Reise

Nach Kopenhagen mit dem Rad

Die kleine alternative Meerjungfrau in Kopenhagen

Die Raablers sind Fahrradfans. Daher versuchen sie stets ihren klimatisch verbesserungswürdigen CO2-Fußabdruck als urlaubende “vegane Reiter” (Olaf Schubert) ins rechte Lot zu bringen. Bei mindestens einer Flugreise pro Jahr gewiss ein schier aussichtsloses Unterfangen, aber der bequeme Umweg ist das Ziel. Spontan brachte die Raablerine uneigennützig eine Teilstrecke aus dem beliebten Ostseeküsten-Radweg ins Gespräch. Als halbzeitiges Etappenziel lockte die dänische Metropole Kopenhagen. Das hörte sich gut an. Vor dem geistigen Auge des Raablers spielten Assoziationen wie Natur, Ruhe und hyggelige Entspannung den berühmten Gummitwist. Alte Raabler-Weisheit: Man sollte sich beizeiten angewöhnen keine Erwartungen mehr zu haben. Aber der Reihe nach…

Radwanderwege

Von Buxmoorholm ging es zunächst per Schienenersatzverkehr nach Lüneburg. Danach völlig entspannt weiter mit dem Rad ins sagenumwobene Lauenburg. Von dort immer schnurstracks am Elbe-Lübeck-Kanal entlang über Mölln in die Marzipan-Metropole. Die gefühlt 500 Kilometer lange Geradeaus-Fahrt linksseitig der künstlich angelegten Wasserstraße konnte dem meditativ veranlagten Raabler nichts anhaben. Eine erste ernsthafte Herausforderung und Geduldsprobe dagegen für die Abwechslung liebende beste Lebensgefährtin von allen. Verzweifelte rhetorische Fragen wie “Wann hört das endlich auf?”, “Hinter der nächsten Biegung da hinten muss doch Schluss sein, oder?” bzw. “Das dir das nichts ausmacht!?” vermiesten dem Raabler nur kurzzeitig die Stimmung. Viel schlimmer stießen ihm mal wieder die Eigenheiten des offensichtlich typisch deutschen Beschilderungswahnsinns auf Radwegen übel auf.

Ratzeburg mutiert zu Knatterburg

Um wieder auf gute Gedanken zu kommen, entschloss man sich zu einem kleinen Abstecher ins muggelige Ratzeburg nebst gleichnamigen See. Von “muggelig” konnte jedoch keine Rede sein. Im Ort tobte der Ausnahmezustand. Eine kurze Anfrage im Büro der Touristen-Information brachte Licht ins nervende Getümmel: Die freundliche Mitarbeiterin sprach von einem traditionellen Stadtfest im Zuge dessen die Einwohnerzahl Ratzeburgs (ca. 15.000) an jenem Wochenende allein durch die Zahl der einfallenden Motorradfahrer getoppt würde. Addiere man diejenigen hinzu, die den staatlich anerkannten Luftkurort per Bus, Bahn, Fahrrad und natürlich Auto aufsuchen, so könne man getrost von insgesamt 1,4 Millionen Tagesgästen ausgehen. Achtung! Realsatiere! Aber die Tendenz stimmte…

E-Scooter

Überflüssig zu erwähnen, dass sich die Raablers in diesem Gewusel von Menschen und Maschinen und in einem kurzem Moment der Unaufmerksamkeit völlig aus den Augen verloren. Die Vermutung liegt nahe, dass man sich als Ortsfremde ohne die Zuhilfenahme des Smartphones erst bei Tagesanbruch unterhalb einer Brücke am Stadtrand wieder getroffen hätte. Tröstlich zu konstatieren, dass die Menschen immer noch sehr genau (zu schätzen) wissen, an welchen Orten es wunderschön ist. Um dann wie eine Horde gelangweilter, unsensibler Killer-Ameisen dort einzufallen. Die Schönheit einer Kurstadt kann man sich in diesen Momenten nur schön saufen…äh…imaginär vorstellen. Am Montag wird’s dann wieder gehen.

Lübeck ist immer eine Radreise wert

So lange wollten die Raablers aber nicht warten und machten sich durch reizvolle Natur zügig auf den Weg in die Hansestadt Lübeck. Kurz vor dem ersten großen Etappenziel sollte es für Rolfn erneut Gründe geben, am guten Willen bzw. der Intelligenz städtischer Fahrrad-Routenplaner zu zweifeln. Selbst der Raablerine – vom Raabler schon so oft und stets liebevoll als “lebendes Navi” tituliert – riss der Geduldsfaden. Warnung: Wer brav den Schildern folgt, braucht für die letzten ca. 8 Kilometer noch einmal knapp zwei Stunden. Zwei Stunden aber nur dann, wenn man es ab einem bestimmten Zeitpunkt wagt, die “Irrwegweiser” zu ignorieren und sich stattdessen mitten im Wald heimlich und mit genügend Abstand an einen ortskundig dreinschauenden Rentner auf ultra-klapprigen Speichen und leeren Bierdosen in der Aldi-Tüte dranhängt. Man konnte das Marzipan in den Auslagen doch schon riechen, und dann das! Danke, Lübeck! Ganz großes Kino!

