Gesellschaft

No-Make-Up-Day

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Der Raabler-Blog ist mittlerweile landesweit bekannt für seine lustig-abstrusen, dabei jedoch zutiefst menschlichen, Gedankengänge. Als selbsternanntes “Alpha unter den Realsatieren” scheut er nicht vor aufwändigen Analysen und Recherchen für seine gleichsam humorvollen wie informativen Blog-Artikel zurück. Für Titel wie “No-Make-Up-Day” wird er von seinen vielen treuen Leserinnen und Lesern heiß und innig geliebt. Merke: Sarkasmus und Zynismus folgen der Erkenntnis, dass das Leben wie die Menschheit voller Widersprüche steckt. Sich die Themen mit Akribie von “hinten durch die Brust ins Auge” des Betrachters zu holen, ist allerdings nicht selten mit harter Arbeit verbunden. Die der Raabler natürlich gerne auf sich nimmt…

Man trifft sich zum Flirten in der Bar Burnout in Hamburg

Zurück zum Blog-Thema. Harte Arbeit ist auch das tägliche Schminken für die tapferen Frauen in unserem Lande. Morgens ein Muss. Zwischendurch meistens ein Muss. Abends auf jeden Fall ein Muss, wenn es z.B. in die legendäre Bar Burnout geht. Die Männer sollten sich also nicht über ihre tägliche Trocken- oder Nassrasur vor dem Badezimmerspiegel aufregen. Vom zeitlichen wie künstlerischen Aufwand kein Vergleich. Und überhaupt: Hat der Mann mal keinen Bock auf Pfirsichhaut, geht’s als männlich durch. Hat die Frau mal keinen Bock auf Make-up, dann…ja, dann…

Ohne Make-up im Büro – mitleidsvolle Blicke uniso

…fragt die nette Kollegin von gegenüber, ob sie sie zum Arzt begleiten soll. Sie sähe so krank aus und eine kleine Auszeit vom ganzen Stress der letzten Tage täte ihr sicherlich gut. Sie hätte auch schon mit dem Chef gesprochen. Wäre alles kein Problem. Kein Problem? Wie bitte?? Wo ist das Problem? Wird eine Frau ohne Make-up vor lauter krankhafter Blässe etwa unsichtbar? Zum Glück wohl nicht (ganz), sonst würde man ihr ja nicht unaufgefordert einen Begleitservice zur Erstanamnese beim Internisten anbieten. Umgekehrt wird eher ein Schuh draus: Manchmal wünscht sich eine ungeschminkte Frau gerne die Unsichtbarkeit herbei, wenn es ihr aus unaussprechlichen Gründen mal nicht möglich war, die gewohnte Camouflage routiniert aufzulegen.

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Frau mag es fein aufgeräumt: Die Lippenstifte stehen startbereit in Angriffsformation: Farben frei!

Der ganze schmerzhafte Prozess des vermeintlichen Pflicht-Schminkens (die anderen tun es ja auch) beginnt beim weiblichen Geschlecht übrigens schon in sehr frühen Jahren. Fachleute bezeichnen diesbezüglich den Beginn der Pubertät als Wendepunkt im Leben einer Frau. Wer hätte das gedacht? Ab ca. 10 Jahren werden die kleinen Girlies auf’s Schminke-Gleis gesetzt. Ob sie wollen oder nicht. Die meisten wollen allerdings. Tägliche häusliche Dramen zwischen Mom und Girl inklusive. Legen wir diskret den Mantel des Schweigens bzw. der Ohnmacht darüber. Wir lernen, dass ein Abbiegen auf eingefahrenen Gleisen ohne schwerwiegende Nebenwirkungen nicht mehr zu haben ist. Höchstens ganz viel später noch mal. Auf dem Weg zum Ausrangierbahnhof. Dann ist aber eh’ alles nicht mehr so wichtig.

