Und sonst so?

Die Blogosphäre und sein Guru

Raabler Rolfn meets im Geiste Bestseller-Autor John Strelecky

Raabler Rolfn grüßt aus der Blogosphäre

Zur Einstimmung ein kurzer Faktencheck…
Erstens:
Laut aktueller Schätzung sind in Deutschland über 2 Millionen Blogger Teil der sogenannten Blogosphäre.
Zweitens: Der amerikanische Autor John Strelecky hat bis heute allein in Deutschland ca. 1 Millionen Exemplare seiner Lebensstrategie-Bücher verkauft.
Drittens: Am 06. Juli 2015 erschien im Karriere-Spiegel ein Artikel mit der Überschrift „Gebt’s doch zu, Arbeit nervt!“. Achte bitte unbedingt auf die zahlreichen Kommentare zu diesem „Zwischenruf“. Die sind noch einmal genauso interessant zu lesen. Gibt’s da irgendwelche Zusammenhänge? Natürlich!

Das (Arbeits-)Leben ist kein Wunschkonzert

Auf der einen Seite die desillussionierende Offenbarung des Münchener Autors Volker Kitz, der in wenigen Sätzen das ausspricht, was viele schon wussten oder ahnten, aber sich nicht trauten zu Ende zu denken: Hierzulande schieben ca. 30 Millionen Menschen relativ perspektivlos, aber dafür nicht selten mit viel Stress, den großen Arbeitsfrust vor sich her.

Sinn, Erfüllung, Work-Life-Balance und Selbstverwirklichung verkörpern hohle Begriffe in der modernen Arbeitswelt, die zwar häufig Verwendung finden, aber nur, um Personal anzulocken oder bei Laune zu halten. In der harten Realität des Unternehmensalltags verlieren sie ganz schnell ihren Zauber, weil nur selten umsetzbar. Das (Arbeits-)Leben ist kein Wunschkonzert, war es noch nie und wird es auch niemals werden. Menschen müssen sich der Arbeit anpassen und nicht umgekehrt.

Atem

Einfach märchenhaft: Die Thesen des John Strelecky

Auf der anderen Seite der ehemalige Strategieberater und heutige Bestseller-Autor John Strelecky, der sich die Realitäten im Berufsleben – auch aus eigener Erfahrung – zur Brust nimmt, um ein Umdenken bei den Unternehmern/Arbeitgebern aber vor allem bei jedem Einzelnen/Leser in Gang zu setzen. Ein hehres Ziel.

Erstere Zielgruppe stellt einen granitenen Brocken dar, der grundsätzlich wenig Interesse daran haben dürfte, die „Umstände“ zu verbessern. Kostet Phantasie, Zeit, Geduld, Flexibilität, Beharrungsvermögen, Stressresistenz, Kommunikationsfähigkeit und natürlich Geld. Bis auf das liebe „Geld“ also alles Adjektive, die den Vertretern der zweiten Zielgruppe gut zu Gesicht stünden, wenn sie sich auf einen Job bewerben oder in einem bestehenden Arbeitsverhältnis vorankommen wollen.

Leider werden sich nur wenige Führungskräfte in Deutschland und weltweit für die Ansichten eines John Strelecky erwärmen können. Bestenfalls legt die Ehegattin dem Unternehmensboss in der gefühlsduseligen Weihnachtszeit ein Exemplar von „The Big Five For Life“ unter den Tannenbaum. Besser noch, sie liest ihm daraus vor. Dann kann er in Ruhe und guten Gewissens bei einem „modernen Märchen für Erwachsene“ einschlafen.

Milliardäre

Die Ideen in den Büchern sind nicht neu und warum sollte sich ausgerechnet jetzt eine „Gegenbewegung“ der Kapitaleigner etablieren, wenn sich in den Jahrzehnten davor auch nichts getan hat. Jetzt, in einer Dekade, wo die Geldelite mächtiger als jemals zuvor ist und mit der politischen Kaste macht was sie will. Das sind tatsächlich märchenhafte Zustände.

