Und sonst so?

Ernährungs-Docs klären auf

Ernährungs-Docs

Wie leben in der gesündesten aller Welten. In der Zeitung, im Radio, im Fernsehen und im Internet wimmelt es nur so von Empfehlungen, wie man seinem Körper und seiner Umwelt Gutes tut. Im Prinzip nichts Neues, denn gefühlt mit der Einführung der ersten Frauenmagazine vor über 100 Jahren, konnte sich nach und nach eine diesbezügliche Ratgeberindustrie entwickeln. Das heutige Multimedia-Berieselungszeitalter lässt uns allerdings in Dimensionen vorstoßen, die bereits erste Gegen- und Trotzreaktionen auf Seiten der Konsumenten provozieren. Zurecht?

Hobby- und Profi-Köche, Ernährungswissenschaftler und sogar Vertreter der Ärzteschaft, geben sich sinnbildlich auf allen Kanälen die berühmte Klinke in die Hand. Sogenannte Ernährungs-Docs zur besten TV-Sendezeit bilden den vorläufigen Höhepunkt eines Trends, der offensichtlich noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen zu sein scheint. Wie konnte es so weit kommen? Der Raabler stellt unaufgefordert ein völlig an den Federn herbeigezogenes 14-Punkte-Thesen-Modell in den luftleeren Raum:

Nach dem Fressen kommt das Abnehmen

Deutschland bewegt sich…nee, doch nicht!

01. Eine gesunde Gesellschaft kostet jedem Einzelnen viel weniger Geld.
02. Ernähren sich immer mehr Menschen ungesund, wird’s teurer.
03. Krankenkassen beklagen Zunahme ernährungsbedingter Krankheiten.
04. Arbeitgeber stöhnen zurecht über höhere Fehlzeiten am Arbeitplatz.
05. Fehlernährte Menschen jammern über zunehmende Bewegungsunlust.
06. Bewegungsunlust verstärkt die Konsequenzen aus der Fehlernährung.
07. No Sports erhöht den Chips- und TV-Konsum auf dem hyggeligen Sofa.
08. Mehr Sofa fördert den Konsum von geistigem Müll im TV + Internet.
09. Bequemlichkeit lässt putzigerweise auch die Lust auf’s Essen ansteigen.
10. Kochshows werden darum immer beliebter, so lange man nicht selber…
11. Ernährungs-Docs mutieren zum Kult, weil man ja…hm…etwas ahnt.
12. Sehen und einsehen heißt jedoch nicht – umsetzen, weil sehr unbequem.
13. Schlechtes Gewissen entlädt sich in tiefem Frust. Siehe Sofa, Chips & Co..
14. Ein Teufelskreis. Thesen-Modell bitte noch mal von vorne durchlesen.

Fakt ist: Es war noch niemals so einfach, sich den ultimativen Durchblick in Sachen Essen und Trinken zu verschaffen. Da gibt es kein “wenn und aber”, kein “vielleicht oder doch nicht” und erst recht kein “sowohl als auch”. Klare Kante in den Expertenaussagen. Keine zwei Meinungen. So, bitte schön, und nicht anders. Da geht’s lang! Beispiele gefällig?

Ernährungs-Docs und ihre Gegenspieler

Ja: Ein täglich Glas Wein in Ehren kann niemand verwehren.
Aber: Trink nur einen Tropfen Alkohol – dein Krebs fühlt sich wohl.

Ja: Eier am Morgen bringen Kummer und Sorgen.
Aber: Zwei Eier täglich sind überhaupt nicht schädlich.

Ja: Ess’ Superfood und dir geht’s jeden Tag echt good.
Aber: Spar dir den Hype – er ist nur teuer und sinnbefreit.

Ja: Das Wort “Fette” macht beim Lesen schon dick.
Aber: Alles Quatsch, der richtige Mix führt ins Glück.

Ja: Low-Carb-Prinzip – Wir “Diätler” haben dich ganz doll lieb.
Aber: Vom Verzehr von Kohlenhydraten ist nicht abzuraten.

Ja: Nur vegetarisch/vegan kommst du in deinem Leben topfit voran.
Aber: Fleischlos und so fern dem Fett, ist’s auf Dauer nicht so nett.

Liebe, liebe Ernährungs-Docs!
Eure Tipps sind für’n Arsch. Und wir haben keinen Bock!

Halt, so war das doch nicht gemeint. Es ist nur manchmal so furchtbar kompliziert mit eurem Fachchinesisch. Hm, lecker, chinesisch. Ja, es haben nur ganz wenige von uns seinerzeit die Fachschule für Hauswirtschaft besucht. Sorry! Und der Rest verpennte in einträchtiger Verantwortungs-Bewusstlosigkeit den traditionell spektakulär aufbereiteten Chemieunterricht komplett. Schade um die Defizite in Sachen gesunder Ernährung. Aber wir wissen ja: Im Nachhinein ist man immer dümmer.

Ernährungs-Docs an Deck
Elvira Klickerklack vom Ernährungs-Docs-Expertenteam gönnt sich in den wenigen Drehpausen durchaus auch mal die eine oder andere Kreuzfahrt-Sünde. Im Anschluss an das üppige 7-Gang-Menü am Kapitänstisch geht nichts über einen handgeschüttelten “Manhattan” auf Deck 7.

Das macht’s nicht einfacher, eher nur schlimmer. Wie wäre es denn mal mit der Einführung einer Lebensmittelampel als ersten Schritt? Gibt’s schon? In anderen Ländern? Ach, so. Bei uns auch schon lange in Planung, aber es verzögert sich aus erklärlichen Gründen um wenige Jahrzehnte? Ach, Julia, so lange du uns mit deinem verstrahlten Nestle-Lächeln ein ebensolches auf unsere Gesichter zauberst…

“Je älter ein Mensch wird, desto mehr lebt er von dem, was er nicht isst.”
(Willy Birgel, deutscher Schauspieler, 1891-1973)

Raabler-Blogpost:
Grillen mit dem Streber-Grill

Raabler-Web-Tipp:
Ernährungswahnsinn (extra 3)