Und sonst so?

Diskretion beim Arzt

Diskretion in der Arztpraxis

Diskretion. Welch’ ein magisches Wort. Wie aus einer anderen Welt. Ein jeder fordert sie ein. Kein Schwein hält sich dran. Darum ist sie im täglichen Leben auch so selten anzutreffen wie der unter Naturschutz stehende, weltberühmte Elefantenschmetterling aus der Wüste Gobi (s. Titelbild). Besonders heikel wird es, wenn man “Arzt” und “Diskretion” in einem Satz erwähnt. Mehr Science-Fiction gibt’s nicht mal beim coolsten Streamingdienst. Ein herrliches Thema für einen Satire-Blog!

Deutschland leidet seit Jahren und mit steigender Tendenz unter allgemeiner Vollheit. Immer mehr Menschen sind unterwegs von A nach B. Und immer mehr Menschen beschweren sich darüber, dass immer mehr Menschen von A nach B unterwegs sind. Miese Völlegefühle in der Magengegend sind die logische Folge dieser Vollheit. Ha, endlich mal wieder ein Grund, dem Arzt seines Vertrauens die Aufwartung zu machen. Um sich dann zu beschweren, dass da wieder so viele Menschen die gleiche Idee hatten.

Sind wir hier beim Arzt oder beim Boarding?

Denn auf was stoßen die wunderlichen Augen, wenn die Tür zur Arztpraxis aufmacht wird? Also, vorausgesetzt, man bekommt sie auf? Auf Szenen wie beim Boarding auf dem Flughafen. Es fehlen nur die lieblos dahergebrabbelten Lautsprecherdurchsagen. Diesen Part übernehmen “sehr gerne” die gut gelaunten Sprechstundenhilfen. Nicht ganz freiwillig, jedoch bestens verständlich, weil in adäquater Lautstärke. Merke: Die Mehrzahl der Rezipienten sind Hörgeräte tragende Ruhestandsgeld-Empfänger.

Tumulte beim Boarding

Vor diesem Hintergrund sollte ein Besuch beim Arzt vor allem mental gut vorbereitet sein. Naivität und Ahnungslosigkeit entpuppen sich rasch als zuverlässige Feinde eines baldigen Genesungserfolges. Ein nüchterner Magen bei gleichzeitigem Völlegefühl (s.o.) trägt auch nicht zur Deeskalation bei. Allein inmitten von fordernden Menschenmassen mit individueller Terminabsprache. Mühsam unterdrückte Agressionen. Spezielle Gerüche wabern nach kurzer Zeit über die Flure.

Warten auf einen Eck-Stehplatz

Der heilige Anmeldetresen in kilometerweiter Entfernung. Zur Belohnung lockt nach dem Einchecken in frühestens 30 Minuten die Aussicht auf einen gemütlichen Wartezimmer-Eck-Stehplatz. Stehen nach dem Stehen tut immer gut! Ausreichend Zeit also für den von Übelkeit und Völlegefühl Geplagten, sich an den vielen aufgezwungenen Gesprächsinhalten zwischen Arzthelferinnen und Patienten aufzurichten. Nachfolgend ein wie immer völlig an den Raabler-Federn herbeigezogenes Beispiel perfekt inszenierter Diskretion.

Zum besseren Verständnis ein paar Informationen vorweg:

Es ist sehr, sehr früh und noch dunkel auf den Straßen an einem scheiss-verregneten Montagmorgen. Die Arztpraxis öffnet um 07.30 Uhr. Herr S., 78 Jahre alt und ausnahmsweise mal ohne Begleitung seiner Frau, ist schlau und spekuliert auf eine schnelle Behandlung. Aus diesem Grund kommt er extra 30 Minuten früher und blockiert schon mal (zusammen mit 25 weiteren Notfall-Patienten im Alter von 55 bis 85 Jahren, die die gleiche blöde Idee hatten) sämtliche Treppenaufgänge (inkl. Fahrstuhlbetrieb) im Ärztehaus.

Immerhin steht er nicht an letzter Stelle, sondern irgendwo in der Mitte der Schlange. Kein Mensch spricht auch nur ein Wörtchen mit jemand anderen. Allerhöchstens sind murmelige Selbstgespräche zu vernehmen. Gespenstische Stille. Mehr oder weniger mit Geduld ertragenes Warten auf das Exekutions-Kommando. Da, die Vorhut. Zwei junge Arzthelferinnen steigen übel gelaunt (weil unausgeschlafen, aber zumindest auf “frisch” geschminkt) und grußlos über den Berg von Notfall-Patienten – um endlich die Tür zur Praxis aufzuschließen. Allgemeines Geräusper und Gehuste wie kurz vor Beginn eines Klasssik-Konzerts.

