Reise

Boarding time

In Sachen Disziplin macht den Deutschen niemand etwas vor

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Urlaubszeit ist die schönste Zeit. Das weiß doch jeder. Was bedeutet schon ein ganzes Arbeitsjahr im Hamsterrad, wenn man sich als Belohnung für die täglichen Strapazen zwei Wochen in einer ausgebuchten Bettenburg am Meer gönnen kann? Der Erholungswert geht zwar meist gegen Null, aber dafür werden in den ersten Tagen danach die Kolleginnen und Kollegen im Büro im Neid-Schnack aufgehalten. Zeit gewinnen lautet die Devise, um sich allmählich wieder an den Trott zu gewöhnen. Und nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, klar.

Der Raabler liebt seit jeher das Drumherum, den Charme und die Atmosphäre vor allem von Flug-Pauschalreisen. Ruckzuck ist die Reise mit dem Traumziel gebucht. Ruckzuck ist die schlaflose Nacht vor dem Abflug vorbei, weil man ja frühzeitig am Terminal zum Einchecken bereit stehen muss. Ruckzuck geht es mit ordentlicher Verspätung wegen unerwarteter Graupelschauer und dem Rail&Fly-Ticket in der Hand von der Provinz in die Weltstadt. Ruckzuck hat man sich an den Schienenersatzverkehr gewöhnt und daran, dass derjenige, der im heutigen Mobilitätszeitalter noch an Planbarkeit glaubt, gewaltig einen an der Waffel haben muss.

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Pendlerglück muss man nicht haben

Betritt man schließlich über diverse Rolltreppen (von denen bestenfalls nur die Hälfte funktioniert) endlich die riesige Abflughalle des internationalen Airports, verwandeln sich alle eventuell zuvor erlittenen und durchfluchten Unannehmlichkeiten in lästige Randnotizen ohne jeden Erinnerungswert. Der Raabler und seine beste Lebensgefährtin von allen stehen sprichwörtlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Stank es kurz zuvor im Nahverkehr noch penetrant nach Pendlerglück, so umschmeicheln die Flugtouristen nun die schweren, süßen Düfte der großen, weiten Douglas-Welt. Herrlich!

Natürlich fällt bei der Vielzahl der ungewohnten Eindrücke die Orientierung nicht immer leicht. Zu hoch ist die permanente Gefahr der hochhackigen Ablenkung durch gruppendynamisches Vorbeischweben überdurchschnittlich gut zurechtgepinselter Saftschubsen – im Schlepptau ihres nach außen hin weltmännische Souveränität versprühenden Kapitäns mit ehrfurchtgebietender Mütze auf dem Kopf und ordentlich Lametta auf den breiten Schultern. Die gut gelaunten Crewmitglieder halten in der rechten Hand den obligatorischen, umweltfreundlichen Coffee-to-go-Becher, in der linken den als Bordcase getarnten Beischlaf-Utensilienkoffer mit unverwechselbarem Firmenlogo.

In den Urlaub fliegen

Besser Personenkontrolle als gar keinen Sex

Wo ist der Schalter zum Einchecken? Intuitiv sucht der Raabler stets nach der größten Menschenansammlung im gesamten Terminalbereich. Das hat bisher stets zuverlässig funktioniert und warum sollte man auf bewährte Strategien ohne Not verzichten? Ruckzuck hat man den Parcours hinter sich gelassen. Ruckzuck hat man seine demütig vorgetragenen Platzwünsche nicht erfüllt bekommen, da steht man auch schon ruckzuck absolut stressfrei und entspannt zum Nackigmachen bei der freundlichen Personenkontrolle an.

Alles muss raus! Schlüssel raus, Geldbörse raus, Smartphone raus, Schweizer Taschenmesser reflexartig einem ungläubig dreinblickenden Kleinkind in die Hand drücken (bevor es offiziell und auf Nimmerwiedersehen im Mülleimer entsorgt wird), schnell noch die blöde Wasserflasche leersaufen, Schuhe aus, Jacke aus, Gürtel ab…ach, komm’, wer extremes Glück hat, an dem wird ein Wischtest zum Auffinden von Sprengstoffspuren an der Kleidung vorgenommen. Mehr geil geht nun wirklich nicht. Es ist Urlaubszeit und alle haben ein Lächeln auf dem Gesicht. Logo!

