Adam & Eva

Hotel für kurz Zerschossene

Ehepaar im Streit

Nein, dieser Blogpost läuft trotz der verheißungvollen Überschrift nicht unter der Rubrik “Reise”. Gesten sagen bekanntlich mehr als 1000 Worte. Schau’ dir bitte mal die frustrierten Gesichter der beiden jungen Protagonisten an. Und du weißt sofort, worum es geht. Hat jeder von uns schon mal erlebt. Bestimmt nicht nur einmal, oder? Eher einmal am Tag? Oje, aber lass’ es dir gesagt sein, es ging noch nie ohne ab. Ohne Streit und Stress zwischen den Geschlechtern. Zeit für einen temporären Aufenthalt im “Hotel für kurz Zerschossene”.

Spontane Eskalationen kommen nur auf den ersten Blick unvorbereitet. Sie entspringen in den allermeisten Fällen einer oder mehrerer Vorgeschichten, an die sich Frauen traditionell sehr gut und Männer dagegen nur sehr nebulös erinnern können. Fakt ist, dass der professionell durchchoreographierte Streit zum Pflichtprogramm einer intakten, funktionierenden Paar-Beziehung gehört. Denn Frauen finden Männer, an denen sie sich nicht anständig und wiederholt reiben können, furchtbar langweilig.

Sex zum Zeichen der Versöhnung?

“Reiben” ist jetzt im rein übertragenen und nicht sexuellem Sinne gemeint. Bitte daher nicht missverstehen, liebe Hinkelsteinträger. Der Austausch von Körperflüssigkeiten rückt erst viel später wieder ins Rampenlicht. Nämlich dann, wenn beide Seiten aber mal so richtig mal Dampf ablassen konnten. 180 Puls. 120 Dezibel. Das übliche Programm. Sehr zur Freude der Mitbewohner im Mehrfamilienhaus. Nach dem freundlichen Austausch aller Sachargumente – wie man ihn sich unter vernunftbegabten Erwachsenen mustergültig vorstellt – folgt nicht selten der beliebte und extrem intensive “Versöhnungsfick”.

Quarantäne

180 Puls. 120 Dezibel. Das übliche Programm. Sehr zur Freude der Mitbewohner im Mehrfamilienhaus. Aber nicht immer ist ein glückliches Ende vorprogrammiert. Nicht immer gibt es noch am selben Tag oder in der selben Nacht Entwarnung zwischen Mann und Frau. Manchmal liegen Kränkungen und Frustrationen so derart tief, dass außer Geschrei nichts positiv Verwertbares heraus kommt. Der Hass hält sich hartnäckig und will einfach nicht verschwinden. Meistens findet das Malheur auch noch an einem Wochenende statt. Perfektes Timing. Die Flucht zum Arbeitsplatz entfällt. Vorhang auf!

Statt Sex verbale Schrapnell-Geschosse

Und Augen auf! Bei der Partnerwahl. Leicht daher gesagt, schwerlich umzusetzen. Die Scheidungsquoten verharren auf hohem Niveau. So wie seit Menschengedenken zerstörerische Vulkanausbrüche und Erdbeben zu beklagen sind, so gibt es die feurigsten Verwerfungen im emotionalen Gefüge einer Zweierkiste. Man kann den Naturgewalten einfach nicht aus dem Wege gehen. Böse Zungen behaupten gar, dass mit Sicherheit noch weit mehr Trennungen an der Tagesordnung wären. Würde sich nicht bei immer mehr Beteiligten die Einsicht durchsetzen, dass es beim nächsten Partner auch nicht viel besser liefe. Höchstens anders scheiße. Wie weise.

Gut, zurück zum Thema. Worst case ist also angesagt. Beide Lager verschanzen sich schultertief in ihren imaginären Schützengräben. Der modrige Untergrund aus Wut und Enttäuschung steht Mann und Frau bis zum Hals. Strategisch klug verlaufen die Frontlinien in einer maximal unversöhnlichen Entfernung von ca. vier bis fünf Metern. Brülldistanz ist eingenommen. Feuer frei! Und schon fliegen die ersten verbalen Schrapnell-Geschosse unkontrolliert und unstrukturiert durch die verqualmten Räumlichkeiten. 180 Puls. 120 Dezibel. Und so weiter…

Zäher Schlagabtausch: Löwe versus Hyäne

Es soll Frauen geben, die sich mit innerem Genuss solch’ actionüberladenen Blockbuster-Momenten hingeben können. Endlich kommt mal Feedback von diesem elenden Sesselpupser, der sich für gewöhnlich betont schweigsam und uneinnehmbar wie die Chinesische Mauer präsentiert. Ja, präsentieren kann er sich super. In seinem Bürojob. Aber beim kleinsten Gegenwind in häuslichen Gemäuern zieht er den Schwanz ein, wie ein Löwe unterm schattigen Savannen-Busch, den eine komplett abgedrehte Hyäne auf Ecstasy den Mittagsschlaf versaut. Einfach nur so. Ohne jeden Grund!

