Und sonst so?

Ein Marder namens „Grobi“

Die Heimsuchung

Marder stehen unter Naturschutz

Der Raabler weiß seine innere Uhr zu schätzen, die ihn jeden Morgen, unabhängig vom Vorabendprogramm, aus dem Schlaf holt. Er ist sich darum der Überflüssigkeit des Weckerstellens bewusst. Seit 5 Jahren tut er es auch nicht mehr, denn er und seine beste Lebensgefährtin von allen haben einen Marder in the house. Sie nennen ihn liebevoll „Grobi“.

Er kam, sah und bereitete den unfreiwilligen Herbergseltern bereits unzählige schlaflose Nächte. Keiner weiß so recht, wie er den Weg in das oberste Geschoss gefunden hat. Schließlich gibt es eine reichhaltige Auswahl geräumiger, mit Liebe ausgestalteter Räumlichkeiten in der muggeligen Nachbarschaft. Die Würfel schienen jedoch gefallen zu sein: Raablers Dachboden muss der gemütlichste von allen sein.

Beim Frühstück dem Scheintod so nah

Unter anderen Umständen gewiss ein Grund, mit stolzgeschwellter Brust vor die Tür zu treten, um allen Mitmenschen das Glück des Ausgewähltseins zu verkünden. Nur erstens entspricht es nicht der Natur von Raabler Rolfn zu prahlen, und zweitens fällt es schwer, die Brust zu schwellen, wenn der Kopf vor Müdigkeit stets auf dieselbe herunterkippen möchte.

Schlafstörungen nehmen zu

Die Wahrheit ist: Rolfn und seine beste Lebensgefährtin von allen sind morgens, wenn andere Familien zufrieden am Frühstückstisch beieinandersitzen, tot. Oder treffender ausgedrückt, scheintot. Tot klingt so endgültig. Scheintot birgt die Chance auf Genesung und Erholung und schließlich erholen sie sich schon noch im Laufe des Tages.

Doppeltes Marder-Pech hält besser

Aber es tut mit jeder heimgesuchten Nacht mehr weh. Jawohl, es schmerzt. Unwillkürlich denkt Rolfn an die bekannte Foltermethode des unbefristeten Schlafentzugs. Bisher konnte er sich darunter nicht so recht was vorstellen. Das hat sich mit der Heimsuchung des possierlichen Tierchens schlagartig geändert.

Dabei will der Raabler dem Grobi nichts Unrechtes nachsagen. Er kommt nicht jede Nacht. Manchmal belässt er es bei 5 Besuchen pro Woche. Es ist putzig festzustellen, dass in den rar gesäten Nächten, in denen Grobi aus unerfindlichen Gründen nicht poltert, sich der Schlaf trotzdem nicht einstellen mag. Solche Nächte bedeuten wirklich doppeltes Pech.

Atem

Das ist dann ungefähr so, als wenn man spätnachts für einen Live-Boxkampf aus Las Vegas aufsteht, sich auf ein munteres Auf-die-Glocke-Hauen einstellt, und der Kommentator 5 Minuten vor dem Gongschlag dem erwartungsfrohen Fernsehpublikum verkünden muss, dass sich ein Boxer in der Kabine beim Bohren in der Nase eine geplatzte Ader zugefügt hat und der Fight leider um eine Woche verschoben werden muss. Wie gesagt, Pech!

Champ und Kampfmaschine

Marder Grobi erinnert in vielerlei Hinsicht an einen Boxer. Es wird ja oft behauptet, dass Kraft, Zähigkeit und Mut alleine nicht den wahren Champ ausmachen. Hinzu sollten sich Tugenden wie Geduld, Technik, Timing und vor allem die richtige Taktik gesellen. So sagt man. Nun, der umtriebige tierische Hausgast hat von allem etwas zu bieten. Er vereinigt in natürlicher, ausgewogener Mischung alle wesentlichen Charaktermerkmale einer Kampfmaschine in sich: eben ein echtes Tier!

Da wäre zum einen seine kraftvolle Eleganz, mit der er mühelos die senkrechte Hauswand förmlich hinauf sprintet, um sogleich nach Erreichen der ersten Etappe in die Regenauffangrinne zu plumpsen. Ohne Zeitverlust und mit beeindruckender Klettertechnik geht’s weiter über die Dachpfannen zur Regenabflussrinne der 2. Etage. Hier hält er sich gerne ein wenig länger auf, vermutlich weil aus dieser Position der nächtliche Rundblick über die Dächer der Stadt phantastisch sein muss. Die entsetzten Hausbewohner sitzen derweil senkrecht im Bett und harren ohnmächtig der Dinge, die da kommen.