Käufer sind diejenigen, die noch träumen wollen, können und müssen. Um nicht den letzten Rest an Glaube, Mut und Hoffnung zu begraben. „Liebe“ würde auch wunderbar in die Aufzählung passen, aber wir wollen die Arbeitswelt nun nicht gänzlich überfordern. Für den Erfolg der Buchserie zeichnen im wesentlichen die vielen „normalen“ Arbeiter und Angestellten verantwortlich, die sich nachstehende Zitate nur zu gerne verinnerlichen:

„Tue, was immer du willst und was deiner Bestimmung entspricht.“
„Ich erkannte, dass mir jeder Tag die Gelegenheit bietet, zu tun, was immer ich möchte. Ich muss nicht bis zum Ruhestand warten.“
„Warum verbringen wir so viel Zeit damit, uns auf den Zeitpunkt vorzubereiten, an dem wir tun können, was wir möchten, anstatt es einfach sofort zu tun?“
„Unsere Aufgabe besteht darin zu erkennen, dass uns etwas erfüllt, weil wir es selbst nun einmal so empfinden, und nicht, weil jemand anderes uns sagt, dass es erfüllend sei.“
„Wenn ich stets täte, was ich gerne mache, dann müsste es eigentlich weniger geben, dem ich gerne entfliehen würde, und wahrscheinlich hätte ich auch nicht annähernd so viel Stress, von dem ich mich erholen müsste.“
„Ergreifen Sie die Initiative und wählen Sie Ihren Weg selbst, sonst tun andere es für Sie.“

(Aus: „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky)

Modern Talking grüßt die Blogosphäre

Hach, wer gerät da nicht ins Träumen und Schwärmen, sooo schön, diese Zeilen. Und gar nicht mal so hochtrabend intellektuell und verwissenschaftlicht, sondern für jedermann leicht und verständlich geschrieben. Her mit dem nächsten Werk aus der gleichen Ideenschmiede (z.B. „Wiedersehen im Café am Rande des Burnouts“). Clever gemacht, keine Frage. Eine Erfolgsstory analog zur Musikbranche.

Trifft ein Song den Geschmack des breiten Publikums, wird um seine bewährten Harmonien und Melodien der nächste und übernächste Hit komponiert. Hört sich irgendwann alles ähnlich oder gleich an, ist es nicht Schuld des Produzenten, wenn die Masche funktioniert. Der Nerv des breiten Publikums wurde perfekt getroffen und die Welle wird so lange geritten, bis kein Schaum mehr vorm Mund…äh…auf der Krone zu sehen ist.

Radio: Der Mix macht es nicht immer.

John Strelecky, too good to be true

Glücklicherweise sind wir jedoch nicht allein auf dieser Welt. Das wäre ja todlangweilig. Und das größte Unglück überhaupt, weil wir lieben Menschen ja so was von soziale Wesen sind. (Darüber wird sich der Raabler noch mal in einem Extra-Blog auslassen. Ja, das ist eine Androhung und wird wie immer lustig zu lesen sein). Für unser Wohlergehen/Unglück sind wir daher immer auf das mehr oder weniger gute Zusammenspiel mit mindestens einem weiteren, meist mehreren, Beteiligten angewiesen.

Um auf das Buch zurück zu kommen: Ist der Arbeitnehmer willig und möchte sich/was verändern, muss dieser gute Wille noch lange nicht bei seinem Arbeitgeber auf offene Ohren stoßen. Spielt der nämlich nicht mit, wovon auszugehen ist, platzt der Traum von der Selbstverwirklichung schneller, als er um die Ecke schauen konnte. Wellcome back to reality!