Zahnreinigung

Die Arzthelferinnen wollen sich verständlicherweise just über die blöden Männerbekanntschaften vom Wochenende austauschen…dann kommt schon der dröhnig-bissig-biestige Anpfiff der weiblichen Chef-Drohne aus dem Hinterhalt. “Wie schön, dass sich die Damen bereits fünf Minuten vor Praxisöffnung dazu durchringen konnten, ihren Arsch in Richtung Arbeitsplatz zu bewegen”…oder so ähnlich. Nicht zu Unrecht befürchtet Herr S., nun genau an diese herrische Arzthelferinnen-Oberaufseherin zu gelangen. Und so kommt es denn auch.

Der nachfolgende Dialog durchdringt sämtliche Praxisräumlichkeiten bis hinunter zum gut frequenrierten Treppenflur. Die “Oberschwester” ist auf Betriebstemperatur. Vorhang auf!

Arzthelferin: “Guten Morgen!”
Patient: “Morgen. Ich habe einen Termin beim Doktor.”
Arzthelferin: “Ja, das kann ich mir denken. Wie ist denn Ihr Name?”
Patient: “Schnippkowiak!”
Arzthelferin: “Schnippkowiak? Nie gehört. Schnipkoweit kenne ich, aber…”
Patient: Nein, nein…Schnippkowiak ist richtig.”
Arzthelferin: “Na, wenn Sie das sagen…”
Patient: “Hmmmpf.”
Arzthelferin: “Mit einem “p” oder Doppel-“p”?”
Patient: “Doppel-“p”…
Arzthelferin: “Doppel”p”, aha, und wie ist Ihr Vorname, Herr Schnippkowiak?”
Patient: “Hans-Heinrich…”
Arzthelferin: “Hans-Heinrich, einen Moment…ja, da habe ich Sie im System.”
Patient: “In welchem System?”
Arzthelferin: “Keine Sorge, ich meine, in unserem Computer…in der Datei.”
Patient: “Ach, so…ja.”
Arzthelferin: “Zum Hohen Korn 21, Buxmoorholm, richtig?”
Patient: “Meine Güte, ja, immer noch.”
Arzthelferin: “Adressen ändern sich, manchmal, Herr Schnippkowiak. Umzug, Scheidung, längere Auslandsaufenthalte…”
Patient: “Schon gut, schon gut.”
Arzthelferin: “Telefonnummer ist noch die alte? 0416….
Patient: “JAHAAAA…immer noch die alte, bitte.”
Arzthelferin: “Wir müsen das abfragen. Nun, Sie sind zur Blutabnahme hier, richtig?”
Patient: “Richtig, aber, bitte, Sie müssen nicht so laut schreien. Ich verstehe Sie sehr gut.”
Arzthelferin: “Das sagen sie alle, glauben Sie mir.”
Patient: “Ich bin nicht “alle!”
Arzthelferin: “Jetzt werden Sie aber laut, Herr Schnipkoweit.”
Patient: “Mein Name ist “Schnippkowiak, mit “Doppel-p”!”
Arzthelferin: “Das sagten Sie bereits.”
Patient: “Ich sag’s Ihnen gerne noch einmal.”

Corona-Glaskugel
Wie wird unsere Welt nach der Corona-Pandemie aussehen. Frau Prof. Dr. Schnippkowiak von der gleichnamigen Zukunftswerkstatt wagt erste Prognosen.

