Und sonst so?

Kabarett- und Comedyszene Deutschland

Lach' doch mal!

Kabarett

Sind wir uns einig? Wir sind uns einig! Eine wahre Flut von Profis in Sachen Comedy, Kabarett und Komik in allen erdenklichen Facetten ist in den letzten Jahren über unsere allgegenwärtige Medienwelt hereingeschwappt. Nach Flut kommt bekanntlich die Ebbe. In diesem Fall nicht. Hier folgt ein Schwall dem nächsten und erhöht gnadenlos den Pegelstand in Sachen „Deutscher Humor“. In seinem Geiste sieht Raabler Rolfn die vielen Gesichter, erinnert sich an diesen und jenen Gag und freut sich, wenn er noch Zusammenhänge herstellen kann. Es wird jedoch immer schwieriger für ihn, je mehr er diese Formate zum Abschalten einschaltet. Geht dir genauso? Na, dann lies mal weiter…

Um sich die wahren Dimensionen vor Augen zu führen, hat Rolfn eine kleine, natürlich unvollständige Kostprobe der ca. 1.000 (Scherherz!) für ihn geläufigsten Namen in alphabetischer Reihenfolge zusammengestellt. Eine auf den ersten Blick idiotische Idee, aber zur Unterfütterung der Thematik durchaus der Mühe wert, weil Augen öffnend. Wer dazu keinen Bock hat, scrollt einfach großzügig drum herum.

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Kabarett und Comedy: Kennste, kennste, kennste??

Abdelkarim, Alfons, Enissa Amani, Ingo Appelt, Willy Astor, Django Asül, Bodo Bach, Mario Barth, Frank Markus Barwasser, Mirja Boes, Jan Böhmermann, Hazel Brugger, Jochen Busse, Guido Cantz, Fatih Cevikkollu, Bülent Ceylan, Dave Davis, Knacki Deuser, Matthias Deutschmann, Vince Ebert, Matthias Egersdörfer, Christian Ehring, Lisa Feller, Lisa Fitz, Max Giermann, Sascha Grammel, Rainald Grebe, Monika Gruber, Günter Grünwald, Gernot Hassknecht, Christoph Maria Herbst, Martina Hill, Rüdiger Hoffmann, Gerburg Jahnke, Oliver Kalkhofe, Yanar Kaya, Carolin Kebekus, Matze Knop, Maren Kroymann, Uwe Lyko, Jochen Malmsheimer, Tobias Mann, Rene Marik, Matthias Matschke, Rolf Miller, Michael Mittermeier…

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…Dieter Nuhr, Hans Werner Olm, Paul Panzer, Bastian Pastewka, Susanne Pätzold, Volker Pispers (leider nicht mehr aktiv), Christine Prayon, Urban Priol, Sebastian Pufpaff, Arnulf Rating, Andreas Rebers, Hagen Rether, Mathias Richling, Richard Rogler, Hans Scheibner, Wilfried Schmickler, Ralf Schmitz, Helge Schneider, Georg Schramm (leider nicht mehr aktiv), Atze Schröder, Florian Schröder, Horst Schroth, Olaf Schubert, Christoph Sieber, Uwe Steimle, Torsten Sträter, Ludger Stratmann, Cordula Stratmann, Christoph Süß, Chris Tall, Hans-Hermann Thielke, Mathias Tretter, Gayle Tufts, Max Uthoff, Henning Venske, Eckart von Hirschhausen, Claus von Wagner, Bodo Wartke, Oliver Welke, Dietmar Wischmeyer, Timo Wopp.

Kurzer Einschub: Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass neben der offiziellen Humor-Gilde noch eine verbeamtete Kabarett-Parallelgesellschaft im Deutschen Bundestag mit aktuell 709 Mitgliedern ihr tägliches Unwesen treibt. Diese fühlt sich jedoch offiziell nicht dazugehörig, darum belassen wir es bei diesem einen Satz.

Der Raabler weiß, du kennstse, kennstse, kennstse. Alle. Fast alle! Bedenkt man, dass mit den o.a. Protagonisten gefühlt lediglich 20% der in der deutschen Humor-Industrie beschäftigten Belegschaft abgedeckt wurden, kommt man doch ins Staunen und Grübeln. Man muss sie nicht alle mögen. Über Geschmack, persönliche Präferenzen und natürlich das jeweilige Programm lässt sich streiten. Aber Granaten sind schon dazwischen, oder?

