Reise

Im ICE-Ruhewagen: Einfach mal die Fresse halten!

Im Ruhewagen der Deutschen Bahn AG

“Für Fahrgäste mit Wunsch nach Ruhe und Entspannung haben wir unsere Ruhezonen optimiert. Sie befinden sich entweder in Abteilen, den ICE Lounges oder in kompletten Wagen. In diesem Bereich sind Handytelefonate, Klingeltöne, lautes Musikhören oder sonstige lärmende Tätigkeiten nicht erwünscht.”

(https://www.bahn.de)

Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Mit der Konzeption von ICE-Ruhewagen ist der Deutschen Bahn AG ein feiner Zug gelungen. Das kostenlose Angebot des entschleunigten, stressfreien Reisens trifft den Nerv der Zeit. Derlei Gedanken hegten auch die Raablers, als sie sich überlegten, wie man möglichst klimaneutral die Urlaubsreise ins sonnenverwöhnte Südtirol antreten könnte. Gesagt, getan. Zu unschlagbaren 245 Euronen (zwei Personen!) für die Hin- und Rückfahrt von Buxmoorholm nach Meran, inklusive Sitzplatzreservierung, wähnte man sich für die knapp 13-stündige Schienen(tor)tour naiv und vorschnell im DB-Modus, der da heißt: “Urlaub von Anfang an!”

outdoor

Während die Online-Buchung im Internetportal der DB vom heimischen Sofa aus überraschend problemlos über die Bühne ging, wurde im Anschluß daran in gewohnter Routine die unvermeidliche To-Do-Liste für das kommende Outdoor-Abenteuer abgearbeitet. Details ersparen wir uns an dieser Stelle. Nur so viel: Genügend Essen und Trinken sowie Hygienetücher mitnehmen genießt bei Bahnreisen immer oberste Priorität. Das anfängliche Gewichts- und Platzproblem im Rucksack löst sich mit zunehmender Reisedauer von selbst.

ICE-Ruhewagen: Nicht alles Gold, was glänzt!

Übrigens, so ganz naiv wie oben beschrieben war der Raabler nicht an die ICE-Ruhewagen-Bestellung herangegangen. Wie immer, wenn es etwas Neues auszuprobieren gilt, wurde zunächst Dr. Google bzw. immer häufiger die umweltfreundliche Variante von Ecosia (“die Suchmaschine, die Bäume pflanzt”) zu Rate gezogen. Siehe da und war ja klar: nicht alles Gold, was glänzt! Gutgläubige Reisende berichteten von unschönen Zuständen, wie man sie bereits aus den normalen Wagen kennt. Allerwichtigstes Telefongelaber. Allerhektischtes Tastaturgeklapper. Arschteure Noice-Canceling Headphones, die alles canceln, nur den Noice nicht.

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Paah, davon wollte der Raabler sich nicht die Laune verderben lassen. Er wusste doch nur zu gut, das im Internet traditionell nur das Negative und Schlechte in aller übertriebenen Ausführlichkeit ausgekotzt wird. Only bad news are good news. Wer zufrieden ist, mit was auch immer, der schweigt zufrieden. So ist das eben. NEIN, so ist es leider nicht, verdammt! Alle diese ICE-Ruhewagen-Miesepeter hatten recht. Beispiele gefällig?

Operative Hektik ersetzt geistige Windstille

Vier smarte junge Männer im besten Burnout-Alter. Jeweils zwei zur linken und rechten Seite des Ganges an einem Vierertisch. Vierertische sind beliebt bei dynamischen Schlipsträgern, die ihr Büro kosten- wie zeiteffizient unter Ruhesuchenden aufschlagen. Das Kontrastprogramm könnte nicht größer sein. Während sich die schweigende Mehrheit der Reisenden im Waggon auf dem Weg in den Urlaub – zumindest aber in die Freizeit – befand, machten die Berufsnerds einen auf Leistungsträger, ohne die es weder gesellschaftlichen Wohlstand geschweige denn BSP-Wachstum gäbe.

