Und sonst so?

Hermann Hesse: Der Preis für Ruhm und Ehre

Hermann Hesse

Die Popularität des deutsch-schweizerischen Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse hat sich glücklicherweise bis in die heutige Zeit gehalten. Manch’ Deutschlehrer traut sich sogar mit “Unterm Rad” in die Unterrichtsstunde. Hoppla, da muss die interessiert dreinschauende Rasselbande auf ihren Klappstühlen im Übergangs-Lerncontainer von ihrem Pauker hinterm Katheder aber mal so richtig an die Kandarre genommen werden. Nicht, dass sich der eine oder die andere aus den hinteren Lümmelreihen während der Hesse-Lektüre urplötzlich mit gewissen Einflüsterungen konfrontiert fühlt.

Einflüsterungen wie “Bleib’ zuhause, hat eh’ alles keinen Zweck!” oder “Lass’ dich nicht weiter von deinen Lehrern verarschen!” oder “Vergiss’ deine Individualität, danach fragt hier niemand!” oder “Die Schule soll nur Nützlinge für die Gesellschaft hervorbringen!” Formidable Botschaften, die in ihrer Einfachheit und Klarheit selbst im 21. Jahrhundert jeden aufgeweckten Bücherwurm überzeugen. Reger Diskussionsbedarf innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers dürfte garantiert sein. Der Raabler möchte nicht mit dem Lehrer tauschen.

Wenn Hermann Hesse das wüsste…

Ein dezenter Hinweis auf das Erscheinungsdatum des Klassikers macht es nicht besser und erweist sich schnell als Rohrkrepierer. Zwar sind seit 1906 unbestritten viele Jahre ins Land gegangen, jedoch scheint sich im deutschen Schulwesen grundsätzlich nicht viel geändert zu haben. Schlimm genug. Noch schlimmer: Bei den einfühlsamen Erziehungsberechtigten hat sich auch nichts verändert. Die Aufseher über den Hochbegabten-Nachwuchs sorgen mit ihren wohlmeinenden Ratschlägen dafür, dass es in ca. 10 Jahren nur noch eine Schulform bei uns geben wird: das Gymnasium. Bravo!

Und im Anschluss natürlich nichts Praktisches, sondern bis zum elendig lang hinausgezögerten Entscheidungsprozess über den eventuell richtigen Studiengang noch schnell ein Auslandsjahr eingeschoben. Aber bitte nicht Europa. Man will sich ja nicht vor den anderen blamieren. Toronto, Mexiko-City, Singapur, Montevideo, Kapstadt oder Beijing wären in Ordnung. Mal raus aus dem vermufften Kinderzimmer und andere Kultouren kennenlernen. Mami und Papi maulen ja sowieso ständig vor sich hin, dass ihre Tagesgeldkonten keine Zinsen mehr abwerfen. FFFF – Fuck Fridays For Future! So sieht’s aus!

Künsterlerische Selbstverwirklichung contra gedeckter Tisch

Der hochbegabte Hermann Hesse wusste nach der Schule dagegen sehr genau, was er werden wollte: “Entweder ein Dichter oder gar nichts!” Diesen Faden nahmen seine streng pietistischen Eltern gerne auf und vermittelten ihm passenderweise ein 15-monatiges Mechaniker-Praktikum in einer Calwer Turmuhrenfabrik. Statt an Gedichten durfte der sonderbar unangepasste Bub nun tagelang völlig sinnbefreit im Blaumann und mit extra stumpfem Material an Zahnrädern herumfeilen. Kind, wir meinen es doch nur gut mit dir.

Kunst ist nun mal brotlos. Und wo, bitteschön, ist der Beruf des Dichters zu erlernen? Na, also. Da geht’s lang! Gut, in unserer heutigen Zeit kann man z.B. Mediengestaltung und Kommunikationsdesign zwar lernen und studieren, aber brotlos wie ein Bio-Studium bleibt es dennoch. Ist halt so eine Sache mit der viel beschworenen Kreativität. Sie schwebt als Verheißung über dem jungen, nach Selbstverwirklichung strebenden, Nachwuchs und wird doch so selten in der Praxis eingefordert. Schon gar nicht in der so furchtbar gehypten Medienlandschaft. Ein Trauerspiel.

Eigensinn macht Spaß!

Für den hochsensiblen Hermann Hesse musste dieser Zwiespalt zwischen den eigenen und den Ansprüchen seines unmittelbaren Umfeldes einem Stahlbad gleichgekommen sein. Wie das Leben bestehen ohne durchzudrehen? Man ahnt, dass sich die Eltern von Hesse aus ihrem Blickwinkel heraus die gleiche Frage gestellt haben müssen. Was machste mit einem Neunmalklugen, der – kaum aus den Strümpfen – mal eben gefühlt 75% der klassischen Weltliteratur verschlungen hat? Klingt anstrengend. So einen möchte man nicht im Corona-Homeofice um sich herum haben, oder?