Dr. Raabler Nörgelstudio

Rückblende: In Raabler Rolfn’s frühen Kindheitstagen, also der Ära, als tonnenschwere Schwarz-Weiß-Röhrenfernseher nicht über den Status eines Edelholz-Möbelstückes mit Truhen-Ambiente hinaus kamen, seitlich angebrachte Flügeltüren zum Zuklappen – wenn das Programm vorbei war, und es war schnell vorbei – den Charme des unfassbar Geheimnisvollen versprühten, die Programmwahltasten für zwei bis max. drei Programme sich am Klaviertasten-Design eines Steinway-Flügels orientierten und für die Kinder „gemeinsame“ Fernsehabende zumeist (trotz Aufsuchens von “unauffindbaren” Geheimverstecken im heimeligen Wohnzimmer) mit roten Ohren und im Schlepptau der Mutter hinüber zur nahegelegenen Schlafstätte endeten.

Na, gut, wir wollen die Zeitmaschine nicht überstrapazieren. Rücken wir ein wenig nach vorne und schauen auf die goldenen Siebziger mit ihren zwei Ölkrisen, heftigen Inflationsraten und Lohnzuwächsen, dem Sonntagsfahrverbot auf Autobahnen und dem Nato-Doppelbeschluss zum Zeichen der tiefen Freundschaft mit dem Osten. Was waren das für herrliche, unbeschwerte Zeiten. Und dann die bleiernen Achtziger mit der schlimmsten Rezession seit Kriegsende, der weltgrößten Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem RAF-Terror, dem Olympia-Boykott, Thomas Gottschalk, der Neuen Deutschen Welle. Aber auch dem Sahnehäubchen im November 1989: Dem Fall der Mauer.

Kabarett und Sketche oberhalb der Gürtellinie

Und? Gab’s damals Kabarett? Ja, aber eben relativ überschaubar. Mal überlegen, wen hatten wir denn da auf der Platte neben Herbert Wehner und Franz-Josef Strauss? Die „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ mit bekannten Namen wie Dieter Hildebrandt, Sammy Drechsel, Werner Schneider, Horst Jüssen, Jürgen Scheller, später noch Jochen Busse, Bruno Jonas und Henning Venske. In Berlin domizilierten die „Wühlmäuse“ mit Didi Hallervorden und Gästen.

Glück am Meer

Im Fernsehen erinnert man sich an tolle Gags von Peter Frankenfeld, Heinz Erhard, Helga Feddersen, Rudi Carrell, Iris Berben, Dieter Krebs, Beatrice Richter, dem „Ekel-Alfred“ Heinz Schubert, Harald Juhnke, Jürgen von Manger und vielen anderen. Klaus Kinski zählte unfreiwillig ebenfalls zur Komiker-Gilde. Herrlich, wie er mit nur wenigen Worten und Gesten aus der untersten Fäkal-Schublade unzählige Studiogäste, Interviewpartner, Theaterbesucher, Talk-Gastgeber, Journalisten und natürlich Regisseure an der Rand des Wahnsinns und der nackten Verzweiflung bringen konnte. Max Giermann hat ihn in grandioser Manier heute wieder zum Leben erweckt. Chapeau!

Auf immer unerreicht und unvergesslich bleibt uns Vicco von Bülow alias „Loriot“. Ein feiner Beobachter menschlicher Verhaltensweisen, der Absurditäten des (Büro-)Alltags sowie der Eitelkeiten, des Widersprüchlichen und Grotesken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein perfektionistischer Magier, wenn es um die kreative Umsetzung seiner „Erkenntnisse“ in Zeichnungen, Cartoons, Texte, Sketche, Filme und Kinoproduktionen geht.

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Es gab vorher keinen und wird vermutlich auch später niemanden geben, der ihm und seiner göttlichen Assistentin Evelyn Hamann auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. Ein Universalgenie auf seinem Gebiet, der weltweit verstanden wird und dessen Sketche noch in 100 Jahren für freiwilliges Bauchmuskeltraining sorgen werden.

Richtig großes Kino im TV bescherte uns in den Siebzigern die Klamaukserie “Klimbim”. Wer kann sich nicht daran erinnern? Ca. 75% der Leser dieses Blog-Posts? Aaah, ja! Rolfn zählt einige Namen der Hauptfiguren trotzdem auf, weil sie etwas völlig Neues in Sachen TV-Unterhaltung schufen: Ingrid Steeger, Elisabeth Volkmann, Dieter Augustin, Wichart von Roell und später noch Horst Jüssen. Guck’s dir auf Youtube an und du wirst verstehen, warum Mutter sich allein wegen der weiblichen Rollen die größten moralischen Sorgen um ihre begeisterten Kinder machen musste. Sie konnte gar nicht so schnell umschalten, wie die Ladies blank zogen. Der Vater fand’s gar nicht mal so übel und so gewöhnte man sich sehr gerne dran.