Diese phantasielosen Wichtigtuer der Marke: “Operative Hektik ersetzt geistige Windstille” kämen nicht mal ansatzweise auf die Idee, dass sich im uneinsehbaren hinteren Teil des Großraum-Ruhewagens zufälligerweise ihr Guru von Chef samt Ehegattin aufhalten könnte. Zum Beispiel auf dem Weg in den wohl verdienten Dolomiten-Wanderurlaub. Und Chef könnte sich so seine Gedanken machen. Zum einen darüber, welch’ unsensibel dämliches Schauspiel seine hochspezialisierten Mitarbeiter gerade im ICE-Ruhewagen zur Auführung brachten.

Krawattenträger und Sauerstoffmangel

Zum anderen, wie unfassbar blöd die Kollegen doch im Grunde sind. Glauben sie doch allen Ernstes, dass sie mit ihrer freiwilligen Unterordnung in die Zeit- und Selbstoptimierungslüge der modernen Arbeitswelt auch nur einen Schritt schneller die Karrierleiter ihres IT-Unternehmens hinauf kraxeln, als ihre Mitstreiter in den jeweiligen Büroetagen der Hochhausmonster in bester Citylage. Da ist der Beweis: Eng gebundene Krawatten sehen zwar schick aus, verhindern jedoch die nötige Portion Sauerstoffzufuhr zum Resthirn.

Der Raabler beim Bloggen am Strand

Irgendwo hat der Raabler mal gelesen, dass das Durchschnittsalter der Patienten mit Diagnose Schlaganfall oder Herzinfarkt kontinuierlich sinkt. Von nix kommt nix. So spielt nun mal das einmalige und darum so kostbare Leben. Beim nächsten “hostile takeover” (feindliche Unternehmensübernahme) würde ihre Abteilung von gut bezahlten Computerspezialisten mindestens zur Hälfte eingedampft werden. Viel Spaß bei der wohnortnahen Suche nach Job-Alternativen. Die noch junge Familie mit großzügig kreditfinanzierten EFH im grünen Speckgürtel wird diese kleine unvorhergesehene Belastungsprobe sicherlich bestens überstehen.

VPN sorgt für Ruhe im ICE-Ruhewagen

Bis es soweit war, mussten die Raablers allerdings eine akustische Umweltverschmutzung nach der anderen im grünen ICE über sich ergehen lassen. Das war die Rede von “Databrick”, “Apache”, “Deadline”, “feasibility study”, “break even”, “ROI”, “casual day”, “planning department”, “customer relationship”, “CEO” und haste nicht gehört. Kommuniziert wurde über die Tische hinweg. Die Jungs fühlten sich sicher, dass niemand der Umsitzenden ihren verdenglischten Quatsch auch nur ansatzweise einordnen könnte. Im Zweifel wurde im working space im Stile der stillen Post per whatsapp, Mail oder im äußersten Notfall über VPN (Virtual private Network) interagiert. Ganz großes Tennis!

Störungen im Internet werden in der Regel schnell behoben

Und beschwerte sich jemand der Mitreisenden über die pseudo-intellektuelle Dauerbeschallung? Nein. Warum auch? Die älteren Sitznachbarn hörten eh’ nicht mehr so gut bzw. hatten ihre beinahe unsichtbaren Hightech-Hörgeräte vermutlich auf Meeresrauschen programmiert. Und die große multimedia-verseuchte Mehrheit entledigte sich per Stöpsel in den Ohren temporär von der belanglosen Realität. So ist’s brav. Nur der blöde Raabler dachte, dass er mal unplugged, entspannt, ungestört und sinnbefreit aus dem Fenster gucken könnte. Blöder Raabler. Selbst schuld!

