearen mit Sitz in Palma de Mallorca hat dieser Tage zum 150igsten Mal in Begleitung größtmöglicher medialer Aufmerksamkeit beschlossen, dem imageschädigenden Sauftourismus auf ihren Inseln endgültig Einhalt zu gebieten. Das Verkündigungsjubiläum wurde standesgemäß hinter verschlossenen Türen mit einem beispiellosen Saufgelage zelebriert. Selten war eine derart wohlig-launige Stimmung unter den vollständig vertretenen Regierungsmitgliedern samt seines Präsidenten zu konstatieren. Die üblichen 10-Liter-Kübel blieben an jenem Abend gut versteckt in der Parlamentsküche zurück.

Ganz dem umweltlichen Zeitgeist verpflichtet platzierte man stattdessen mit dem berühmten Mallorca-Wappen verzierte 5-Liter-Eimer auf den Edelholztischen. Aus hygienischen Gründen jedem Mitglied sein eigenes Behältnis. Die traditionsbehafteten 50cm-Strohhalme wurden klaglos durch umweltfreundlich verkürzte Metallversionen ersetzt. Kein Zweifel, es wehte der “Wind Of Change” durch die gediegenen Räumlichkeiten. Jeder Abgeordnete hatte an jenem Tag das Gefühl, einem außerordentlich geschichtsträchtigen Moment beizuwohnen. Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Beschlüsse, die in erster Linie die Inseln Mallorca und Ibiza betreffen…

Balearen: Weiße Linien statt weiße Flecken

Werbliche Hinweise auf Alkohol dürfen nur noch eingeschränkt erfolgen. Darauf müssen sich vor allem die Gastro-Meilen an der Playa de Palma und in Magaluf (beide Mallorca) als auch die Party-Hochburg in Sant Antoni (Ibiza) einstellen. Es gibt zwar im ganzen Balearen-Archipel keine weißen Flecken mehr – Alkohol und Drogen werden zu jeder Tages- und Nachtzeit quasi überall und selbstverständlich ohne jegliche strafrechtliche Konsequenzen konsumiert. Aber irgendwo muss man ja schließlich anfangen. Sollte sich aufgrund der nun strengeren Vorschriften völlig überraschend die Szene verlagern, so werden seitens der Balearen-Regierung umgehend neue Notstandsgebiete definiert.

Urlauber im Stress: Kriminalität auf Mallorca

Auch wenn es sich unglaublich anhören sollte, könnten dann theoretisch sehr rasch klassische mallorquinische Wohlstandshochburgen wie z.B. Port d’Andratx, Valldemossa, Sóller und Canyamel in den Fokus der unbestechlichen Behörden geraten. An diesen stil- und niveauvollen Destinationen hält man allerdings nicht allzu viel von Eimer-Saufen und Kifferei. Hier gibt man sich unter Gutbetuchten den Heilkräften hochwertigster gegorener Trauben sowie den Segnungen der viel gepriesenen weißen Linie hin. Kein Gegröle. Man kennt und schätzt sich. Und bleibt liebend gerne unter sich.

Was sind “werbliche Hinweise auf Alkohol”?

Dazu zählen u.a. das Anlocken vergnügungswilliger Touristen durch immer öfter unzüchtig gekleidetes akquisitorisches Potential vor den Bars und Diskotheken. In erster Linie seien hier sexy Studentinnen mit Bachelor- oder Masterstudiumabschluss genannt, die in Kaschemmen der übelsten Sorte nächtigen müssen, um sich mit dieser Koberei zum Sklavenlohn ihren Instagram-Ferienaufenthalt im Sonnenparadies zu verdienen. Für viele von ihnen offensichtlich eine annehmbare Flucht aus der ewigen Praktikumsschleife in ihren Herkunftsländern.

