Und sonst so?

Rammstein bittet zur Druckbetankung

Rammstein

Damit soll hier nicht irgendein Alkoholmissbrauch gemeint sein, sondern natürlich der legendäre Rammstein-Sound. Erbarmungslos bohrt der sich nämlich nicht nur frontal aus den Bühnenlautsprechern in die Ohrmuscheln euphorisierter Fans. Nein, mittendrin sind zusätzliche Verstärkerchen platziert, damit ja nicht die 120-Dezibel-Grenze versehentlich mal unterschritten werden könnte. Der Raabler war natürlich nicht beim Tourneestart der weltweit bekanntesten deutschen Rockband am 27. Mai 2019 in Gelsenkirchen dabei. Er hat nämlich schon Tinnitus…

Drum kann und möchte er zum grandiosen Konzertevent an sich gar nicht viele Worte verlieren. Selbst ohne Raabler-Beteiligung dürften über 60.000 Anhänger zweifellos für einen unvergesslichen Abend gesorgt haben. Was allerdings auffiel: 60.000 Zuschauer haben 120.000 Hände zur Verfügung. Diese wurden traditionell vor gar nicht allzu langer Zeit bei Konzerten noch intensiv zum begeisterten Mitklatschen, Anfeuern, Lärmen und für die notwendige Energieabfuhr genutzt. Praktisch als interaktives Element im Zusammenspiel zwischen Sender und Empfänger.

Rammstein ist schon geil…

Die Zeiten scheinen sich überlebt zu haben. Mit resignativer Bestürzung muss der Raabler sich stattdessen die vielen traurigen Amateur-Video-Mitschnitte zum Rammstein-Konzert auf Youtube reinziehen. Was ist da bloß los? Wer hat das erlaubt? Wie konnte es jemals so weit kommen? Was denn? Das denn: 60.000 Menschen haben nichts besseres zu tun, als ihre 60.000 Scheiß-Smartphones in beide Hände zu nehmen, um der Welt die weltbesten Beweise zu liefern, dass sie dabei waren. Geht’s noch?

Instagrammable

Sie gehören zu den Auserwählten, die mit Glück und Geduld ihr 100-Euro-Ticket im Internet ergatterten. Und wenn’s dann endlich soweit ist, erleben sie etwas so Einmaliges nur über einen 6-Zoll-Bildausschnitt? Wie blöd muss man sein? Welche Ignoranz und Arroganz des Publikums gegenüber (je)der Band, die sich mit Akribie, Leidenschaft und sicherlich der einen oder anderen schlaflosen Nacht auf ihre Auftritte vorbereitet. Oder ist Rammstein nur die Beilage zur jeweiligen Ego-Collage auf allen nur erdenklichen Social-Media-Kanälen? Motto: Rammstein ist schon geil, richtig geil bin aber nur ICH, ICH, ICH! Seht her!! Till durfte mit mir im gleichen Raum verweilen, der Glückspilz!

Eine Botschaft an die Rammstein-Fans

Ultra sind diejenigen unterwegs, die nicht nur ein bis zwei Songs per Smartphone digitalisieren, sondern das ganze Konzert. Gibt’s nicht? Gibt’s! Was für eine körperliche Anstrengung! Was für eine mentale Anstrengung! Gut, für’s Körperliche geht man ja regelmäßig ins Fitness-Studio. Und für’s Mentale hat man Mentos in der Hosentasche, oder so ähnlich. Und den Rest übernimmt sowieso Captain Dope. Wie fühlt sich das für die Musiker auf der Bühne an? Da gibt es wie immer zwei Möglichkeiten. Entweder es geht ihnen völlig am Arsch vorbei. Oder sie ärgern sich schon ein wenig über die nicht ganz ungeteilte Aufmerksamkeit. Dann empfiehlt der Raabler dem Till folgende Durchsage mit seinem berühmt-berüchtigt gerolltem “r” in die plötzlich unheimliche Stille der Massen:

Mit dem Smartphone am Autolenkrad

“Ihr Lieben,
nachdem in den ersten 15 Konzert-Minuten euer ganzer Fokus darauf lag, möglichst wackelfreie Bilder und Videos von uns zu produzieren, möchten wir euch daran erinnern, dass es für uns nicht immer leicht ist, gegen eine solch’ dämliche Smartphone-Wand anzuspielen. Irgendwie geht der Spaß dabei verloren, wenn ihr versteht, was ich ich meine. Denkt bitte auch daran, dass nicht jeder die Gardemaße unserer Bandmitglieder hat und ihr mit eurer ekelhaft egoistischen Filmerei und den hochgereckten Armen das Blickfeld der jeweils hinter euch Stehenden massiv einschränkt. Wollt ihr das?


(Großes und betretenes Schweigen der Lämmer)

Habt ihr Bock auf Russisch-Roulete? Denn falls diese unsere Bitte nicht fruchten sollte, werden unsere Securities ab sofort wahllos aber exemplarisch einige Smartphone-Junkies aus dem Publikum holen und freundlichst aus dem Stadion begleiten. Der Abend wäre dann für diejenigen gelaufen. Das wäre doch sehr schade, oder was meint ihr? In diesem Sinne: Smarties in die Hosentasche und weiterhin viel Spaß mit Rammstein und “Ich Will”…

(Sekundenlanges Schweigen wird durch tosenden Applaus abgelöst. Alles auf Anfang wie früher!)

Influencerinnen

Die Zukunft des Erlebniskults

Zum guten Schluß ein letzter Schuss aus der Satire-Büchse: Auf dem Titelbild hat sich der humorlose Raabler eine ganz neue Dimension der massenhysterischen Egomanie zum Tourneeauftakt von Rammstein ausgedacht. Es werden mittlerweile nicht mehr nur komplette Abende mit der Smartphone-Kamera festgehalten. Nein, der letzte Schrei ist, wenn sich abertausende Konzertbesucher für ein unvergessliches Selfie-Erlebnis cool mit dem Rücken zur Band platzieren. Der Irrsinn kennt keine Grenzen mehr. Macht nur weiter so! (Illustration: Felix Gröger)

“Nur Dummköpfe und Spinnen produzieren aus sich selber heraus.”
(Bernard von Brentano, deutscher Schriftsteller und Journalist, 1901-1964)

Raabler-Blogpost:
Smartphone Junkies am Steuer

Raabler-Web-Tipp:
Rammstein live 2019 – Deutschland