Reise

Merano, wie machst du das?

Merano

Corona hat bekanntlich auch sein Gutes. Die Sehnsuchtsziele in den Urlaubsländern sind nicht so arg von gelangweilten Menschenmassen überlaufen wie zu normalen besinnungslosen Stoßzeiten. Dann aber ist’s den verwöhnten wie planlosen Konsum-Touristen auch nicht recht, weil man ja was zu glotzen haben möchte. Logisch: Ist’s falsch, ist’s auch nicht richtig. Ja, wie denn jetzt? Die komplette Laubengasse nur für sich? Mehr Horror geht nicht. Das sagten sich vermutlich auch die Stadtoberen von Merano in Südtirol.

Die Raablers staunten nämlich während ihres kürzlich absolvierten Merano-Aufenhalts nicht schlecht über den, salopp formuliert, recht lebhaften außer- wie innerstädtischen Autoverkehr. Als gäb’s kein Morgen und Corona mehr. Man kann es sich nur so vorstellen, dass der tüchtige Bürgermeister der mondänen Kurstadt sämtliche Haushalte unlängst mit einem Flyer versorgt hat. Darin stand in etwa folgender Text:

Stau in der Stadt

Merano hält zusammen!

“Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir alle stehen seit Monaten unter dem – vor allem unter touristischen Gesichtspunkten – unsäglichen Damoklesschwert der Covid-19-Pandemie. Tapfer hat bis in die heutige Zeit hinein das tüchtige Volk der Südtiroler mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen gehalten. Unternehmerischer Mut, Durchhaltevermögen und die sprichwörtliche Prise Alpen-Optimismus waren für uns alle die essentiellen Begleiter in den schlimmsten Zeiten wirtschaftlicher Not. Lassen Sie uns bitte das bisher Erreichte nicht in Frage stellen oder gar zunichte machen. Bieten wir unseren treuen Gästen aus aller Herren Länder darum das bewährte und gewohnte Schauspiel eines ausgewachsenen Verkehrsinfarktes. Täglich!

Wir alle wissen, der typische Südtirol-Urlauber ist in erster Linie ein Gewohnheitstier. Lenken wir ihn darum gezielt ab von den schnöden Entbehrungen der Corona-Pandemie und gestalten ihm den üblichen zäh fließenden bis still stehenden Autoverkehr in der Innenstadt wie drum herum. Allein oder zusammen mit seiner gnädigen Gattin in der blank gewienerten Edel-Karosse. Wie zu alten Zeiten. Er wird es lieben! Ein Stück Normalität im Virus-Wahnsinn! Darum meine ehrliche Bitte an alle Einwohner von Merano:

Fahren Sie, sooft sie nur können, mit dem Auto in unsere wunderschöne Stadt oder in die vielen heimeligen Vororte. Gehen Sie möglichst niemals zu Fuß. Vermeiden Sie den Gebrauch des Fahrrads. Sorgen Sie für Staus an allen Ecken und Enden. Es darf auch mal tüchtig gehupt und mit den Reifen beim Kavaliersstart gequiescht werden. Alles ist erlaubt. Unsere Gäste werden sich pudelwohl fühlen. Und sie werden sich unwillkürlich fragen, wie Merano das schafft?

Den Virus vergessen zu machen, als wenn es ihn niemals gegeben hätte? Und was wird der smarte Südtiroler ihnen daraufhin antworten? Nichts. Er wird nur geheimnisvoll vor sich hingrinsen. Packen wir’s an! Gemeinsam!”

Herzlichst
Ihr Bürgermeister P. R.

Südtirol: Wenn das Warten auf den Bus kein Ende nimmt...

Das glaubst du nicht…

Zum guten Schluss eine inhaltlich wie die Wutfaust auf’s Auge passende Anektode vom Chef-Rezeptionisten eines bekannten Meraner Hotels:

Dessen Freund befuhr kürzlich die beliebt-berüchtige Einfallsstraße “SS38” (eine furchtbare Straßenbezeichnung, aber der Name ist Programm) über Töll und Algund nach Sissihausen (Meran). Der für gewöhnlich zu erwartende zäh fließende Autoverkehr (die 14 km/h als Durchschnittsgeschwindigkeit gelten auch für Porsche-Fahrer) entpuppte sich an jenem Tage als temporärer, jedoch kompletter Stillstands-Stau.

Der gute Freund machte aus der Not eine Tugend. Er stellte mitten auf der Straße den Motor seines Wagens ab, stieg aus und bestellte bei einer nahegelegenen Pizzeria in aller Seelenruhe seine Lieblings-Calzone. Was kein Malheur bedeutete, da der Verkehr in diesen 10 Minuten der Herstellungsdauer im traditionellen Steinofen keinerlei Anstalten in Richtung Weiterrollen machte. So verblieb auch hinterm Lenkrad noch genügend Stauzeit, um die leckere Pizza stressfrei zu genießen. Geht doch!

Man müsste diese wahre Begebenheit dem Meraner Bürgermeister zuspielen. Er wäre stolz wie Bolle auf seine Landsleute und das Urlauber-Paradies namens Südtirol.

“Nimm’ das, Corona!”

“Jede Nation ist im Ausland hauptsächlich durch ihre Untugenden bekannt.”
(Joseph Conrad, polnisch-britischer Schriftsteller, 1857-1924)

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