In diesem Kontext stehen künftig Angebote wie (“Happy-Hour”-)Rabatte auf bestimmte Alkoholika, organisierte Gruppenführungen durch Lokale aller Coleur und Flatrate-Saufen unter besonderer Beobachtung. Kneipiers und Barbesitzer, die gegen die neuen Regeln verstoßen, drohen, je nach Schwere des Vergehens, bis zu sechs Jahre Isolationshaft. Oder bis zu sechs Millionen Euro Geldstrafe. Oder bis zu 600 Euro? Man weiß es nicht genau. Jedenfalls äußerst abschreckend für die unter permanenten Konkurrenzdruck stehenden Geschäftsinhaber. Danach bemessen sich nämlich gewisse Handgelder…

Neue Trendsportart auf den Balearen

Der touristische Zeitenwandel schlägt mit aller Staatsmacht zu. Es gibt kein Zurück. Zu groß ist der Leidensdruck innerhalb der einheimischen Bevölkerung geworden. Wer will schon beim vormittäglichen Strandspaziergang kotzende Deutsche und Engländer beobachten müssen? Junge Frauen und Männer, die fast nackt und nahezu regungslos, aber dafür sonnenverbrannt auf ihren mit was auch immer durchfeuchteten Handtüchern abliegen. Schlafen die? Sind die im Wachkoma? Oder vielleicht schon tot? Nur der treue Hund als Begleiter des Spaziergängers könnte schnell Licht ins Dunkel bringen, wenn man ihm erlauben würde, sein Geschäft…na, du weißt schon!

Diebesbanden

Neben dem exzessiven Alkohol- und Drogenmissbrauch hat sich unmerklich eine weitere extravagante Trendsportart auf den Balearen etablieren können: Balconing. Noch nie gehört? Dann wird’s aber Zeit. Beim Balconing gibt es zwei Disziplinen. Die Ursprungsidee: Vom eigenen auf den Balkon des Nachbarn bzw. meist der Nachbarin klettern. Ein Mindestabstand von 3,05 Metern sollte stets eingehalten werden (entspricht der Höhe eines Basketballkorbes), um als klassisches Balconing zu gelten.

Eine Pussy zieht mehr wie 20 Ochsen!

Klettern ist zwar erlaubt. Wird jedoch in der Szene mittlerweile müde belächelt. Die Distanz sollte schon – unabhängig von der luftigen Höhe – per Sprung bewältigt werden. Worin liegt der Reiz? Es gibt nur einen Versuch. Die mit so viel feurigen Mut Bedachte auf dem Nachbarbalkon interpretiert diese Aktionen zurecht als echten und einzig akzeptablen Liebesbeweis. Überlebt der junge Mann das Spektakel, hat er im Anschluss leichtes Spiel mit seinem für gewöhnlich unter Alkohol und Drogen stehenden Objekt der Begierde.

Es hat sich bewährt, dass auch der “Springer” unter Einfluß von Promille und/oder Ecstasy steht. Dann hört er bei einem möglichen Fehltritt den eigenen Aufprall am Boden nur noch dumpf. Oder gar nicht mehr. Der perfekte Übergang ins Ewige Reich. Bewunderer wären ihm nach dem ersten Schock gewiss. Unterm Strich eine klassische Win-Win-Situation: Bei Erfolg erwartet ihn die vermeintliche Jungfrau – sofern sie nicht schon in ihren Gemächern aus den o.a. Gründen vor sich hin schnarcht. Bei Misserfolg entgeht ihm die Rückreise nach Deutschland und somit das sichere Sich-Wieder-Einfügen in die beruflich obligatorische Praktikums-Dauerschleife. Die gilt ja schließlich auch für Jungs…

Es gibt immer noch eine Steigerung…

Zur unstrittigen Königsdisziplin beim Balconing zählt der Sprung vom Hotel-Balkon in einen möglichst kleinen und dabei nicht zu tiefen Pool. Als Orientierung für die Mindestabsprungshöhe dienen die berühmten 6,16 Meter (aktueller Stabhochsprung-Weltrekord; aufgestellt durch den Franzosen Renaud Lavillenie). Eine gewissenhafte Vorbereitung durch die Einnahme enthemmender Stimulanzien erhöht den Thrill. Die Extrem-Sportart wird logischerweise von einer testosterongesteuerten Hotel-Klientel dominiert. Kein schöner Anblick, wenn die Flugphase von den Schaulustigen als durchaus gelungen bezeichnet wird, die Landung jedoch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Desaster endet.