Klimbim
Die Kultserie “Klimbim” sorgte ob der einen oder anderen gewagten freizügigen Szene nicht nur bei den Erwachsenen für rote Ohren. Illustration: Felix Gröger

Ja, ja! Die „RTL-Samstagnacht“ mit Esther Schweins, Wigald Boning, Olli Dttrich, Stefan Jürgens, Tanja Schumann und Mirco Nontschew mit einem neuen Format von spätabendlicher Fernseh-Comedy wollen wir an dieser Stelle genauso wenig vergessen wie „Tutti Frutti“ mit Hugo Egon Balder. Aber, hoppla, da sind wir schon in den 90ern.

Zugegeben, es gab auch damals viele Facharbeiter in Sachen Humor. Aber kein Vergleich zu heute. Wann schwappte die Humor-Welle in unsere Wohnzimmer? Es ist davon auszugehen, dass die erste Flutmarke 1984 gesetzt wurde, als der erste Privatsender in Deutschland sein Programm vorstellte. Der eine oder andere folgte ihm bald darauf. Heute können wir locker unter hunderten von TV-Stationen auswählen. Die machen natürlich nicht alle Kabarett, Comedy und Gesellschaftssatire – aber „einige“ eben doch.

Schluss mit lustig: Die Gürtellinie wird tiefer gelegt

Und jetzt stellt man sich die entscheidende Frage: Können die alle von ihrem Talent leben? Und wenn ja, wie? Wenn’s doch so unglaublich viele sind? Weil die Nachfrage da ist? Ja, weil die Nachfrage da ist! Natürlich! Kein Produkt kann sich am Markt durchsetzen, wenn nicht die entsprechende Nachfrage da wäre. Und warum ist die Nachfrage so unersättlich?

Humor, Satire, Kabarett und Komik waren zu allen Zeiten notwendige Ventile für die Menschen, um das Leben erträglicher zu machen bzw. überhaupt erst ertragen zu können. Das ist keine Erkenntnis der Neuzeit, wenn man sich die Narren am Hofe des Königs/Kaisers vor Augen hält. Die mussten seinerzeit jedoch wesentlich vorsichtiger und diplomatischer ihrem Gewerbe nachgehen.

Vulva

Majestätsbeleidigungen endeten gerüchteweise schon mal tödlich. Dieses dunkle Kapitel haben wir Gott sei Dank schon seit ewigen Zeiten hinter uns gelassen. Am 01. Januar 2018 sagten wir leise „Adieu“ zum Paragraph 103 des Strafgesetzbuches (“Majestätsbeleidigung”). Und wem verdanken wir die schmerzliche Anpassung an die Moderne? Genau, diesem Kulturbanausen namens Jan Böhmermann. Unerhört!

Eines ist zumindest sicher: Die Pointen sind gerade in den jüngeren Vergangenheit heftiger, rücksichtsloser, geschmackloser, aber auch geistreicher, fundierter, raffinierter und noch zynischer geworden. Diejenigen, die sich am meisten und zurecht ertappt fühlen, wehren sich mit allen Mitteln. Diejenigen, die sich angesprochen fühlen müssten, fühlen sich nicht angesprochen und sehen großzügig drüber hinweg. Das kleinere Übel…

Witz, lass’ nach…

Je schlechter, schwerer und bedrückender die Zeiten, desto mehr Lachanschläge aus vollen Rohren und auf allen Kanälen. Man könnte resümieren: Die aktuelle, internationale Gemütslage rechtfertigt die skizzierte Unterhaltungsmaschinerie. Es sind nervöse Zeiten mit nervösen Diktatoren, Machthabern und Pseudodemokraten an den Schalthebeln zum Starten der „motherfucking bombs“.

Dazu noch die klaffende Mega-Gerechtigkeitslücke im Weltengefüge zwischen Arm und Reich. Viel Stoff für Kabarett, Satire, Comedy & Co. Der Raabler lacht gerne und viel, könnte aber zu Gunsten des Weltfriedens und des inneren Friedens sehr gerne auf ganz, ganz viele Gags verzichten. Du auch?

Influencerinnen

„Der Witz ist das Erdgeschoss des Humors, die Satire der erste Stock, die Ironie der zweite, der Sarkasmus das Mansardenstübchen.“
(Werner Krauss, deutscher Schauspieler, 1884 – 1959)

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Drohnen über Buxmoorholm