Gesellschaft

Deutschland, deine Wartezimmer!

Ein Doc-tor wartet auf den nächsten Patienten

Es wird voll. Noch voller. Und ein Ende der Völlerei ist nicht absehbar. In der Luft. Auf den Kreuzfahrtschiffen. In den Urlauber-Hotspots. In den Städten. Auf den Straßen. In den Zügen. In den S- und U-Bahnlinien. Auf den Wohnungsmärkten. In den Krankenhäusern. In den Alten- und Pflegeheimen. Bei den Tafeln. Auf den Servern, in der Cloud und den Dating-Portalen im Internet. Und, war sonst noch was? Ach, ja, natürlich auch im Wartezimmer unserer ärztlichen Vollkasko-Republik.

Über ein Dutzend seriöser Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Deutschen durchschnittlich drei Mal pro Woche eine Arztpraxis aufsuchen. Als erste Anlaufstelle dienen naturgemäß die allgemein praktizierenden Mediziner. Von dort erfolgt je nach Bedarf eine Weiterleitung an den Spezialisten. Statistisch ausdrücklich nicht erfasst werden in diesem Zusammenhang Besuche bei tierärztlichen Praxen. Deren Frequenz hat nachweislich in der letzten Dekade überproportional zugenommen. 20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung!

Wartezimmer bei Tierärzten leerer

Eine erstaunliche Entwicklung, die sich Experten nur unzureichend mit der Zunahme von Tier-Haushalten hierzulande erklären können. Die Autoren der Studie vermuten, dass im Falle überfüllter Wartezimmer in den allgemeinen Arztpraxen gerade ältere Menschen immer häufiger auf traditionell weniger ausgelastete Tierarztpraxen ausweichen. Über das Medium “Hund-Katze-Maus” werden auf elegante Weise eigene Befindlichkeiten thematisiert. Hauptsache man hat einen Ansprechpartner. Für was auch immer. Und eben einen bequemen Sitzplatz im Wartezimmer.

Diskretion in der Arztpraxis

Erste Tierärzte in den Ballungsräumen fühlen sich ob dieser Tendenz gleichermaßen überfordert als auch ausgenutzt. Sie schlagen zurecht Alarm. Gesundheitsminister Jens Spahn ist die Problematik seit längerem bekannt. Er sieht die ca. 3 Millionen Arztpraxen (ohne Tierärzte) in Deutschland in der Pflicht, zumindest in einem ersten Schritt die Sitzplatzkapazitäten in den Wartezonen um mindestens 50% zu erhöhen. Die dadurch verursachte finanzielle Mehrbelastung hielte sich in Anbetracht der aktuellen Nullzinsphase im überschaubaren Rahmen.

Horrorszenario Einsamkeit

Im gleichen Atemzug richtet der Minister einen allgemeinen Appell an seine ärztliche Klientel: Allein aus demographischen Gründen wird sich die Anzahl der zu behandelnden Patienten in den nächsten 10 Jahren verzehnfachen. Eine wünschenswert höhere Lebenserwartung geht erfahrungsgemäß leider auch einher mit schlechter Laune, Langeweile, Bewegungsunlust, Fehl- und Mangelernährung, den üblichen echten und eingebildeten Zipperlein und einer gehörigen Portion Einsamkeit.

ZDF-Quiz-Champion

Was passiert nämlich, wenn alle Kreuzworträtsel gelöst und die wichtigsten 34 Millionen Quizfragen von den hochdotierten TV-Rate-Monstern namens Jörg Palawer, Alexander Pommes, Johannes Hohes C. Kerniger, Günther Jauche und Kai (die) Pflaume wie in einer unheilvollen Endlosschleife wieder von vorne zu beginnen scheinen? Dann verliert der Fernsehkonsum seine allerwichtigste Funktion in einer alternden Gesellschaft: die der Ablenkung von einer sonst kaum zu ertragenden kollektiven Vereinsamung. Ein Horrorszenario.

Wartezimmer statt Einsamkeitsministerium

Ein natürlicher menschlicher Reflex dem entgegen zu wirken, wäre beispielsweise die (Wieder-)Aufnahme bzw. Pflege von Beziehungen zu anderen (Mit)Menschen. Zumindest theoretisch eignen sich hierfür in besonderer Weise: Ehe- und Lebenspartner, Kinder- und Enkelkinder, sonstige Verwandte und Bekannte, Nachbarn, Freunde, aktuelle oder ehemalige Kollegen aus Beruf, Schule und Verein. Soziologen sind zunehmend besorgt, dass diese traditionellen Beziehungsgeflechte keine oder kaum noch eine Rolle spielen.

Netflix macht müde

Im übrigen keine bahnbrechend neue Erkenntnis, die nur auf unsere älteren Mitbügerinnen und Mitbürger abzielt. Die jüngere Generation hat im bewusst wie unbewusst herbeigeführten Vereinsamungsprozess das Internet, Computerspiele und Netflix für sich entdeckt. Sie sind jung, stecken voller Energie und fühlen sich – zumindest körperlich – gesund und munter. Noch. Wie beschrieben, sieht die Lage bei den älteren Semestern etwas anders aus. Und diese Semester rennen zum Arzt. Der Kreis schließt sich.

Geburtenstarke Jahrgänge im Anmarsch

Der Raabler möchte die vielen Mediziner in Deutschland dazu ermuntern, sich den Forderungen des Gesundheitsministers anzuschließen, und sich endlich einer angemessenen Stuhlkapazität im sensiblen Bereich ihrer Wartezimmer zu widmen. Im Zuge dessen sollte auch über eine stringentere Trennung von Anmeldung und Wartezone nachgedacht werden. Von Diskretion kann in älteren wie putzigerweise auch in neueren Praxen nämlich keine Rede sein.

Freundinnen im Gespräch

Zu oft wird Mann und Frau oftmals und ungewollt Zeuge von Dialogen am “offenen Tresen”, die nicht unbedingt dazu beitragen, das eigene Gesundheitsempfinden zu unterstützen. Der Raabler wird diese Problematik im Rahmen eines (nur auf dem ersten Blick) witzigen Dialog-Beispiels in einem Extra-Blogpost gebührend aufarbeiten. Bis dahin gilt es den Tatsachen tapfer in die Augen zu schauen. Denn neben dem Problem mit der Einsamkeit gibt es eine nicht minder schwere Brandbombe zu entschärfen: Schon mal was von geburtenstarken Jahrgängen gehört?

Der Raabler hört sie bereits trapsen. Und wenn die erst mal ins Rollen kommen, dann war alles bis hierher Gesagte lediglich Ausgburger Puppenkiste. Ach, ja, Realsatire darf und muss auch mal wehtun. Darum ruft der Raabler auch sich selber zu: TOI…TOI…TOI!!

“Manche Frauen haben zwei Ärzte: zu dem älteren gehen sie, wenn sie krank sind. Zu dem jüngeren, wenn ihnen etwas fehlt.”
(Ralph Boller, schweizer. Schriftsteller, 1900-1966)

Raabler-Blogpost:
Anti-Idiotika für Menschenkinder

Raabler-Web-Tipp:
Besuch beim Arzt