Und sonst so?

Es ist zum “Cornern”!

cornern

Du weißt, was Cornern ist, oder? Nicht? Der Raabler erklärt es dir gern: Cornern ist die englische Bezeichnung für übermäßig viel “Korn trinken” – eine vor allem in den ländlichen Gegenden Norddeutschlands beliebte Form der abendlichen Freizeitgestaltung. Bei Männern wie bei Frauen. Früher sprach man umständlich von “Abhängen auf der Straße” oder “Rumstehen vor der Eingangstür zum Club”. Cornern ist vom Ausdruck her kürzer und klingt wesentlich cooler. Schließlich geht’s sinnbildlich ja auch um “Kurze”, eisgekühlt. Aber es geht auch noch um etwas ganz anderes, wie der Raabler zum Ende seiner kleinen Recherche feststellt. Sei gespannt!

Korn ist dörflich und Cornering ist urban. Insofern sind Schnäpse schon lange kein Muss mehr. Sehr zur Freude der Stadt-Ladies und dem Zeitgeist entsprechend ist die versammelte Feier-Meute heute in Sachen Alkoholika erheblich “breiter” aufgestellt. Sekt, Champagner, Liköre, Weinbrände, Obstler, Rum, Whiskey, Brandy und Weine aller Coleur ergänzen das Promille-Universum. Dauerbrenner ist und bleibt erwartungsgemäß des Deutschen liebtes, weil magenschonendes Wohlfühlgetränk: das Bier. Hopfen und Malz sind nämlich niemals verloren, sondern sorgen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für eine günstige Darmflora.

Deutschland-Fahne

Oberstes Ziel der stundenlangen Trinkgelage unter freiem Himmel ist ein in Richtung Mitternacht wohl dosierter Pupillenstillstand mit parallel dazu einsetzender, temporärer Entfremdung vom eigenen total langweiligen Lebens- und Berufsalltag. Und das, bitteschön, zu akzeptablen Preisen. Natürlich ließe sich eine derart definierte Zielsetzung auch bequem in den vermufften heimischen vier Wänden realisieren. Eine Kiste Schöfferhofer Doppelbrech in Griffnähe, den 65-Zöller auf DMAX eingestellt und in den Werbepausen erotische Zwiegespräche mit Alexa. Aber wir kennen ja alle den Unterschied zwischen Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung. Beim Cornern lernt man halt Leute kennen…

Cornern: Jeder Scheiß hat seinen Preis

Für außerhäusiges und erfolgreiches Verdrängen der Lebenswirklichkeit mittels Alkoholika (mancherorts auch mit dem Begriff “Chillen” belegt) ist neben dem materiellen auch ein immaterieller Preis zu hinterlegen. Man denke nur an die bemitleidenswerten Anwohner, mithin die unfreiwilligen Zeugen des nächtlichen Ausnahmezustands. Bluetooth-Soundblaster werden immer handlicher und lauter. Dröhnende Ghetto-Mucke mit deutschen Texten voller Liebreiz und literarischem Geistesanspruch erhöhen zwansgläufig die sonst übliche Gesprächslautstärke der Kundgebungsteilnehmer. Aus Sprache wird Gekreische. Das ist nicht schön!

E-Scooter

Und was ist mit der Notdurft? Genau, was ist eigentlich damit? Den Kiosk mit Spritkäufen trocken legen ist kein Problem. Nur bietet der Kiosk leider keine Toiletten für den bedenklich ansteigenden Urinpegel. Aber dafür haben wir doch die teuren Kneipen und Bars rund um den Corner-Hotspot, oder etwa nicht? Genau! Die Dreisten gehen straight und mit Tunnelblick auf’s relativ saubere Gastro-Klo. Die mit dem kleinen Rest an Gewissen bestellen kurz vorm Püschern noch ein Kaltgetränk. Das alles will gut getimt sein…

Gerüche wie einst im Gängeviertel

Soweit die geruchsneutrale Version. Ein Auslaufmodell. Denn vielen Betrunkenen ist das alles zu umständlich. Sie gehen zum “Erleichtern” um die Ecke, in den muggeligen Hauseingang oder den liebevoll bepflanzten Minigarten. Als Baum-Ersatzlösung müssen sogar Autos, Kinderbuggys, Fahrräder, Pedelecs (bedenke, Akkus mögen absolut keine Feuchtigkeit) und neuerdings auch achtlos weggeparkte E-Scooter herhalten. Für die Aufnahme bzw. Entsorgung von Erbrochenem haben sich seit jeher Papierkörbe, Standaschenbecher, Satteltaschen und Briefkästen bewährt.