Wenn Sonderbehandlungen in der Nervenheilanstalt (inklusive Teufelsaustreibungen) lediglich die Suizid-Bereitschaft beim vereinsamten Probanden erhöhen und nur beim ausführenden Personal Glückmomente auslösen, dann ist Loslassen die Lösung aller Probleme. Mit 18 Jahren wurde der Arme endlich für eine Buchhändlerlehre in Tübingen freigegeben. Darauf folgten erste eigene literarische Gehversuche. Eine Weltkarriere nahm seinen vorbestimmten Lauf. Jede Menge Stoff für einen Kinofilm in Überlänge. Aktueller Raabler-Filmtipp: “Narziss und Goldmund”.

Unsterblichkeit erfordert Opferbereitschaft

Aber warum müssen Einzigartigkeit und Genialität so oft mit diversen psychischen Erkrankungen “bezahlt” werden? Geht’s nicht auch mal ganz normal? So wie bei Friedrich Nietzsche, Friedrich Hölderlin, Vincent van Gogh, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Jean-Paul Sartre oder Edvard Munch? Raabler, du bist ein Zyniker vor dem Herrn. Die durchlittenen inneren und äußeren Kämpfe mancher Protagonisten, die durch ihre Werke Unsterblichkeit erlangten, möchte man seinen ärgsten Feinden nicht wünschen.

Ein intensiver Briefwechsel mit Hesses Psychoanalytiker Dr. Josef Bernhard Lang aus den Jahren 1916 bis 1944 offenbart die Leidensgeschichte eines Auserwählten, der sich nur seinem Werk verpflichtet fühlte. Dass Herrmann Hesse dennoch dreimal verheiratet war, will da so gar nicht ins Bild passen. Leiden mussten somit auch die jeweiligen Lebensabschnittspartnerinnen. Die Frauen hatten an der Seite ihres berühmten Dichters ganz schwere Päckchen zu tragen. Sie wussten vorher, worauf sie sich einließen. Aber: Theorie und Praxis…

Ob der weltberühmte Literatur-Nobelpreisträger seinerzeit selber ein Protokoll seiner “Befindlichkeiten und Beschwernisse” geführt hat? Oder gar eine detaillierte Statistik seines Medikamenten-Konsums? Den berufsbedingt ausgiebigen Genuss von Alkohol und Tabak lassen wir mal außen vor. Egal, Hermann hatte mit Sicherheit andere Priortäten. Darum hat sich nun der Raabler spaßeshalber die Mühe gemacht und den o.a. Briefwechsel unter medizinischen Gesichtspunkten analysiert. Nachfolgende Auflistungen in alphabetischer Reihenfolge:

Die Leiden des Hermann Hesse

Allgemeine Körperschwäche, Anämie, Angstzustände, Arthritis, Asthenie, Augenkrämpfe, Augenschmerzen, Depressionen, Einsamkeit, Ermüdungserscheinungen, Fingergicht, Frühjahrsmüdigkeit, Gallenbeschwerden, Gicht in den Händen, Gliederschmerzen, Hämorrhoiden, Ischias, Katarrh, Kopf-Anämie, Leberleiden, Magenbeschwerden, Melancholie, Migräne, Muskelschmerzen, Nackenversteifungen, Psoriasis, Reizbarkeit, Rheuma, Rückenschmerzen, Rückenversteifungen, Schlaflosigkeit, Schwierige Zahnbehandlungen, Schwindel, Suizidversuche, Verstopfungen.

Die Medikamente des Hermann Hesse

Agarol, Alophen, Apikur, Atophan, Augenwasser, Baldrian, Belladonna
Bienengift-Einspritzungen, Blutegel, Cibazol, Colchicum, Colchizin, Dial,
Diäten, Dr. Lavilles Liquer contre la goutte, Dr. Lavilles Pillule contre la goutte, Drüsenpräparate, Einspritzungen gegen Gicht, Forapin, Hädensa
Herzmittel, Hexaphon, Kinaredoxon, Lyxanthine, Magnesium, Nestrovit, Opium, Orex, Peristaltin, Phosphan, Preloban, Pyramidon, Raphabil, Redoxon, Recvalysat, Reumina, Rheuma-Impfungen, Rheumacutin, Salitsalbe, Salizylpräparate, Salzsäurebäder (für die Hand), Schlaftabletten, Solvuric, Strichnin, Taxol, Togal, Urozero, Valeriana, Veronal, Viroglan, Vitamin E + B, Zinktropfen.