Retro meets future

Anderes Beispiel. Vor den Raablers saß eine junge Frau, Mitte zwanzig, und hört über Earphones Musik – aus einem Discman!! Die Älteren unter den Bloglesern können sich dunkel an diesen Meilenstein technischer Raffinesse erinnern. Damals wollte jeder so ein Teil haben. Heutzutage eher ein Relikt für’s Museum. Die Dame schien auf Retrotrip zu sein, was ja schon wieder cool ist. Und nun kommt’s. Neben ihr war seit dem letzten Zughalt ein Sitz frei. Ein junger, smarter Typ in ihrem Alter fragte höflich, ob er sich neben sie setzen dürfe. Sie bejahte.

Die junge Lady war sichtlich angetan von der Attraktivität und anfänglichen Freundlichkeit ihres neuen Sitznachbarn. Die Hoffnung auf eine zeitvertreibende, vielleicht sogar anregende Konversation musste sie jedoch schnell zu Grabe tragen, denn unser Influencer hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen digitalen Maschinenpark aus dem Rucksack zu zaubern. Ungelogen: Zum Vorschein kam zunächst ein Billig-Smartphone der Marke mit dem angebissenen Apfel. Die dazugehörigen Airpods waren unversehens in den Gehörmuscheln feinjustiert. Das war augenscheinlich das Equipment für sein Privatvergnügen.

Im Abschottungsmodus

Eine vorsichtige Anfrage der armen Discman-Lady nach seinem Reiseziel war von ihm logischerweise ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu vernehmen, weil Abschottungsmodus aktiviert. Professioneller und nachdrücklicher kann man sein Desinteresse an Mitmenschen nicht zum Ausdruck bringen. Der Raabler war schon mal schwer beeindruckt – im negativen Sinne. Das zweite hervorgeholte Apfel-Smartphone schien allein geschäftlichen Zwecken zu dienen. Welche Geschäfte betreibt denn dieser Jungschnösel?

Clickbait

Das war vom Raabler nicht zu erkennen. Sämtliche Konversation und Kommunikation wurde strikt per Mailprogramm und whatsapp geführt. Insofern keinerlei Lärmbelästigung zu konstatieren. Schade eigentlich, wo sich der Raabler so gerne über jede Kleinigkeit echauffiert. Im Stillen natürlich. Der Typ blieb leise. Noch nicht einmal die Andockungen der beiden Powerbanks für die Smarties verursachten Geräusche. Ein Billig-Tablet der bekannten Marke kam ersatzweise zum Einsatz – bis die Akkus der Smartphones wieder über genügend Energie verfügten.

Digitale Zirkusnummer im ICE-Ruhewagen

Das dauerte ziemlich lange. Und es kam, was kommen musste. Das Tablet wies unmissverständlich auf einen bald eintretenden Erschöpfungszustand hin. Nun schnell die Powerbank getauscht und ans Tablet angeschlossen. Mist, die Powerbank hatte nicht mehr so viel Power wie gewünscht. Also abstöpseln das Teil und die zweite Powerbank ans Werk schicken. Gemeinsam sind sie stark und es reichte vermutlich für den 50%-Status. Das Billig-Notebook mit dem 13 Zoll Retina-Display kam erst zum Schluß in Gebrauch. Er jonglierte letztendlich an vier Endgeräten + drei Zubehörteilen herum. Hut ab!

Ein vielbeschäftigter junger Mann. Natürlich gab es auch Augenblicke, in denen unser Beobachtungsobjekt offensichtlich auf interplanetare Antworten – von wo auch immer – warten musste. Diese Pausen wie aus dem Nichts verdammten ihn für einen unmenschlich langen Zeitraum von gefühlt über 60 Sekunden zum widerwilligen Nichtstun. Der Raabler litt mit. Auch als die sympathische Sitznachbarin in unerschütterlicher Manier und gedankenschnell solche Gelegenheiten für die Wiederaufnahme einer irgendwie gearteten Konversation nutzen wollte. Natürlich vergeblich.

