Gesellschaft

Helikopter-Eltern im Fronteinsatz

Helikopter-Eltern

Immer wenn Raabler Rolfns Mutter von “früher” erzählt, rückt über kurz oder lang der Zweite Weltkrieg in den Fokus ihrer Erinnerungen. Die schlimme Schulzeit, wenn überhaupt Schule stattfand. Und wenn doch, dann unzählige Male nasse Klamotten vom Schnee oder Regen während des sechs Kilometer langen Fußmarsches zum Unterricht. Die allgegenwärtige Angst vor Tieffliegern. Eiskalte Klassenzimmer. Heizung? Fehlanzeige. Ausharren und Lernen. Nur nicht krank werden. Hunger- und Durstgefühle, die an Körper und Seele nagten. Der Rückweg wie der Hinweg. Wieder die Angst vor Bomber-Alarm. Am nächsten Tag das gleiche Programm von vorne.

Krieg als Computerspiel

Hm, wie kann der Raabler jetzt elegant den Bogen zu den Helikopter-Eltern der Neuzeit spannen? Ein großes “mea culpa”! Was für eine blöde, deplatzierte Einleitung. Man ist eh’ schon oft genug scheiße drauf, da zieht einen diese ewige Kriegsberichterstattung aus längst vergangenen Tagen nur noch weiter runter. Muss das sein? Schönen Dank auch, Raabler! Man hat schon keine Lust mehr weiterzulesen. Ach, komm’, lies’ bitte weiter. Den unangenehmen Part haben wir doch schon prima hinter uns gelassen. Zusammen sind wir stark. Zum Beispiel im Verdrängen. Ab jetzt wird’s wieder lustig, versprochen!

Fahrbahnunebenheiten im Berufsverkehr

Denn sie rollen doch schon seit Jahren wieder auf unseren kaputten Straßen. Und täglich werden es mehr: martialisch anmutende Panzer. Gut, heute sprechen wir von SUV (Sinnentleert Unter Vollidioten) und ihr Einsatz dient in der Regel friedlichen Zwecken. Aber wer einmal im morgendlichen Berufsverkehr nicht aufpasst – als Fußgänger, Fahrradfahrer oder hinterm Lenkrad seines Mittelklassewagens – kann schnell mal unter die 20-Zöller kommen. Merke: Nicht immer registrieren SUV-Besitzer von ihrem priviligierten Aussichtspunkt im Hightech-Cockpit aus gewisse, sagen wir mal, Fahrbahnunebenheiten.

Mit dem SUV zur Schule
Der leicht arrogant-stolze Blick von Niklas ist nur aufgesetzt. Zwar legt er wie jeder seiner Klassenkameraden großen Wert darauf, in einem gepflegten SUV zur Schule gefahren zu werden. Doch es sollte schon ein besonderes Auto sein. Und nicht so ein 08-15-Modell für 50.000 Euro wie bei den anderen Mitschülern und ihren Eltern.

Heli-Eltern im SUV lieben dieses wohlige Sicherheitsgefühl, im Straßenverkehr ganz oben in der Nahrungskette zu stehen. Will sagen, sich mit keinen natürlichen Feinden auseinandersetzen zu müssen. Ein geiles Gefühl. Und mal ehrlich: Von wem oder was könnte ein 2-Tonnen-Mobil heutzutage noch platt gemacht werden? Im Grunde doch nur von einem geschmeidigen Gepard oder Leopard. Und damit meint der Raabler nicht seine possierlichen Kumpels aus der Wildnis. Die “stählernen Raubtiere” bringen noch ein wenig mehr Masse auf die Waage, stehen zum Glück aber warm und trocken in ihren Kasernen.

Helikopter-Eltern lieben Sicherheit

Sicherheit ist das Stichwort. Der wahre Grund (neben den wichtigsten 11 anderen Gründen; siehe Raabler-Blogpost unten) warum sich fürsorgliche Familien einen Monstertruck vor die Tür stellen ist das Thema Sicherheit. Sicherheit für die Eltern. Sicherheit für die Kinder. Auch wenn’s oft nur für ein Kind gereicht hat. Sicherheit in puncto garantiert neidischer Nachbarn. Gut, das auch. Aber vollständige Sicherheit verleiht letztlich nur ein Vehikel, das der lästigen Konkurrenz auf den Straßen in Gewicht, Maßen und Kraft überlegen ist. Aus Expertensicht ein klarer Fall von Straßen-Darwinismus. Das Gesetz des Stärkeren bzw. Reicheren. So ein Bolide ist kein Schnäppchen. Geld schießt keine Tore, macht aber den (Schul)Weg frei.