Sonnenstich.TV

Wie dem auch sein: Den spanischen Tourismusverantwortlichen auf den Balearen ist das Balconing in urlaubiger Sonnenuntergangskulisse zurecht ein Dorn im Auge. Es stehen Geldstrafen von 600.000 bis 6 Millionen Euro im Raume. Je nach Flugkurve und Aufprallverhalten. Und je nach Höhe der anschließend vom bemitleidenswerten Tatortreiniger in Rechnung gestellten Kosten. Auf diesen bleiben in der Regel die bedröppelten Hoteliers hängen. Als wenn die nicht schon genug andere Probleme hätten. Das gönnt man selbst seinen ärgsten Feinden nicht.

Sauftourismus und die olympische Idee

Ungeachtet der zwiespältigen Kommentare und Einschätzungen zum viel diskutierten Themenkomplex “Sauftourismus” tauchen vermehrt Stimmen auf, die aus der Misere noch Kapital schlagen möchten. Wie bereits an anderer Stelle auf dem Raabler-Blog erwähnt, sollen in nicht allzu ferner Zukunft “Sportarten” wie Breakdance und diverse E-Gaming-Spiele (wie z.B. “Legendäre Panzerschlachten des Zweiten Weltkriegs” oder “Der Dritte Weltkrieg”) olympisch werden. Unter diesem Aspekt erschiene es nur als konsequent, Disziplinen wie “Flatrate-Saufen” und “Balconing” in die Liste der förderungswürdigen Leibesertüchtigungen aufzunehmen.

Diese reizvolle Vision könnte der Thematik auf den Balearen ein wenig die Schärfe nehmen. Die Spanier würden alle Maßnahmen ergreifen, um sich im Medaillen-Kampf gegen starke internationale Sauf-Konkurrenz zu behaupten. Mehrwöchige Trainingslager in landschaftlich reizvollen deutschen wie englischen Urlauber-Hochburgen böten sich an. Man stelle sich vor, wie tausende Spanier unsere beliebten ostfriesischen Inseln als auch die betuchten Kanalinseln fluten, um von den besten Sauftouristen der Welt zu lernen.

Sylt und Guernsey sind zum Kotzen schön!

In der Fremde lässt es sich bekanntlich unbeschwerter daneben benehmen. Nordseeperlen wie Sylt oder Guernsey wären mit Sicherheit perfekte Gastgeber und ein nie versiegender Quell der Inspiration für alle Anhänger der sportlichen Trinkkultur. Mit offenen Armen hieße man die künftigen spanischen Olympioniken willkommen. So wie die Bewohner der Balearen seit Jahrzehnten unsere degenerierten Pappnasen empfangen. Nebenbei bemerkt: Ein noch intensiverer Jugend- und Kulturaustausch unter Europäern könnte wunderbar als Basis für eine friedvolle und dauerhafte Völkerverständigung dienen – ganz im Sinne der europäischen Idee. Trotz oder gerade wegen Brexit.

Instagrammable

Bis es jedoch soweit ist, wird noch viel blutiger Sangria im warmen, weißen Sand der Playa de Palma versickern und so manche Scherbe einer abgebrochenen Bierflasche den torkelnden Gang zu nächstgelegenen Apotheke forcieren. Alles Kinderkrankheiten, die uns ungeachtet der Klimakrise nicht den Blick auf das Wesentliche vernebeln sollten: Wir fliegen meilenweit für einen Horror-Trip, an den wir uns im Anschluss nicht mehr erinnern können. Stimmt’s, oder hat der Raabler recht?

Kleiner Nachtrag zu den Balearen:

Laut einer Statista-Umfrage aus dem Jahre 2017 zur Reisemotivation der deutschen Mallorca-Urlauber gaben an:
77 Prozent wegen “Natur und Landschaft”
12 Prozent wegen “Nachtleben”

Ein offensichtliches und bekanntes Phänomen wie bei den asozialen Medien. Eine bedeutungslose Minderheit macht den großen Affenzirkus und versaut den Gesamteindruck. Wie schade…

“Man sollte den Menschen auch die Freiheit geben, zu gehorchen.”
(Ludwig Marcuse, deutscher Philosoph und Schriftsteller, 1894-1971)

Raabler-Blogpost:
Mallorca: Eldorado für Langfinger

Raabler-Web-Tipp:
Deutsche Rüpel auf Mallorca


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