Über den Wolken

Silberrücken an Silberrücken

Die Belohnung für das bisher klaglos durchlebte und überstandene „Urlaub-von-Anfang-an-Wellnessprogramm“ folgt sogleich auf eingeschlafenem Fuße. Der vor lauter Top-Sonderangeboten überquellende und von nahezu ungeschminkt dahin stolzierenden Verkäuferinnen präsentierte Duty-Free-Shop? Ja, der auch. Der Raabler meint jedoch in erster Linie die Wartezone am Gate XY. Nett anzuschauende Models sucht man hier vergeblich. Weil es eben nicht nach Ibiza, sondern auf die Kanaren geht, hat sich eher das grau-melierte 65+Publikum eingefunden. Zu dem der Raabler in gar nicht allzu ferner Zukunft ebenfalls gehören wird. Tja…

Da sitzen sie nun herum. Die Mittelstands-Silberrücken in der luftigen Lounge mit der beeindruckenden Fensterfront und dem unverbaubaren Blick auf das Rollfeld. Man sieht ihnen die Vorfreude auf die kommenden Urlaubstage in den bereits gut vorgebräunten Gesichtern förmlich an. Zumindest dann, wenn sie den Blick mal von ihrem Tablet oder Smartphone abwenden, um Neuankömmlinge in völliger Teilnahmslosigkeit kühl und distanziert zu mustern.

Rentner an einem kanarischen Strand

Endlich mal raus aus dem anstrengenden Rentner-Alltag mit all seinen festen Verpflichtungen, wie Frühstück, Mittagessen, Kaffeezeit und Abendbrot. Dazwischen die obligatorische Zeitungslektüre und die täglichen TV-Lieblingsserien (die Folgen 2.498 und 3.523 bitte nicht verpassen!). Gut, ab und zu bei Außenterminen in der Stadt unschuldige Fahrradfahrer von der Seite anpöbeln – das muss sein. Aber dieser ewig gleiche Trott macht irgendwie mürbe und ja: urlaubsreif!

Letzte Essensausgabe vor dem Weltuntergang

Das höchste Vergnügen für den Raabler stellt sich bei der sehnsüchtig erwarteten ersten Durchsage aus den wie üblich viel zu leise eingestellten Hallen-Lautsprechern in der Boarding-Zone ein:

„Die Passagiere des Fluges 1368 von Trullatrulla nach Ballaballa, planmäßige Abflugzeit 09.45 Uhr, werden gebeten sich zum Ausgang XY zu begeben. Bitte halten Sie Ihre Bordkarten sowie Ausweispapiere bereit. Es werden zuerst die Passagiere der Reihen…“

Tumulte beim Boarding
Urlaubsreife Pauschaltouristen aus allen Teilen Deutschlands demonstrieren eindrucksvoll ihre Königstugenden wie Disziplin, Rücksichtnahme und vorausschauendes Denken. Illustration: Felix Gröger

Tumultartige Szenen. Die allerletzte Essensausgabe vor dem Weltuntergang? Zum Glück nicht, aber: Die grau-braune Masse hat schon mal auf deutsch nicht richtig verstanden, was Sache ist. Weil sie u.a. vor lauter Langeweile, gepaart mit Tendenz zu Übermüdung und Entkräftung, intensivst mit digitalem Spielzeug aus dem Hause Samsung, Apple, Huawei und Konsorten beschäftigt war. Tja, und weil es auf deutsch nicht recht geklappt hat, wird die wichtige Boarding-Durchsage noch einmal auf englisch wiederholt. Was leider auch keinen Mehrwert bringt, denn die critical mass hat sich wie auf Knopfdruck in Form einer schnaufenden Dampfwalze unaufhaltsam in hektische Bewegung gesetzt.