Arzthelferin: “Nicht nötig, vielen Dank! Und haben sie wie besprochen Ihren Stuhltest mitgebracht?”
Patient: (Im Flüsterton) “Sie meinen den Okkulttest? Ja, natürlich.”
Arzthelferin: “Ach, ja, Sie sind ja auch ein Doktor…”
Patient:“…der Ingenieurwissenschaften, aber das tut hier nichts zur Sache und ist lange her.”
Arzthelferin: “Nun, also, Herr Doktor…”
Patient: “Bitte, lassen Sie doch den Doktor weg.”
Arzthelferin: “Wie Sie meinen, Herr Doktor.”
Patient: (blickt genervt hinter sich auf die lange Warteschlange, die immer mehr anschwillt) “Eine Kollegin von Ihnen verriet mir am Telefon, dass es Probleme beim letzten großen Blutbild gab? Details würde ich gerne mit dem Herrn Doktor persönlich besprechen wollen.”
Arzthelferin: “Deswegen haben wir Sie ja noch einmal herbestellt. Wir müssen noch einmal drei Dinge abklären. Reine Routine. Aber lassen Sie mich schauen…(guckt angestrengt in die Karteikarte u.a. mit dem Ergebnis-Ausdruck der letzten Blutuntersuchung)…ja, da liegen zum einen etwas ungewöhnliche Entzündunsgwerte vor, das LDL-Cholesterin ist grenzwertig und wir haben…ach, guck’…auch ein wenig Blut im Urin gefunden.”
Patient: (blickt genervt und äußerst verunsichert in die Runde. Es geht ein lang gedehntes Raunen durch den Flur vor den Behandlungsräumen, dem Menschenauflauf vor dem Anmeldetresen und natürlich dem mittlerweile prall gefüllten Wartezimmer) Oh, das wurde mir so am Telefon aber nicht gesagt.”
Arzthelferin: “Dürfen wir auch nicht. Da müssen Sie schon persönlich bei Ihrem Arzt erscheinen. Und darum sind Sie jetzt ja auch hier.”
Patient: “Ja, aber ich habe gedacht, dass man so etwas nicht auf dem Flur…”
Arzthelferin: “…ach, Sie meinen, dass ich hier nur die Tippse vom Dienst bin…”
Patient: “Nein, so habe ich das nicht gemeint.”
Arzthelferin: “Sehen Sie, ist nämlich auch nicht so. Ich darf hier durchaus meinen Chef entlasten und schon mal vorab gewisse Dinge erklären und mit dem Patienten besprechen.”
Patient: “Ja, das ist ja schön und gut. Aber doch bitte nicht vor allen Leuten…und in der Lautstärke.”
Arzthelferin: “Für mein Organ kann ich nichts. Im übrigen: Wenn Sie an meiner Stelle hier arbeiten würde, würden Sie sich auch eine laute und deutliche Aussprache angewöhnen. Ich habe weder Zeit noch Lust, alles drei Mal zu wiederholen…”
Patient: “…weil in erster Linie schwerhörige Rentner vor Ihnen stehen?”
Arzthelferin: “Bingo!”

Rentner an einem kanarischen Strand

Patient: “…zu denen ich zum Glück, oder soll ich sagen, leider, nicht zähle.”
Arzthelferin: “Kann ich das vorher riechen?”
Patient: “Nun wissen Sie’s.”
Arzthelferin: “Wie dem auch sein, Herr Doktor. Der Doktor wird weitere Untersuchungen an Ihnen vornehmen müssen, um bestimmte Indikationen zu überprüfen.”
Patient: “Macht er das selber?”
Arzthelferin: “Was er machen kann, macht er.”
Patient: “Das heißt?”
Arzthelferin: “Die Prostata-Tastuntersuchung sowie Proktoskopie wegen möglicher Hämorrhoiden-Bildung ersten Grades können wir vermutlich heute noch einschieben. Ebenso Schilddrüsen-Ultraschall.”
(Es geht erneut ein lang gedehntes Raunen und Stöhnen durch den Flur vor den Behandlungsräumen, dem Menschenauflauf vor dem Anmeldetresen und dem überquellenden Wartezimmer)
Patient: (Entsetzt) “Wie bitte?”
Arzthelferin: “PSA-Wert geht extern raus, nach der Blutentnahme…Sie sind doch nüchtern?”
Patient: “Ja, was denken Sie.”
Arzthelferin: “Reine Routine-Frage. Magen- und Darmspiegelung…das machen wir nicht inhouse…dann kann ich Ihnen drei Adressen aus der näheren Umgebung aufschreiben. Dafür bekommen Sie jeweils eine Überweisung von uns. Sie müssen wohl mit Wartezeiten bei den Spezialisten rechnen. Bitte schieben Sie es dennoch nicht auf die lange Bank. Wir bräuchten idealerweise noch in diesem Quartal die Ergebnisse der Untersuchungen.”
Patient: “…aber ich habe doch…”
Arzthelferin: “…ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber Ihre diesbezüglichen Untersuchungen liegen mittlerweile schon wieder drei Jahre zurück. In drei Jahren, glauben Sie mir, kann sich unglaublich viel tun.”
(Lang gedehntes Raunen und Stöhnen durch alle Räumlichkeiten u.s.w.)
Patient: “Sie sind sehr einfühlsam.”
Arzthelferin: “Ich gebe mein Bestes. Und glauben Sie mir, ich weiß, wie Sie das eben gemeint haben. Für Empathie werde ich hier allerdings nicht bezahlt.”
Patient: “Schade, eigentlich.”
Arzthelferin: “So, das war das Wichtigste vorab. Sie können solange im Wartezimmer Platz nehmen. Zweite Tür, rechte Seite. Meine Kollegin wird Sie rausrufen für die Blutentnahme. Und für die Abgabe der Stuhlprobe, Sie wissen schon.”
Patient: “Vielen Dank.”
Arzthelferin: “Gerne.”
Patient: “Und wenn ich keinen Platz mehr im Wartezimmer kriege? Ich hab’s in meinem Alter nicht mehr so gut mit langem Stehen.”
Arzthelferin: “Dann sagen Sie bitte Bescheid. Sie könnten dann solange im Flur Platz nehmen. Rechts vorm Röntgenraum für die Knochenbrüche und Arbeitsunfälle ist in der Regel immer noch ein Plätzchen zu bekommen.”
Patient: “Sehr zuvorkommend von Ihnen.”
Arzthelferin: “So sind wir, Herr Doktor. Sehr gerne!”

