Reise

Die letzten Tage von Venedig

Traumziel Venedig

Die nimmermüde Adria findet in diesen tristen Novembertagen großen Gefallen daran, in Rekordzeit jahrhundertealte Bausubstanz am Weltkulturerbe namens Venedig auf immer und ewig zu zerstören. Das hat Tradition, denn selten genug wird ein Meer so offenherzig empfangen wie an diesem sagenumwobenen Wallfahrtsort moderner Sehfahrer aus aller Herren Länder. Neu ist die Heftigkeit, mit der das Werk seiner vorbestimmten Vollendung zustrebt. Mitleiderregend die Hilflosigkeit, mit der die Verantwortlichen ihre weltberühmte Lagunenstadt sehenden Auges in die Katastrophe schlittern lassen.

Jetzt aber bloß nicht den Kopf in den Canal Grande stecken und in einer Negativspirale versinken. Lieber nach vorne schauen und versuchen, das monetär Beste aus der Situation herauszuholen. Mal überlegen: Wie könnte die naturgemachte Apokalypse noch in ihren letzten Todeszuckungen hübsche Umsätze und Gewinne für die Branche erwirtschaften? Vielleicht mit Weltuntergangs-Tourismus? Ja, das hört sich vielversprechend an.

“Venedig sterben sehen und sterben”

Die Kreuzfahrtindustrie reibt sich dieser Tage ihre klebrigen Hände. Ohne auch nur einen einzigen Cent aus ihrem millionenschweren Werbebudget beisteuern zu müssen, wird sie Zeuge eines zu dieser Jahreszeit unfassbaren Nachfrageschubs. Aufgescheucht durch mediale Dauerbefeuerung wird sehr vielen Reiselustigen plötzlich bewusst, dass in “ihrem” Venedig etwas geschieht, was einmalig, unumkehrbar und somit nicht wiederholbar erscheint.

Kreuzfahrtschiffe in Venedig
Ein atemberaubend schöner Anblick für alle Venezianer: Wird man bald darauf verzichten müssen, nur weil es die Natur so will? Man mag es sich kaum vorstellen…

Der verzweifelte und ausweglose Todeskampf eines von allen und über allem geliebten Paradieses. Einem Synonym für Freiheit, Schönheit, Anmut und Göttlichkeit. Da muss man als mitfühlender Zaungast einfach dabei sein. Diese Chance eröffnet sich niemals mehr sonst in einem viel zu kurzem Leben. “Venedig sterben sehen und sterben”. So lautete unlängst der einprägsame Slogan im neuesten AIDA-Prospekt. Solche Botschaften kommen an und ermuntern zum schnellen Abschluss einer entsprechenden Seereise.

Die Lust an der Zerstörung

In den analogen wie digitalen Reisebüros als auch in den Managementetagen der Konzerne reibt man sich verwundert die Äuglein. Niemand erkundigt sich wie sonst üblich nach den Reisekosten für die Luxusdampfer, etwaigen Preisnachlässen oder Trinkgeldern für die freundlichen Sklaven an Bord. Eile ist geboten. Das Reiseantrittsdatum ist das Maß der Dinge. Jeder Preis wird wie im Rausch akzeptiert. Hauptsache: Venedig!

Da stehen sie dann zu Tausenden an der Reling ihrer ganz persönlichen Arche Noah. Eingepfercht wie Ölsardinen in der Hawesta-Dose zückt die Generation der Silver Surfer ihre Smartphones für den vermeintlichen besten Shot. Oder für das spektakulärste Untergangsvideo. Wie bei einem Rammstein-Konzert. Nur ohne Pyro. Die Enkelkinder können es dann auf ihren Youtube-Accounts hochladen und eventuell neue Klick-Rekorde einheimsen. Als Trostpreis.

Venedig: Ein Paradies für Taucher

Venedig wird den Atlantis-Mythos befeuern. Für ambitionierte Unterwassersportler tun sich immerhin sensationelle Perspektiven auf. Übernachtet wird im benachbarten Chioggia. Soll auch schön sein dort. Falls es nicht parallel mit Venedig untergehen wird. Über Wasser wird es für nachfolgende Generationen nichts mehr zu sehen geben – außer reichlich Meer. Macht nichts. Müssen sie sich eben andere Hotspots für die Bespielung asozialer Medienkanäle suchen.

Ozeanriesen kapern Venedig.
Und tschüss: Ein letzter Kuss von einem Kreuzfahrtriesen und Venedig versinkt auf alle Zeit im Meer der Vergangenheit. Schade, aber es gibt zum Glück noch viele andere sehenswerte Destinationen in der Welt. Die dann auch vor die Hunde gehen. So ist das nun mal. Da kann man nichts machen.

Wie wär’s mit Barcelona, Dubrovnik, Riga, Palma de Mallorca, die kanarischen Inseln, Florida, Rio de Janeiro oder – ganz ausgefallen – die Hurtigruten? Es gibt so viel zu entdecken. Andere Kulturen kennen lernen. Ihr individuelles Fress- und Saufverhalten an Bord. Und an den Zielhäfen empfängt man euch mit offenen Armen. So viel steht fest. Als Vorboten des kalkulierten Untergangs. Und die Karawane zieht weiter…

“Nicht im Jenseits liegt das Paradies, sondern im Abseits.”
(Hans Krailsheimer, deutscher Jurist und Schriftsteller, 1888-1958)

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