Jetzt geht’s looohos! Jetzt geht’s looohos! Nix geht looohos! Außer der Schuss nach hinten, natürlich. Ist doch klar, was jetzt kommt, oder? Wenn aus nachvollziehbaren Gründen zunächst die hinteren Reihen im Flieger besetzt werden sollen, macht es wenig Sinn, wenn alle 189 Passagiere sich beim Boarding um den Ersteinstieg am Gate XY kloppen. Genau das passiert jedoch. Immer und immer wieder. Scheinbar und offensichtlich auch den erfahrenen Flugreisenden.

Das Abfertigungspersonal ist zurecht hochgradig genervt. Die Urlaubs-Meute reklamiert ebenfalls allen Grund zum Jammern und Klagen für sich. Zu Unrecht, natürlich. In jedem Fall verzögert sich die Abflugzeit. Bravo! Das wiederum gibt erneut Anlass zum Tuscheln und Nörgeln beim Gang in den Bauch des Fliegers. Na, prima, denkt sich der Raabler, dann ist ja für alle gesorgt. Mit Meckern lässt sich das schnöde Leben einfach besser ertragen. Es trägt zum deutschen Wohlbefinden bei. Auch deshalb sind wir wohl auch Reiseweltmeister!

Sauftourismus auf den Balearen

Wie man das Boarding optimiert

Vor dem geistig umnachteten Auge des phantasiebegabten Raablers wogt eine eine Idee hin und her, rauf und runter. Wie ließe sich das übliche Chaos beim Boarding vermeiden? Hier seine Vorschläge:

1.) Drei Minuten vor der eigentlichen Boarding-Durchsage erklingt in angemessener Lautstärke die deutsche Nationalhymne über die Lautsprecher innerhalb der Lounge. Der Text zum Mitsingen wird über das Laufband mit den sonstigen Fluginformationen bereitgestellt.

2.) Eine Minute vor der eigentlichen Boarding-Durchsage ergeht eine üble Schimpftirade aus prominentem Munde (z.B. Ulrich Wickert, Judith Rakers, Martina Hill, Hape Kerkeling oder Bastian Pastewka) an die Adresse der Silberrücken-Herde. Prominenz deswegen, weil dann gleich der humorvoll-erzieherische Charakter der Maßnahme unmissverständlich zutage treten würde. Der Wortlaut könnte z.B. so lauten:

„An alle Hungerlappen, Depressiven, Gelangweilten, Gicht- und Rheumageplagten und sonstige Spacken am Gate XY: Jetzt einfach mal die Wischerfingerchen vom Screen, die In-Ears aus den selbigen genommen und für läppische 15 Sekunden die verdammte Hackfresse gehalten. Es folgt im Anschluss eine sinnvolle Durchsage der Fluggesellschaft, deren Befolgung euch allen das Prozedere des Abflugs einfacher und stressfreier gestalten wird. Seid so lieb und verhaltet euch ausnahmsweise mal so, wie ihr es jeden verdammten Tag von euren Enkelkindern in der Schule erwartet. Respekt- und rücksichtsvoll. Gegenüber dem Flughafenpersonal und den Mitreisenden. Ist das zuviel verlangt?“

Sonnenstich.TV

Diese „Ansage“ würde wahrscheinlich nicht nur der Raabler gerne mal livehaftig erleben. Das  Rauschen und Räuspern im empörten Silberrückenwald. Und kurz darauf die einzigartige und gewünschte Stille im Raum. Göttlich! Falls sich anfangs kein Prominenter für den gewiss anspruchsvollen Sprech-Job finden sollte, wäre der Raabler ohne Probleme und jederzeit gerne bereit, für den Übergang einzuspringen. Die nötige Wut und Häme kämen in jedem Fall bestens rüber. Der Raabler hat fertig!

„Das Praktische am Urlaub ist, dass er einem nicht nur die Kraft gibt, die Arbeit wieder aufzunehmen, sondern einen auch derart pleite macht, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt.“
(Unbekannter Autor)

Raabler-Blogpost:
Traumurlaub am Meer

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Best of Loriot: Die Landung