Mit dem Fahrrad unterwegs

Späte Ankunft an der Trave bedeutete eingeschränkte Auswahl bei den zuvor ins Auge gefassten Übernachtungsmöglichkeiten. Mit mehr Glück als Verstand buchte man sich in ein zentral gelegenes, fahrradfreundliches Hotel ein. Nach einem für Raabler-Verhältnisse normalen Tagesritt von gut 110 Kilometern (ungewollte Umwege inkludiert) gibt es nichts Schöneres, als sich auf eine heiße Dusche, ein kalorienhaltiges Abendessen samt Erdinger und eine angenehme Schlafstatt zu freuen. Gut, des nächstens meinte der heilige Bim-Bam der Marienkirche alle 15 Minuten darauf hinweisen zu müssen, dass soeben 15 Minuten vergangen waren. Und wahrscheinlich in dieser Form niemals wiederkehren werden. Es gibt (kaum etwas) Schlimmeres. Aber lassen wir das…

Ostsee, wir kommen!

Gerädert schlichen die Raablers am nächsten Morgen zu ihren Rädern um sich die nächste Etappe vorzuknöpfen. Von Lübeck über Travemünde, Scharbeutz, Neustadt, Oldenburg nach Heiligenhafen. Gleiche Anzahl an Kilometern – diesmal ohne Umwege in die gewiss besuchenswerte Botanik abseits der Route. Die Tourist-Info-Mitarbeiterin am Zielort schien auf dem letzten Zahnfleisch zu kriechen. Traditionelles Stadtfest mit 1, 7 Millionen Gästen? Keine Spur, aber auch Heiligenhafen lockt viele, viele Erholungssuchende und mit ihnen ortsunkundige Radler-Raabler-Spacken mit ihren dämlichen Unterkunftsersuchen. Ihr Gesichtsausdruck schien zu sagen: “Jetzt noch eine einzige dumme Frage, und ich hau’ euch einen in die Fresse!” Irgendwie auch menschlich, oder?

Am nächsten Tag war es nur noch ein Katzensprung bis zum Fährhafen von Puttgarden. Wunderbar auch dort die lieb gemeinten Ausschilderungen und Hinweise für die nur vereinzelt auftretenden Radtouristen. Schnell überlegte man sich gemeinsam in einer Gruppe von ca. weiteren 50 Pedal-Urlaubern, wie und vor allem wo man sich verdammt nochmal die Scheiß-Fahrkarten für die Fähre nach Rødby kaufen könnte. Stattdessen die sprichwörtliche Baumarkt-Atmosphäre: Alles da, nur keine Beratung. War die verunsicherte Meute froh, als sich eine Frau mittleren Alters in verräterischer Uniform unvorsichtigerweise auf den Weg machte, die riesige Betonfläche von West nach Ost zu queren. Als sie ihr Malheur sah, war es für jeden Fluchtversuch zu spät.

Scandlines weiß, was Radler wünschen

Sie schien erleichert, als sie bemerkte, dass sie nach einem 45-sekündigen Zwangs-Informationsaustausch ohne schwerwiegende seelische wie körperliche Blessuren davon gekommen war. Merke, liebe Scandlinerin: Fahrradfahrer sind grundsätzlich friedliebende Zeitgenossen. Im Gegensatz zu der aggressiven Meute der Stinker auf vier Rädern, die sich auf dem Vorplatz dem Pulk der Fahrradfahrer angsteinflößend und hupend entgegenstemmte. Ja, Radler haben sich für die Tickets am Autoschalter anzustellen. Das ist nur logisch durchdacht und vor allem sicherheitstechnisch von Vorteil. Denn es kommt nur selten vor, dass urlaubsgestresste Autofahrer mit ihren Stoßstangen die Radfahrer gut gemeint in Richtung Kassenhäuschen schubsen. Ach, liebe Leute…

Atem

Apropos Kassenhäuschen: Im Angesichte der zur Abfahrt bereitstehenden Fähre und des hupenden Korsos im Hinterhalt bemerkte der Raabler erst auf der Überfahrt nach Dänemark, dass ihm die schnuckelige Scandlines-Mitarbeiterin im Kassenhäuschen statt “Zwei Erwachsene, zwei Fahrräder” fälschlicherweise “Zwei Erwachsene, ein Auto, ein Motorrad” über die Bankkarte in Rechnung stellte. Kann im Eifer des Gefechts ja mal passieren. Dafür war die Rückerstattung des reichlich zuviel entrichteten Geldes nach dem Urlaub über die Zentrale von Scandlines ein Kinderspiel. Es waren lediglich fünf verschiedene E-Mail-Adressen mit acht verschiedenen Ansprechpartnern und drei Telefonate vonnöten, um nach rekordverdächtigen 10 Wochen den Differenzbetrag erstattet zu bekommen. Danke, Scandlines! Ihr seid spitze!