Krieg als Computerspiel

In diesen unfreiwilligen Phasen des fremdgesteuerten Nichtstuns verwandelte sich im Handumdrehen der gesamte Habitus des um souveräne Ausstrahlung bemühten Nerds. War zuvor routinierte Hektik an den verschiedenen Devices angesagt, so herrschte nun ebenfalls Hektik. Aber unkontrolliert und ohne Manieren. Von wegen Muster-Schwiegersohn, oder so ähnlich. Genervt und mit den Händen unzählige Male durch das volle, tadellos gestylte Haar fahren, an und in der Nase kratzen bzw. bohren, Essensreste gedankenverloren mit dem Fingernagel aus der vorderen Zahnreihe befördern, mehrfaches Gähnen ohne Hand vor dem Mund, plötzliches unmotiviert-dämliches Ruckeln und Zuckeln im Sitz, dezentes Rülpsen nach dem letzten Schluck aus der Cola, überdrüssiges Schauen aus dem Zugfenster. Da war jedoch schon seit mehr als einer Stunde nichts mehr zu sehen, weil dunkel. Hat er natürlich nicht mitbekommen. Wie auch? Warum auch?

Das Beste zum Schluß

Das originelle Titelbild zu diesem extra kurz gehaltenen Raabler-Blogpost muss schließlich noch seiner Deutung zugeführt werden. Auf der Rückfahrt von Meran nach Buxmoorholm kam es in der Schlussetappe in Richtung Hamburg noch zu einer Begegnung der besonderen Art. Zwei Omis jenseits der Siebziger (!!) nahmen die Mitreisenden im ICE-Ruhewagen vollkommen ungeniert in akustische Geiselhaft. Beide daddelten ohne Sinn und Verstand an ihren Smartphones herum. Ein Brei aus Klingeltönen, Werbejingles, Helene Fischer und Musikantenstadl brach sich in unerträglicher Lautstärke Bahn. Kein Zweifel, sie hatten die Kontrolle über ihre Geräte verloren. Wenn sie überhaupt jemals die Kontrolle…

Der Raabler sollte an dieser Stelle noch kurz erwähnen, dass der ICE völlig überraschend eine Verspätung von läppischen 105 Minuten auf der Uhr generiert hatte. Die Stimmung ließ sich daher am besten mit einer unheilvollen Melange aus Frustration, Aggression und Übermüdung beschreiben. Nur die Omis schienen fit wie zwei Paar Turnschuhe. Man hätte zu gerne gewusst, was sie eingenommen hatten. Jedenfalls setzte eine couragierte junge Frau dem nervigen Getöse ein abruptes Ende, indem sie mit allerletzter Kraft in Richtung der “Ma Bakers” durch den Gang schrie: “DAS IST EIN RUHEABTEIL, VERDAMMT NOCH MAL! DAS DARF DOCH ALLES NICHT WAHR SEIN! ODER SIND WIR IN EINEM IRRENHAUS?”

Mit dem Fahrrad unterwegs

Das saß. Die Omis murmelten ein wenig konsterniert vor sich hin. Bis eine von ihnen sich aufraffte und intuitiv in diesem schicksalsbeladenen Augenblick die einzig richtige Antwort aus dem Ärmel schüttelte: “DER AKKU HAT DOCH NUR NOCH 2%!” Das kollektive Aufstöhnen der Penetrierten war bis in den Speisewagen zu vernehmen. Dessen war sich der Raabler sicher.

Raabler-Fazit: Reisen bildet in jederlei Hinsicht. Junge und Alte sind in Sachen egotrip-getriebener Internet- und Mediennutzung gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man vermuten könnte. Theoretisch ist der ICE-Ruhewagen eine famose Idee. Überlagert wird diese Idee leider von zunehmender Rücksichtslosigkeit – quer durch ALLE Altersgruppen. Und…auf die Bahn ist einfach immer Verlass. Verlass’ dich (nicht) drauf!

“Wenn wir die ersehnte Ruhe endlich haben werden, werden wir nichts mehr von ihr haben.”
(Marie von Ebner-Eschenbach, mährisch-österreichische Schriftstellerin, 1830-1916)

Raabler-Blogpost:
Rentnerparadies Kanaren

Raabler-Web-Tipp:
Die Bahn ist bei Handy-Nervensägen völlig machtlos