Drohnen über Buxtehude

Raabler Rolfn hegt bestialische Mordgedanken gegen Grobi und stellt sich vor seinem geistigen Auge die fiesesten Methoden vor, ihn ins Jenseits zu befördern. Diese Seite kannte Rolfn bisher noch nicht an sich. Der Marder genießt derweil die Aussicht. Rolfn denkt, sein dunkelhaariger Mitbewohner würde es zu schätzen wissen, wenn er ihm spontan ein wohlriechendes Außen-Schaumbad in die Regenrinne einließe, mit dem er sich auf die kommenden Beutezüge einstimmen könnte. War nur so ein Gedanke vom Raabler.

Es ist kurz vor Mitternacht und plötzlich herrscht Ruhe. Gespannte Ruhe. Nimmt Grobi eine Auszeit? Ist er wieder verschwunden? Aber, nein, mit Urgewalt bahnt er sich von einer Sekunde zur nächsten seinen Weg zwischen Dachpappe und Isolierwolle hindurch, bis er sein Ziel erreicht hat: den einstmals perfekt isolierten Dachboden. Der Geräuschpegel strebt seinem Höhepunkt entgegen. So stellt man sich akustisch ein Hundeschlittenrennen am Nordpol vor. Nur sind wir nicht am Nordpol, sondern in Buxtehude. Aber das glaubt einem ja auch keiner mehr.

Aufmunterung vom Kreiskammerjäger

Stichwort Timing: Wie kann ein katzengroßer Jäger nur so ungemein abgebrüht sein? Wartet so lange, bis die Bewohner in den wohlverdienten Schlaf fallen und schlägt dann stets auf’s Neue wie beschrieben erbarmunglos zu. Es schien kein Kraut gegen ihn gewachsen. Der Kreiskammerjäger versicherte am Telefon, dass ein Töten dieses unter Naturschutz stehenden Nachtjägers – zumal wenn er sich in Wohngebieten aufhält – gesetzlich verboten ist.

Fleisch

„Sie können eine Lebendfalle aufstellen lassen. Ich muss Ihnen jedoch zu bedenken geben, dass Marder ebenso scheue wie schlaue Räuber sind, die sich nicht von jeder x-beliebigen Falle ins Bockshorn jagen lassen. Man sollte Geduld haben.“
„Wie lange?“
„Na, so einige Wochen oder Monate. Manchmal funktioniert’s auch gar nicht.“
„Oje!“
„Marder sind jedoch empfindlich gegen fremde Geräusche und strenge Gerüche. Wenn Sie z.B. in mehrere Kinderwindeln urinieren und diese dann auf dem Dachboden verteilen, könnte…“
„Ach, das hört sich praktikabel an. Ich werd’s mal ausprobieren. Vielen Dank.“

Mäuse sind auch niedlich

Der Erfolg schien greifbar nah. Grobi wagte es zwei Nächte nicht, das wohlpräperierte Obergeschoß-Pissoir zu betreten. Dann schienen die Gerüche ihren „Geist“ aufzugeben und die Luft war wieder rein für ihn. Zielstrebig wurde die allerletzte Chance ergriffen: Geräuschkulisse schaffen. Küchenradio unters Dach, auf „Radio Hamburg“ eingestellt (schließlich müssen die Bewohner mithören), Verlängerungskabel durch die Bodenluke hindurch an den Stecker im Schlafzimmer anschließen, weil oben kein „Saft“ vorhanden…und, und, und? Das Wunder geschah!

Grobi kam, hörte und trollte sich. Nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit immer öfter. Heute herrscht Ruhe. Oder sagen wir besser relative Ruhe, denn Grobis Platz haben vorübergehend zwei entzückende Mäuse eingenommen. Solange die da sind, ist Grobi weit weg. Die Infrastruktur für jederzeitiges Geräuschtackling gegen den Jäger der Nacht bleibt jedoch bestehen. Man weiß ja nie.

Ehepaar im Krisenmodus

Als der Raabler neulich auf einer Geburtstagsfeier einem Bekannten seine Erlebnisse mit Grobi schilderte und ihm dabei vorstöhnte, wie oft der Marder pro Nacht gekommen war, entgegnete dieser trocken:
„Tja, Rolfn, so oft würdest du auch mal wieder gerne in einer Nacht kommen, was?“

Sehr witzig!

Raabler-Blogpost:
Mallorca: Eldorado für Langfinger