Paar umarmt sich beim Cornern
Man kann durchaus auch zu zweit Cornern oder Vorglühen. Ein Glück, dass die junge Frau noch an eine Notreserve Baileys-Likör gedacht hat.

Man glaubt es nicht. So nach und nach kann der Raabler verstehen, warum immer mehr junge Menschen den naturnahen Dörfern den Rücken kehren. Städte haben einfach mehr Lebensqualität zu bieten. Ist nun mal so. Angesichts der z.T. anarchischen Auswüchse beim professionellen Cornern verwundert es wenig, dass das Quantum an Gleichmut unter den gestressten Anwohnern nach und nach zur Neige geht. Da die Androhung polizeilicher Gegenmaßnahmen aus den Fenstern der oberen Etagen oftmals im herzhaften Gelächter der Angerufenen untergeht, wird gelegentlich zur Selbstjustiz gegriffen.

Cornern oder die Renaissance der Nachttöpfe

Pinkeln müssen wir alle. Auch die betroffenen Anwohner. Wenn zusätzlich tierische Hausbewohner zu versorgen sind, steigt die für den guten Zweck zu entsorgende Masse an Fäkalien in erfreuliche Dimensionen. Das Ausleeren von extra angeschafften Nachttöpfen über den Köpfen der allzu sorglos Feiernden hat sich darum als erstes Mittel der Wahl bewährt. Im Nachgang ein wenig präpariertes Katzenstreu in Kombination mit “seltenen Erden” aus dem Papageienkäfig tragen für gewöhnlich zu weiteren Beruhigung der Gemüter bei. Schade, dass dieser zwischenmenschliche Austausch von Freundlichkeiten bisher noch in keinem Youtube-Video festgehalten wurde.

Instagrammable

Cornern ist somit völlig zurecht sehr in Verruf geraten. Sogar intellektuelle Medien wie Mopo, Bild, Zeit, Spiegel und Stern schickten eiligst ihre top-bezahlten Edelfedern (auch Volos oder Praktikanten genannt) in die Brennpunkte des Geschehens. Was steckt wirklich hinter diesem Phänomen? Blöde Frage! Es geht mal wieder, oh Wunder, um Asche, Cash, Kohle und Euronen. Penetrantes und permanentes Cornern gefährdet nämlich die Geschäftsgrundlagen der Kiez-Gastronomie. Logisch. Die jungen Leute bringen sich ihren “Bölkstoff” umsatzneutral von zuhause mit. Oder – falls die Vorratsbemessung für den lau(t)en Abend eher von Geiz geprägt war – frischen ihre Bestände beim besagten Kiosk um die Ecke kostengünstig auf.

Es war einmal…in Hamburg

Des einen Freud, des anderen Leid. Des einen roten Nase, des anderen lange Nase. Die einen haben nur ihr begrenztes Feier-Budget, die anderen ihre monatliche Pacht/Miete vor Augen. Das war im Grunde immer schon so. Aber warum driften aktuell die Interessen-Gemengelagen so weit auseinander? Wir leben doch in der besten aller Zeiten. Dank Mutti und Globalisierung herrschen Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum, Wohlstand, resignative Arbeitszufriedenheit und Klimawandel. Was will man mehr? Oder alles nur eine Lüge? Der Raabler phantasiert sich jetzt mal einen zurecht…

Klimawandel

Es war einmal. Ein junger unbescholtener Unternehmersohn aus Hamburg, der vor vielen, vielen Jahren gänzlich unerwartet mit einem hart erarbeiteten Millionen-Erbe konfrontiert wurde. Es bestand aus mehreren international gestreuten Aktienpaketen – zusammengestellt in einer Zeit, als kaum jemand in der Lage war, überhaupt in Aktien zu investieren – und mehreren immobilen Sahnstückchen in seiner geliebten Heimatstadt. Unter anderem Vermietungsobjekte im Segment der mittleren und gehobenen Gastronomie und ebensolchen des Bordellwesens. Ja, warum denn auch nicht? Geerbt ist geerbt.