Wohin wünscht sich der überforderte Durchschnitts-Mann in diesen schrecklichen Momenten der unangenehmen Wahrheitsfindung? In diesem plötzlich furchtbar real gewordenen kriegerischen Umfeld, das er sonst nur von seinen innig geliebten Ballerspielen im Live-Stream kennt? Nun, zumindest ganz weit weg vom Ort der schwersten gegenseitigen Vorwürfe, Beleidigungen und Demütigungen. Aber wohin kann er dem Spektakel entfliehen? Schnell, unkompliziert und diskret?

Krieg als Computerspiel

Ein Königreich für einen echten Freund!

Das fragen sich im gleichen Moment natürlich auch die vielen unfreiwilligen Zeugen aus der lieb gewonnenen Nachbarschaft. Mit ihren mitleidenden Ohren an den Wänden, ihren mitfühlenden Augen durch die Spione verfolgen sie die Kampfhandlungen aus erster Reihe mit. Wird die Übertragungslautstärke für einen heimlichen Rekordermitschnitt auf dem Smartphone ausreichen? Das sind die Fragen des Augenblicks und nicht irgendwelche ungebetene Einmischungen in Form von wohlmeinenden Ratschlägen.

Wenn also die Gemüter sich einfach nicht beruhigen wollen, ein Versöhnungsfick so weit weg scheint, wie die sprichwörtliche Fata Morgana in den unendlichen Weiten der Sahara, dann gibt’s nur eine Lösung: Einer muss dem anderen räumlich aus dem Weg gehen. Entweder er oder sie. Egal, Hauptsache schnell. Zur Freundin? Zum Freund? Nun wird’s kompliziert, denn immer weniger Menschen haben Freundinnen und Freunde. Echte. Zumindest, wenn es in einer absoluten Notlage darum geht, jemanden ein warmes Plätzchen wenigstens für die Nacht zu gewähren.

Jetzt schnell ins Hotel…

Und es reift die nächste bittere Erkenntnis: Scheiße, selbst die allerengsten 345 Freunde auf den asozialen Medien sind blöderweise grad offline. Als wenn die den Braten gerochen hätten. Fachleute sprechen diesbezüglich gerne von “virtueller Realität”. Ach, von daher weht der eiskalte Wind. Und zu nächtlicher Stunde noch jemanden per Telefon aus dem Schlaf reißen? Wie peinlich, wenn man mit derjenigen/demjenigen schon eine Ewigkeit nicht mehr telefoniert hat. Wie geht das überhaupt noch? Telefonieren…

Influencerinnen

Jetzt hilft nur noch das “Hotel für kurz Zerschossene”. 24 Stunden. Sieben Tage. Diskret. Bezahlbar. Bequem und schnell erreichbar. Mit Auto, Bahn, Fahrrad oder Wanderrucksack. Alles Einzelzimmer. All inklusive. Mit therapeutischer Erstversorgung per Einzelgespräch oder Gruppenchat. Getrennt nach Geschlechtern oder gemischt. Je nach individueller Gefährdungslage und Gemütsverfassung. Ein Auffanglager für Beziehungsgeschädigte auf kurze oder etwas längere Zeit. Es gibt Rabatt.

Nachteil: Es kann zu unschönen Szenen vor bzw. im Hotel kommen. Denn schnell ist die Adresse ermittelt, der zurückgebliebene Partner hat plötzlich noch Gesprächsbedarf. Wird jedoch am Empfang in aller Freundlichkeit darauf hingewiesen, dass verständlicherweise immer nur einer der Ehe-Geschädigten einchecken darf. Dabei gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Groß ist das Geschrei. Das ist klar.

Die spezielle Atmosphäre im Hotel

Richtig bunt wird’s, sollte der hineinplatzende Partner (meistens ist es die Frau) “ihren” Mann bei bester Laune eng umschlungen oder gar knutschend mit einer anderen Schlampe auf dem Lounge-Sofa entdecken. Gar nicht mal so abwegig, denn Menschen in gleichen oder ähnlich gelagerten emotionalen Stress-Situationen (Stichwort: “Opfer”) üben – vor allem in einer hotelgleichen Umgebung – eine unglaubliche und spontane Anziehungskraft aufeinander aus. Oftmals werden zwei Zimmer bezahlt und nur eines benutzt. Wenn du weißt, was der Raabler meint…

Ein Paar steht vor der Trennung

Glücklicherweise kann das geschulte Hotelpersonal drohende Handgreiflichkeiten schnell richtig einschätzen und im Keim ersticken. Polizei-Notrufe werden allerhöchstens einmal pro Quartal abgesetzt. Eine herausragende Quote. Sehr zum Leidwesen interessierter Nachbarn. Man kann es nicht allen recht machen. Aber alles in allem eine gute Idee, das “Hotel für kurz Zerschossene”. Der Raabler wird für eine solide Finanzierung des innovativen Projekts mal kurzfristig seine Fühlerchen in Richtung Crowdfunding ausstrecken. Da gibt es doch dieses überragend erfolgreiche Portal im Internet. Wie hieß das doch gleich? Ach, ja, “Startnix”! Genau…

“Ein Streit beginnt oft damit, dass man sich etwas vorwirft, und endet damit, dass man sich etwas nachwirft.”
(Robert Lembke, deutscher Fernsehmoderator, 1913-1989)

Raabler-Blogpost:
Offene Zweierbeziehung

Raabler-Web-Tipp:
So gehen Beziehungen kaputt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.