Camouflage für Millionen

Um wie viele Betroffene geht’s? Der Raabler beruft sich auf Zahlen aus dem Jahr 2017. Danach lebten in Deutschland ca. 41 Millionen Frauen. Wir lassen die verzogene frühreife Jugend (s.o.) mal außer acht und konzentrieren uns auf die Altersspanne zwischen 15 und 65 Jahren. Demnach unterliegen ca. 26 Millionen Frauen dem Diktat des selbstverständlichen und täglichen Make-ups. Eine gigantische Zahl, die einen Jahresumsatz im Kosmetik-Segment von ca. 2 Milliarden Euro verantwortet. Aufgemerkt: Es geht mal wieder nicht nur ums Äußere und eigene Wohlbefinden. Hinter jeder Massenbewegung steckt ein massives wirtschaftliches Interesse.

TV14: Top-Model mit schwarzen Haaren verursacht einen wahren Medienhype.

Um den vom unbarmherzigen Schönheitsdiktat gebeutelten Frauen einmal im Jahr eine Verschnaufspause zu gönnen, kam dem Raabler eine geniale Idee. Für jeden Müll gibt es “Aktionstage” im Jahr. Es gibt den “Tag des Deutschen Schlagers”, den “Tag der Blockflöte”, den “Tag der offenen Töpferei”, den “Tag des Schlafes” und haste nicht gesehen. Warum dann nicht auch mal den “No-Make-Up-Day”? Im Kalender existieren garantiert noch freie Plätze. Nicht nur der englische Titel würde das Potential für die Einstufung zum Internationalen Aktionstag hergeben. Leider machte sich der Raabler mit seiner genialen Idee nicht nur Freunde unter den Frauen.

Make-up oder krank

Rund 25 Millionen forderten in einer Online-Petition dazu auf, keinen weiteren Gedanken an diesen Raabler-Blödsinn zu verschwenden. Die restlichen eine Million Frauen befand sich zum Zeitpunkt der Abstimmung im wohlverdienten Jahresurlaub. Auch das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaft) gab zu bedenken, dass das Brutto-Inlandsprodukt um mindestens 0,1 Prozentpunkte in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, wenn z.B. alle im Arbeitsprozess befindlichen “Betroffenen” auf die Idee kämen, für diesen No-Make-Up-Aktionstag einen Tag Urlaub einzureichen oder – naheliegender – beim Arbeitgeber krank zu melden. Begründung: siehe oben.

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Schon früh in der Schule lernte der Raabler einen Satz aus dem Spanisch-Buch: Esto no es un laboratorio químico. Esto es el tocador de mi mujer. Übersetzt: Dies ist kein Chemielabor. Das ist der Schminktisch meiner Frau. Schule kann also doch manchmal Wissen fürs Leben vermitteln.

Der kesse Gegenvorschlag des Raablers, den neuen Aktionstag dann eben auf einen Sonntag zu legen, brachte ihm endgültig und völlig zurecht einen veritablen shitstorm ein. Die Anzahl der Seitenaufrufe in seinem Blog verzeichnete innerhalb von drei Tagen einen Anstieg um 2500%. Der noch gigantischere Anstieg der Kommentare ließ sich schon mal gar nicht in Prozentpunkten ausdrücken, da angenehmerweise zuvor überhaupt keine Meinungsäußerungen auf dem Raabler-Blog stattfanden. Puuh, noch mal Glück gehabt.

Von wegen, Glück gehabt. Nee, Pech gehabt. Der Raabler wollte doch mit seiner gut gemeinten Idee eines “No-Make-Up-Day” nur mal sehen, wie die Welt aus den Angeln gehoben wird. Wie würden die Frauen aus der Wäsche gucken? Wie würden die Männer aus der Wäsche gucken? Gäbe es Solidaritäts- oder Mitleidsbekundungen? Auf beiden Seiten? Welche Szenarien täten sich im gewohnten Alltäglichen auf? Beim Gang zu Fuß in der Stadt, auf dem Fahrrad, in Bus, Bahn und Flieger? Würde der “Verkehr” gänzlich oder zumindest temporär zusammenbrechen? Wir werden es leider nie erfahren. Und das ist vielleicht auch gut so. Raabler, leg’ dich wieder hin!

“Ein gutes Make-up ist ein Flirt zwischen Chemie und Malerei.”
(Ester Mitchell, amerikanische Drehbuchautorin, 1920-2012)

Raabler-Blogpost:
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Raabler-Web-Tipp:
Make-up-Tutorial