(Nicht) Jeder kann es zu Wohlstand bringen

Dieser vollkommen überraschende Geldsegen machte ihn bereits in einem Alter autark, als sich andere seiner Altersgenossen noch mit den Unbilden des Studiums und des Absolvierens mancher Mensur in den Kellerräumen hanseatisch geprägter Burschenschaften zu beschäftigen hatten. Nicht, dass er nicht studiert hätte. Selbstverständlich hatte er studiert. Aber eher zum akademischen Zeitvertreib. Und um den standesgemäßen Ansprüchen seiner Akademiker-Familie Genüge zu tun. So war das nun mal. Aber der Raabler will sich jetzt nicht weiter verzetteln.

Börse

Mit anderen Worten: Geld stinkt nicht! Und es war und ist ein wunderbares Gefühl, von den Erträgen eines soliden Vermögensstocks luxeriös leben zu können. Finanzielle Sonderwünsche kann er sich bis in die heutigen Tage hinein im Handumdrehen erfüllen, ohne auch nur im Ansatz an die Substanz gehen zu müssen. Das Leben ist einmalig und wunderbar. Warum ewig diese Neiddebatten in unserem Lande? Jeder ist seines Glückes Schmied. Und wer fleißig ist, für den liegt das Geld auf der Straße. Man muss es nur aufheben. Gut, er musste sich nicht mal bücken für seinen Lebensstandard. Aber derlei Sprüche haben ihn stets beruhigt.

Die tolle Idee von der Selbstständigkeit

Und nun stellen wir uns mal vor, der Pächter eines angesagten Kultlokals im Hamburger Kiez hat an den o.a. skizzierten, rein fiktiven Eigentümer der Immobilie jeden Monat eine Summe in Höhe von – sagen wir mal – 8.000 Euro zu zahlen. Dazu liegen ihm zwei Fertiggerichte-Köche im Schichtbetrieb, drei weitere Servicekräfte und eine Putzfrau – allesamt mit Anspruch auf diesen Scheiß-Mindestlohn – auf der Tasche. Oben drauf absorbiert seine Hausbank einen monatlichen Abtrag von rund 500 Euro, weil er mangels eigener Rücklagen für Renovierungsarbeiten, Möblierung und einige kleinere Neuanschaffungen einen Kredit aufnehmen musste. Gas, Wasser, Strom. Puuuh, es reicht!

Feiern auf der Straße
Diese Studentinnen und Studenten machen es richtig beim Cornern: Bier ist gesund und unterliegt dem deutschen Reinheitsgebot. Prost!

Der Pächter selber ist verheiratet mit Frau und Kind, die versorgt sein wollen. Man wohnt zur Miete im gleichen Viertel, was früher mal erschwinglich war. Heute auf wundersame Weise gar nicht mehr. Eine zumindest klitze-kleine Privatentnahme wäre auch nicht schlecht. Für sich und die kommenden Vorauszahlungen an das mitfühlende Finanzamt-Mitte, klar. Nun die große Preisfrage: Was muss in diesem Lokal ein Bier, ein Glas Wein, ein Mixgetränk, ein Karibik-Cocktail kosten, damit der mutige Pächter von der fatalen Einnahme von Veronal abgehalten werden kann?

Cornern ist Jugendstil

Einen auf den ersten Blick ziemlich hohen Preis – ohne ins Detail zu gehen. Zählten Personen vom Kaliber seines Verpächters zu seiner Stammkundschaft, wäre der Fall geritzt. So ist es aber nicht. Es war schließlich auch nie seine Absicht ein Altenheim zu leiten. Nein, seine Kundschaft ist entschieden jünger und besteht in erster Linie aus Schülern, Studenten, Auszubildenden, Praktikanten, Volontären, Studienabbrechern oder akademischen Hartzern. Da war immer Highlife in der Bude. War. Bis das mit diesem Cornern überhand nahm.