Thomas Mann ist jederzeit willkommen

Wohlgemerkt, es betraf lediglich den Zeitraum von 1916 bis 1944. Was sich davor und danach bei Hermann Hesse an Somatisierungen und deren Bekämpfungen ereignete, ist nachzulesen – wollen wir aber jetzt gar nicht so genau wissen. In jedem Fall: Wie hält man das als Individuum aus? Wie kann vor diesem Hintergrund eine derart hohe geistige Produktivität erzielt werden?

Neben den bekannten Romanen: unzählige Gedichte, Aufsätze, politische Schriften, Renzensionen und Reise-Erzählungen. Nicht zu vergessen seine Aquarelle. Als Therapie gegen den Weltschmerz und die Ignoranz des bräsigen Bürgertums. Hesse hielt sich in Sachen Malerei zeitlebens nur für durchschnittlich begabt. Das hält die heutige internationale Kunstszene jedoch nicht davon ab, sich das eine oder andere Original des Wahl-Schweizers für einen mindestens fünfstelligen Betrag an Land zu ziehen.

War sonst noch was? Ach, ja, zehntausende Briefe von “Fans”. Zehntausende handschriftliche Antworten darauf vom Guru – der er nie sein wollte – höchstpersönlich zurück. Hunderte Besuche von meist prominenten Gästen in seiner “Casa Camuzzi” im beschaulichen Montagnola/Tessin. Teilweise mit Übernachtungen. Und wenn’s einem dann mal wieder so richtig scheiße ging, waren nur wenigsten wirklich herzlich willkommen. Na, gut, Thomas Mann schon. Es überwogen Pflichterfüllung und bedingungslose Hilfsbereitschaft. In erster Linie gegenüber “Intellektuellen”, “Regimekritikern” und Kriegsflüchtigen aus der Künstlerszene. Da blieb eigentlich nicht so viel Zeit zum Schreiben.

Der Steppenwolf und seine Schwaben

Kraft tanken war angesagt. Auch mal ein Lächeln oder gar Lachen zwischendurch. Eine Prise Zynismus. Eine Prise leichtgängigen Humors. Mal den Kopf freimachen. Für jeden neuen Tag. Dann kann man es auch verknusen, wenn die Bewohner seiner Heimatstadt im württembergischen Calw ihn viele Jahre als “Faulenzer” und “Nichtsnutz” ansahen. Keine Spur von Stolz auf einen Sohn der Stadt. Wie ist die Kunst? Genau, brotlos!

Dumm nur, dass der Hermann bereits zu Lebzeiten mit seiner Dichtkunst immer mehr Menschen für sich begeistern konnte. Mit entsprechenden Tantiemen und Honoraren auf dem Bankkonto. Geld scheffeln, ohne sich die Hände (außer an der Staffelei im Grünen) schmutzig zu machen, ist wahrscheinlich noch heute für manchen Schwaben schwer nachzuvollziehen. Der “Steppenwolf” konnte darüber nur die Zähne fletschen, lebte er doch weitgehend und paradoxerweise in bürgerlich-mondänen Wohnverhältnissen.

TOP-Influencer Hermann Hesse?

Heute setzen sie ihm und seinem Werk – nicht nur in Calw – ein Denkmal nach dem anderen. Jubiläums- und Musikveranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen, Kolloquien, Rockkonzerte (“Steppenwolf”), Hörbücher, Seminare und Museen, die auf seinen Namen lauten. Hermann Hesse in aller Munde. Wunderbar. Die Kassen klingeln. Und wenn die Kunst doch plötzlich mal richtig viel Geld abwirft, dann nehmen selbst die tüchtigen Calwer den “Nichtsnutz Hesse” rein virtuell in die Arme.

Ob Hermann Hesse im 21. Jahrhundert ein TOP-Influencer wäre? Wenn er es denn gewollt hätte – mit Sicherheit! Allerdings überließe er höchst gerne die damit verbundenen lästigen Aufgaben einem 30-köpfigen Social-Media-Team. Bestehend aus Literaturwissenschaftlern und Philologen allererster Güte. Welch’ eine Aufwertung für das Netz. Und würde Hermann Hesse ab und zu auch mal beim Raabler vorbeischauen?

Humor muss man haben…

“Aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.” (Aus: Der Steppenwolf)
(Hermann Hesse, deutsch-schweizerischer Schriftsteller, 1877-1962)

Raabler-Blogpost:
Wege aus der Depression

Raabler-Web-Tipp:
Unterm Rad to go (Hesse in 10,5 Minuten)


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