Helikopter-Eltern: Monstertruck statt SUV
Den Helikopter-Eltern von Niklas war die eingetrübte Stimmung ihres Sohnes wegen der SUV-Problematik nicht entgangen. Nach kurzer aber heftiger Aussprache entschied sich der Vater für ein Modell aus dem Hause “Monster”. Gewisse “Fahrbahnunebenheiten” können nun auf dem Weg zur Schule noch besser abgefedert werden.

Nun kommt das Problem: Wenn immer mehr Helikopter-Eltern die Sicherheit ihrer zu höchstmöglicher Selbstständigkeit erzogenen Kinder in den Fokus ihrer Erziehungsbemühungen stellen, gibt’s zwangsläufig irgendwann Platzprobleme auf den Straßen und in den Parkzonen der Kitas und Schulen. Natürlich auch dann, wenn nicht jeder mit einem SUV um die Ecke kommt, sondern nur jeder zweite. Es staut sich. Es zieht sich. Der Puls schlägt vor Stress und Wut nur so um sich. Parallel dazu schwillt die Halsschlagader bedenklich an.

Sensible Seelen unter den Helikopter-Eltern mit Blick über den Tellerrand (leider eine Minderheit) wissen es längst: Deutschlands Straßen bieten in bestimmten Zeitfenstern keine Bälle-Bad-Atmosphäre. Die Befriedigung des oben beschriebenen Sicherheitsgefühls für die Kleinen kann in der Rush-Hour schnell zum gesundheitsgefährdenden Bumerang mutieren. Was tun? Die 1,5 Kilometer zu Fuß gehen lassen? Den vermufften öffentlichen Nahverkehr nutzen? Ekelerregende Fahrgemeinschaften mit den unsympathischen Nachbarn (die ihre quengeligen Blagen viel zu sehr verwöhnen) organisieren? Sammeltaxis? Was für ein Aufwand, viel zu teuer, viel zu anstrengend und zeitraubend. Stress pur. Dann doch lieber…

Helikopter an die Front

Genau, wie bisher jeder für sich! Und deswegen wird sich die Problematik rund um die Helikopter-Eltern eher verschärfen als entspannen. Ganz kluge und vor allem ganz reiche Familien gehen aktuell einen Schritt weiter: Sie fahren ihren überdurchschnittlich begabten Nachwuchs nicht mehr per Auto zu Kindergarten, Unterricht, Reit- oder Tennisplatz, Musik- und Kunstschulen etc., sondern sie fliegen sie dorthin. Mit dem Helikopter. So wird der Begriff “Helikopter-Eltern” in sein eigentliches Licht gerückt. Wie gesagt, kein ganz billiges Unterfangen. Der Pilotenschein erledigt sich auch nicht mal so nebenbei. Sind die Hürden aber erst einmal genommen, ergibt sich bei allen Beteiligten ein völlig neues Lebensgefühl.

Helikopter-Vater
Seit Markus M. aus H. seinen Sohn regelmäßig mit dem Helikopter in die Schule fliegt, hat sich das zuvor eher angespannte Verhältnis zwischen den beiden wieder normalisiert.

Gut, auch Eltern-Helis brauchen Platz zum Landen. Aber nicht so viel wie man meinen könnte. Für geübte Piloten reicht in der Regel der Parkraum von vier großzügig abgestellten SUV’s oder zwei Monstertrucks (siehe Bild oben). Da zudem die meisten traditionell veralteten Schulgebäude über eine altbewährte Flachdachkonstruktion verfügen, haben sich viele Kommunen darauf geeinigt, diese temporär als Landeflächen für die Hubschrauber der Helikopter-Eltern freizugeben. Ein weiser Entschluß, der sich z.B. zukünftig als (ein) unschlagbarer Standortfaktor für die Anwerbung qualifiziertem Fachpersonals weit über die Stadtgrenzen hinaus entpuppen könnte.

Kleiner Tipp zum Schluss:
Bitte alle noch mal den ersten Absatz lesen. Raabler Rolfn dankt für die Aufmerksamkeit!

“Extravaganzen sind gewendete Minderwertigkeitskomplexe.”
(Oliver Hassencamp, deutscher Kabarettist u. Schauspieler, 1921-1988)

Raabler-Blogpost:
SUV: Sinnentleert unter Vollidioten

Raabler-Web-Tipp:
Helikopter Mutter mit Kontrollzwang