Es scheint so, als verfügen die jungen Menschen in unserer Wohlstandsrepublik doch nicht mehr über soviel Geld wie früher. Hm, mal überlegen, woran das liegen könnte:

Das Geld ist knapper geworden, weil z.B. …

01. …die Eltern sich haben scheiden lassen.
02. …ein Elternteil arbeitslos/krank wurde.
03. …die Großeltern wg. hoher Pflegekosten als “Spender” ausfallen.
04. …die Mieten in den Städten inkl. Speckgürtel stark gestiegen sind.
05. …hunderte Euro Studiengebühren an privaten Hochschulen anfallen.
06. …die Kosten für Smartphone & Co. doch nicht so gering sind.
07. …Praktikas, wenn überhaupt, nicht sehr üppig bezahlt werden.
08. …der Tipp mit den Bitcoins nicht aufgegangen ist.
09. …statt Cornern auch mal richtig wieder Clubbing angesagt ist.
10. …trotz Geldmangels die Ansprüche nicht sinken, sondern…genau!

Schön, es gibt bei Bedarf Bafög und Studienkredite. Die müssen in Gänze oder zum Teil wieder zurückgezahlt werden. Kein optimaler Start ins Berufsleben, wenn man z.B. nicht das Glück hat nach Industrietarif bezahlt zu werden. Aber jetzt wegen dieser ganzen gesellschaftlichen Entwicklungen den Eigentümer um Pachtminderung bitten? Der muss doch auch für seinen Wohlstand jeden Tag in der Frühe aufstehen, sich durch den morgendlichen Stau zur Arbeit quälen, sich von seinem Chef vor allen Leuten zusammenscheißen lassen, Angst um seinen Arbeitsplatz haben, wegen des ganzen Stresses und der Verantwortung für seine Familie um seine Gesundheit bangen, oder? Sein ganzes Leben hat er…

Hamburg soll schöner werden

Armer reicher Mann
Jeden Tag sein einstmals mühselig ererbtes Geld verwalten zu müssen ist kein Zuckerschlecken. Dieser sympathische vermögende Immobilienbesitzer aus Hamburg steht oft am Rande des Burnouts. Er ist sehr zu bedauern…

Nicht? Er muss im Prinzip gar nicht mehr aufstehen und erst recht nicht arbeiten? Er lässt das Geld für sich arbeiten? Er lässt die Puppen tanzen? Ihm ist es tatsächlich egal, ob der Pächter des Kiezlokals über die Runden kommt oder nicht? Und überhaupt ist es ihm alles egal? Wenn die Kohle nicht stimmt, so what, lässt er die Kiste eben leer stehen? Das kann er spielend ganz lange durchhalten? Und irgendwann kommt der nächste Pächter um die Schmuddelecke? Und der zahlt den Preis, der niemals nach unten geht, sondern immer nur die andere Richtung kennt?

Und das gleiche Spielchen zieht er auch konsequent bei seinen neu angeschafften Wohnimmobilien durch? Ein smarter Typ. Sicherlich von hohem gesellschaftlichem Ansehen? HSV-Supporter? Das ist sympathisch. Jeder Euro ist dort herzlich willkommen und allerbestens angelegt. Ach, er soll sich mal in der Hummer-Lounge beim letzten Heimspiel dahingehend verplappert haben, dass er nichts dagegen hätte, wenn der innere Kern von Hamburg nur den Wohlhabenden offen stünde? Den Leistungsträgern und nicht dem öden Mittelbau der Gesellschaft mit Aussicht auf ein Abrutschen in das Lager der Leistungsempfänger? Ein Mann mit Visionen…Chapeau!

Der Hamburger Weg

Fazit: Cornern war nur eine kurze Episode. Nachhaltiger fiel die anschließende, unfreiwillige Stadtflucht aus. Wir werden es alle noch erleben. Denn jeder ist seines Glückes Schmied. Du musst nur ganz fest dran glauben…

“Die meisten Menschen werden nur deswegen nicht reich, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit zum Geldverdienen haben.”
(Jimmy Durante, amerik. Komiker, 1893-1980)

Raabler-Blogpost:
E-Scooter: Wie blöd muss man sein?

Raabler-Web-Tipp:
Julia Staron über Cornern, Kiosk-Kultur und Respekt