Gesellschaft

Ist das instagrammable?

Instagrammable

(Eine kleine belanglose Episode aus der Vor-Corona-Zeit)

Oder kann das wech? Was wären wir ohne unsere multikulturell aufgeschlossenenen Influencer, die uns mittels asozialer Plattformen an ihrer Sicht auf die Welt/Dinge – sofern sie instagrammable ist – teilhaben lassen? Vermutlich weniger traurig, gelangweilt und genervt. Logische Frage: Wie konnte es soweit kommen, dass eine überschaubare Anzahl oberflächlicher Dummbratzen eine solch’ gewaltige Menge Gleichgesinnter (Follower) gewinnbringend hinter sich herziehen kann? Logische Antwort: Nur ein Zeitalter der absoluten Orientierungs- und Sinnlosigkeit, gepaart mit quälender Langeweile, kann derartige Phänomene produzieren.

Keinen Sinn? Wirklich nicht? Doch, den gibt’s schon. Irgendwo. Schließlich befüllen digitale C-Promis (Achtung: “C” steht diesmal NICHT für Corona) Floskeln der Sehnsucht wie “passives Einkommen” mit Leben. Ein Träumchen, den Millionen von Bloggern und anderen mobilen “Freischaffenden” tagtäglich nachhängen. Gut, ganz so passiv dürfen die Instagrammer wiederum nicht sein. Bis vor kurzem (vor Corona) waren sie u.a. dazu verdonnert, jede Woche ein anderes Sehnsuchtsziel auf unserem Planeten anzufliegen. Das ist beileibe nicht jedermanns Sache. Nicht nur wegen der Flugangst…

Hippe Hotspots hypen

Als gehypter Influencer musstest du permanent den nächsten hippen Hotspot recherchieren. Das kostete Zeit. Schlimmer: Meist war vorab elend langes Lesen angesagt. Alles über 5 Minuten hinaus war ein absolutes “No-Go”. Lesen nervt. Danach musste das Ziel auf Google-Maps ausfindig gemacht werden. Puuuh. Dann die günstigste Airline buchen. Nicht, weil du die Flugreise selber bezahlen musstest, sondern weil du schlau sein wolltest. Schlauer als deine dämlichen Fans.

Reiseblogger

Um das Hotel brauchtest du dich zum Glück nicht weiter zu kümmern. Dein Job war es nicht nur, einen super-ausführlichen Bericht (instagrammable style) über die traumhafte Trauminsel anzufertigen, sondern vor allem an einer super-neutralen Beurteilung deiner selbstverständlich kostenlos zur Verfügung gestellten 6-Sterne-Luxus-Unterkunft zu “arbeiten”. Das perlte. Und wenn du richtig drin warst im Business, dann wurdest du vom hoteleigenen Fotografen zu den faszinierendsten und einsamsten Stränden kutschiert.

Mach’ dir die Welt instagrammable!

Das Wetter konnte dir dabei völlig schnuppe sein. Nur keinen Stress deswegen. Der stets leicht zugekokste Hof-Fotograf drückte dir im Anschluss an die improvisierte Notverpflegung mit Hummer und “Dom Perignon” (nicht zu verwechseln mit Hamburger Dom) per USB-Stick eine perfekt inszenierte Bildergalerie in die Hand. Keiner kennt die Location besser als er. Keiner weiß besser mit dem natürlichen Umgebungslicht umzugehen. Niemand übertrifft ihn in Sachen Bildkomposition. Seine gesponserte Kamera hat ein mittleres Vermögen gekostet.

Vergiss’ darum dein ebenfalls gesponsertes Hulla P30 Pro. Nicht schlecht, aber du weißt schon, hmm? Das konntest du ja weiterhin für deine spontanen Insta-Filmchen-Einfälle nutzen. Je spontaner, desto echter. Nahbar und natürlich. Instagrammable – wie im richtigen Leben. Da warst du dann wieder der Profi. Ach, ja, die Hotelbilder gabst du natürlich als deine eigenen aus. Jeder deiner Follower sollte wissen, dass das Wetter auf “XY” an mindestens 365 Tagen im Jahr genauso gut (wenn nicht noch viel besser) ist wie auf den “spontanen” Schnappschüssen des Profi-Fotografen. Alles klar?

Sonnenstich.TV

Chill’ doch mal mit Till!

Und einen Tag vor deinem Rückflug stelltest du den ganzen Schmutz in die asozialen Medien. Zuvor wolltest du aber noch für einen richtig großen Klacks Sahne auf deiner ganz persönlichen Himmelstorte sorgen. Eine Verabredung zu einem “spontanen” Selfie-Treffen mit Tatort-Kommissar Nick TSchiller sollte es sein. Das “TS” steht für Till Schweiger. Der Rest ist chillen. Konntest du deinen Followern gleich mitverklickern. Der war mit seiner neuen gleichaltrigen Freundin ausgerechnet in DEINEM Resort eingecheckt. Zum Kuscheln. Die ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz große Liebe! Wahnsinn! Zufälle gibt’s!

Während seine Kinder zeitgleich mit Greta in Hamburg für ein besseres Klima und gegen unnötige Flugreisen demonstrierten. Timing ist alles in der Branche. Profis eben. Mit unendlich viel Honig im Kopf. Egal, es war der Hammer für deine treue Social-Media-Gemeinde. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass der internet-affine Hoteldirektor im Angesichte exorbitant steigender Online-Buchungen jeden Tag auf’s neue ausflippte. Und er dich beim Auschecken fragte, wann du wohl das nächste Mal in seinem preisgünstigen Promi-Natur-Resort vorbeischauen wirst.

(Eine kleine belanglose Episode aus der Nach-Corona-Zeit)

Auch Westrhauderfehn ist instagrammable

Dann zeigtest du ihm aufreizend cool deinen hoffnungslos ausgebuchten Terminkalender mit der Goldkante. Und er bekam Mitleid mit dir. Und du selbst ersticktest förmlich in Selbstmitleid. Selbstmitleid mit dem digitalen Rattenfänger in dir. Du hattest du es dir so hübsch gemütlich gemacht mit deinem Luxus-Geschäftsmodell. Alles für’n Arsch, denn nach Corona ist vor der Vernunft. Nach Flug-Kontingentierung kommt Flugverbot. Sei nicht traurig, so ist das nun mal.

Influencerinnen

Das Musterland in Sachen Frieden und Freiheit konnte zunächst mal nur ersteres in die Post-Apokalypse hinüber retten. Immerhin. Aber du bist ja flexibel. Und wirbst demnächst für deine arg zusammengeschmolzene Instagram-Fanbase mit den 10 TOP-Musste-gesehen-haben-Hotspots zwischen Westrhauderfehn und Garmisch-Partenkirchen. Das perlt! Schönen Tach noch!

“Vergnügen kann ein Fließbanderzeugnis sein, Glück niemals.”
(John Steinbeck, amerikanischer Schriftsteller, 1902-1968)

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