Ein Doc-tor wartet auf den nächsten Patienten

Apropos “gerne”: Kann man sich im Angesichte dieser netten wie unüberhörbaren Unterhaltung auf Augenhöhe vorstellen, wie gerne nun unser Patient, Herr Dr. Schnippkowiak, das rammelvolle Wartezimmer beim Arzt seines Vertrauens betritt? Der Raabler wiederholt an dieser Stelle noch einmal gerne in Stichworten die wichtigsten (sieben!!) Informationen und Indikationen aus der Krankenakte Dr. Schnippkowiak, die in aller epischen Breite vor aller Augen und Ohren zur Aussprache gelangten:

1. Okkulttest bw. Stuhlprobe (für Nicht-Akademiker)
2. Verdächtige Abweichungen bzw. Entzündungswerte beim letzten Blutbild
3. Grenzwertiges LDL-Cholesterin
4. Blut im Urin
5. Prostata-Tastuntersuchung in Kombination mit Proktoskopie wegen Verdacht auf Hämorrhoiden-Bildung
6. Schilddrüsen-Ultraschall sowie externe Magen- und Darmspiegelungen
7. PSA-Wert überprüfen

“Über sieben Krücken musst du gehn’. Sieben dunkle Behandlungen überstehn’. Sieben Mal wirst du die Asche sein. Am Ende in einem hellen Schrein.” (Peter Straffrei)

Raabler-Fazit aus dem obigen “Diskretions-Spektakel”:

Wer von den Patienten bisher noch kein flaues Gefühl in der Magengegend verspürte, verspürt es nun mit umso größerer Heftigkeit. Wem es bisher noch nicht an diversen Körperteilen juckte, zwickte oder zwackte, dem juckt, zwickt und zwackt es plötzlich an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Wer nur mit den üblichen Symptomen einer vermeintlich nahenden Grippe die Arztpraxis aufgesucht hatte, bucht umgehend einen Termin für die Krebsvorsorge.

Wer auch nur 50% der Indikationen aus der Krankenakte Dr. Schnippkowiak registriert hat, füllt noch am selben Tag eine aus dem Internet heruntergeladene Patientenverfügung aus. Und wer zum allem Unglück (und Überfluß) abends noch unvorsichtigerweise bei “NDR-Visite” mit anschließender “Abenteuer Diagnose” landet, formuliert bis zum nächsten Wochenende sein handschriftliches Testament. Topp, die Wette gilt!!

Ein Glück, dass wir in Deutschland geboren wurden. Und nicht im tiefsten afrikanischen Dschungel.

“Diskretion, bitte!”

“Die meisten Menschen kommen mit ärztlicher Unterstützung auf die Welt und verlassen sie auf dieselbe Weise.”
(George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker, Politiker u. Satiriker, 1856-1950)

Raabler-Blogpost:
Krankenhauskeime: Totentanz on the floor

Raabler-Web-Tipp:
Der Termin beim Ohrenarzt