Die Bücher von John Strelecky werden trotzdem gekauft – so wie auch Trivialliteratur gekauft wird. Einfach mal abschalten und sich einer „besseren“ Arbeitswelt hingeben. Warum denn nicht? Vielleicht kann man ja doch die eine oder andere Erkenntnis daraus mitnehmen und sogar für sich umsetzen? Da muss doch was zu machen sein?

Das dachten sich auch die über 2 Millionen Blogger in Deutschland. Und damit sind wir zurück auf Anfang. Die und nur die haben nämlich die besagten 1 Million „Burnout-Bücher“ bewusst oder zufällig gekauft oder sind damit beschenkt worden. Sie haben sie verschlungen und sind umgehend mit dem Bloggen angefangen. So und nicht anders muss es gewesen sein. Und so funktioniert es noch heute. Und immerfort.

Man trifft sich zum Flirten in der Bar Burnout in Hamburg

Warum wurden dann nicht 2 Millionen Exemplare verkauft, fragst du zu Recht? Die Szene ist bekanntlich solidarisch, gut vernetzt und Wissenswertes wird ohne Neid und engstirniges Profitstreben weitergeleitet. Jedes Buch wurde auf diese Weise mindestens einmal verliehen – und schwupps sind wir wieder bei 2 Millionen. John Strelecky als Mit-Begründer und einflußreicher Förderer der deutschen Blogosphäre. So einfach geht das! Herrlich! Hier noch schnell was zum Durchatmen und als Zwischenfazit:

7 TOP-No-go’s für Blogger

– schlecht bezahlte Arbeit
– sinnbefreite Arbeit
– mies gelaunte Chefs/Kollegen
– wenn jeder an sich selber denkt, dann ist…
– ungesunder Fraß in der Betriebskantine
– lange Anfahrtswege zum ungeliebten Job
– Arbeit im Hamsterrad generell

Blogger möchten dagegen den „Schreibkram“ für ihre Leserschaft gerne von überall, zu jeder Tag-und Nachtzeit, nach Lust und Laune ins Netz einspeisen können.

7 TOP-Go’s für Blogger

Arbeiten…vom…von der…aus der/dem…

…Bett/Sofa/Balkon/Sonnenliege/Schaukelstuhl
…Strandkorb (gerne ganztägig)
…Golfplatz/Restaurant/Schnellimbiss
…Kneipe/Disco/Loft/Privatfeier
…Segelyacht, Heißluftballon, Zugspitze
…Flieger/ICE/Metronom/Flixbus/Kreuzfahrtschiff
…S-/U-/Bimmelbahn

Influencerinnen

Und das alles mit einem zwar schwankenden, aber bitteschön auskömmlichen monatlichen Einkommen. Ist das etwa zu viel verlangt? Hallo? Ja, bloggen ist auch Arbeit! Nur eben Zeitgeist gemäß. Jetzt komm’ dem Raabler nicht mit deinem Genörgel, von wegen, wenn das alle so machen wollten, wer soll dann weiterhin für Stabilität, Wohlstand und Wachstum in unserer Gesellschaft sorgen?

Natürlich haben Blogger auch ein schlechtes Gewissen z.B. gegenüber der „richtig“ arbeitenden Bevölkerung. Aber nur dann, wenn sie damit auch Geld verdienen. Im übrigen möchten sie nicht ständig an ihr schlechtes Gewissen erinnert werden, (ein)verstanden? Gut! Es können eben nicht alle mitmachen in diesem Spiel. Dann funktioniert das nicht. Das Leben ist ebenso wie die Blogosphäre kein Wunschkonzert! Warum eigentlich nicht?

John, ich muss mal mit dir reden!

An alle Blogger:

„Erfolg haben heißt, dass man immer öfter Pausen machen kann – so lange, bis man nur noch Pausen macht.“
(Ephraim Kishon, israelischer Satiriker und Buchautor, 1924-2005)

Raabler-Blogpost:
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Raabler-Web-Tipp:
Schwitzen für das schnelle Internet