Spitze war natürlich auch wieder die hyggelige Ausschilderung für Radwanderer auf der anderen Seite der Ostsee. Denn, verdammt und zugenäht, immer noch weigerte sich der Raabler, sein voll aufgeladenes Smartphone zur Hand zu nehmen. Es muss doch auch ohne ganz einfach in Richtung Kopenhagen gehen, weil…ach, komm’…vergiss’ es! Insgesamt 20 Kilometer in die Wiggen geradelt. Warum guckt man auch auf die Hinweisschilder und nicht auf seinen gesunden Menschenverstand? Die ersten 10 Kilometer bei extremen Gegenwind. Fehler bemerkt. 10 Kilometer bei extremen Gegenwind wieder zurück an den Ausgangspunkt. Hm, ganz schön windig hier. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte: Es war der unscheinbare Auftakt zur bis dahin längsten Tages-Rad-Etappe der Raablers. Und das kam so…

Kopenhagen rückt allmählich näher

Ursprünglich sollte die Distanz zwischen Rødby und Kopenhagen in zwei entspannten Tagesabschnitten zu je 80 Kilometern inklusive kleinerer, diesmal beabsichtigter Umwege abgewickelt werden. So ziemlich in der Mitte der Route war ein nettes Hotel/eine nette Pension – wenn’s ginge, ohne heiligen BimBam – dazu bestimmt, die Vorfreude auf Kopenhagen anzufachen. Da die ersten 20 Kilometer wie oben beschrieben schon einmal unnütz in die Beine gegangen waren, wähnten die Raablers sich nach 100 Kilometern am ersten Etappenziel angekommen. Der Ortsname soll an dieser Stelle keine Rolle spielen, denn es handelt sich um ein grundsätzlich dänisches Phänomen: ein aberwitziges Preis-Leistungsverhältnis.

influencer in kopenhagen

Beim vorabendlichen Auffüllen der Wasser- und Essensvorräte an einem dänischen Supermarkt wurden die Raablers von einer überaus freundlichen, etwas älteren Dänin auf perfektem Deutsch angesprochen. Sie fragte nach der Reiseroute. Als Kopenhagen als Ziel zur Sprache kam, glänzten ihre Augen. Für ihre Idee, die Nacht vor Kopenhagen in einem Hotel ihres Heimatortes zu verbringen, ernteten Raabler und Raablerine zunächst erstaunte, dann mitleidige Blicke der sympathischen Frau. “Glauben Sie mir, Sie tun sich keinen Gefallen damit. Sie bekommen in einem Hotel hier bei uns null Gegenwert für Ihr ganzes, schönes Geld.” Sie schlug stattdessen einen Campingplatz in der Nähe vor und gab uns eine Wegbeschrebung an die Hand. Dankbar verabschiedeten sich die Raablers von der Tippgeberin.

Oha, ein dänischer Campingplatz. Was würde die müden Radler erwarten? Zunächst ein sympathischer Platzwart, der für relativ günstiges Geld eine Holzhütte (die letzte Holzhütte vor Kopenhagen, logo!) anzubieten hatte. Frohen Mutes schritt man zur Wohnungsbegehung. Ein Bild des Elends und der Verwahrlosung tat sich auf. Auf nähere Details wird verzichtet. Nur soviel: Der stickige Geruch, der einem entgegenschlug, der Zustand der kümmerlichen “Bettware” sowie der nicht zu leugnende internationale Fleckencocktail von Periodenblut bis Sperma (gewiss, alles nur Vermutungen) eben darin, ließen die Raablers entsetzt und im Rückwärtsgang die Flucht antreten. Was tun?

Influencerin mit Sonnenbrille

Die beste Lebensgefährtin von allen nahm es als Zeichen für die Umsetzung einer kühnen Idee, die schon länger in ihrem Kopf herumspukte. Warum nicht mal einen ganzen Tag und eine ganze Nacht mit dem Rad durchfahren? Sie wäre bereit, aber der Raabler wohl eher nicht, oder? Pustekuchen, der Raabler war angesichts der o.a. skizzierten Rahmenbedingungen aber so was von bereit. Und so entschloss man sich spontan zur nächtlichen Weiterfahrt nach Kopenhagen. 220 Kilometer am Stück – nur mit kleinen Pausen zwischendurch. Eine Nachtfahrt auf absolut fremden Terrain inklusive. Abenteuer pur!

Wenn du beim Lesen noch nicht eingeschlafen bist und/oder du sogar wissen möchtest, wie’s weiter geht, dann klicke einfach auf den nachfolgenden Raabler-Blogpost.

“Mir ist es eingefallen während ich Fahrrad fuhr.”
(Albert Einstein – über die Relativitätstheorie, deutsch-schweizerischer Physiker, 1879-1955)

Raabler-Blogpost:
Influencer lieben Kopenhagen

Raabler-Web-Tipp:
Krieg auf den Straßen (extra3)