Reise

Rentnerparadies Kanaren

Rentner an einem kanarischen Strand

Ob wir es wollen oder nicht: Es wird nach und nach herbstlicher in unseren Breitengraden. Schneller als gewünscht stehen die tristen Tage bald wieder vor unserer Tür und lassen wie von Zauberhand die Erinnerungen an die beinahe unerträglichen Hitzeperioden des vergangenen Sommers allmählich verblassen. Zeit, sich Zeit für einen kleinen Nachschlag zu gönnen. Zeit für etwas völlig Neues, Phantasievolles, Unerwartetes. Richtig geraten, es ist mal wieder Zeit für die Kanaren, den sonnenenverwöhnten Inseln im Atlantik vor der afrikanischen Westküste. Heerscharen von ferienunabhängigen Rentnern und Vorruheständlern (Privatiers) fluten in den kommenden Wochen und Monaten die stationären als auch digitalen Reisbüros.

La Palma im Sturm

Für die gut geölte iberische Tourismusmaschinerie ein alljährlich wiederkehrendes Prozedere. Kommen traditionell in den Sommermonaten vermehrt und zum Glück die gern gesehenen Festlandsspanier mit ihren Familien auf die berühmte Inselgruppe, so schnellt der Altersdurchschnitt spätestens ab Oktober wieder deutlich nach oben. Es gilt, sich mental auf eine störische, aber eben auch sehr zahlungskräftige, Urlauberschar aus den nördlichen Gefilden Europas einzustellen. Logisch, dass auch die unumstrittenen Urlaubsweltmeister aus deutschen Landen sich nicht lange bitten lassen.

Rentner beliebt auf den Kanaren

Und endlich können sich im Zuge dessen auch die braun gebrannten, durchtrainierten Baywatcher an den mal mehr, mal weniger umtosten Strandabschnitten der Kanaren ihrer eigentlichen Aufgabe zuwenden: der täglichen Rettung uneinsichtiger deutscher Rentner im allerbesten Alter. Das obige Titelbild wurde mit Bedacht gewählt und wird so oder in ähnlicher Aufmachung in den regelmäßig stattfindenden internen Fortbildungsveranstaltungen des spanischen Rettungsschwimmerverbandes als Mustervorlage verwendet.

Flughafen auf Teneriffa

Informell trägt das Bild den kurzen und knackigen Titel: dispuesto (übersetzt: aufgepasst!). Das Bild lebt von seiner auf dem ersten Blick völlig unspektakulären Aussage. Die Details haben es jedoch in sich: Ein Rentner mit lichtem Haar steht scheinbar teilnahmslos am Strand. Von seiner Statur her noch gut in Schuss in Anbetracht seines bereits fortgeschrittenen Alters. Diese wohlwollende Einschätzung würde der uneitle Rentner sofort unterschreiben. Sie impliziert, dass er sich noch lange nicht dem alten Eisen zugehörig fühlen muss. Warum auch? Schließlich verbringt er bereits zum 30igsten Mal hintereinander genau an diesen Strandabschnitt seinen wohlverdienten Urlaub. Das hält jung und fit!

Knackärsche müssen warten…

Das aufmerksame spanische Baywatch-Duo hat derweil nicht weit entfernt davon ihr “Büro” unter einem großzügig bemessenen Sonnenschutzschirm aufgeschlagen. Das bisher laute und temperamentvolle Gebrabbel untereinander verstummt zusehends. Sie spüren intuitiv, dass sie fortan ihren ferngläsigen Fokus weg von dem einen oder anderen weiblichen Knackarsch auf einen neuen Schauplatz des Interesses zu richten haben. Auf den deutschen Rentner. Demonstrativ und lässig verschränkte Arme neben der roten Beflaggung sind typisch (deutsch) und signalisieren unmissverständlich die dazugehörige Einstellung: Rote Fahne bei diesem seichten Wellengang sind ja wohl ein einziger Witz. Ich kenn’ mich aus…

Tumulte beim Boarding

Weiterhin gibt das – wie gesagt auf dem ersten Blick – unscheinbare Motiv Aufschluß über die Frequentierung des Abschnitts mit schwimmenden Badegästen. Die liegt trotz der belanglosen Wellen putzigerweise bei null. Komisch, nicht wahr? Ein weiterer möglicher Warnhinweis auf eventuelle Quallen-Anlandungen (“Cuidado con las medusas”) ist rentnerseits nicht auszumachen. Was spricht also gegen eine kleine, nette Abkühlung im muggeligen Atlantik in Anbetracht nahezu optimaler Badebedingungen? Eben, nichts. Also, nix wie rein. Die Baywatcher wollen sich doch mit der roten Flagge nur einen gemütlichen Nachmittag bereiten.

Wo kommen die Wellen auf einmal her?

Der deutsche Rentner kennt doch seine Pappenheimer. Nach 30 Jahren. Ihm kann man nichts mehr vormachen. Er weiß Bescheid. Die Spanier sind und bleiben ein faules Pack, denkt er sich vorurteilslos. Also rein ins verlockende Nass. Schon nach wenigen Metern sind die ersten Kinderwellen überwunden und der Boden unter den Füßen ebenso. Herrlich! Gut, die erste Portion Salzwasser unfreiwillig geschluckt. Doch plötzlich ganz schön Wellengang hier. Wo kommen die denn auf einmal her? Egal, jetzt nur nichts anmerken lassen. Röchel, hust.

Sonnenstich.TV

Wäre da bloß nicht das überflüssige und aufgeregte Gerufe und Gewinke dieses wichtigtuerisch-aufgeblasenen Aufsichtspersonals. Was bilden die sich ein? Wollen die mich hier vor allen Leuten blamieren? Ich weiß ganz genau, was ich tue, denkt er sich. Und dann geht alles ganz schnell. Der nächste Wellengang wie aus dem Nichts meint es nämlich mit dem ewig Junggebliebenen nicht mehr so gut. Der Kopf taucht unfreiwillig und für unendlich erscheinende fünf Sekunden ab. Als widerwilliges Signal des trotzigen Kampfes gegen die Naturgewalten ragt nur die rechte Hand aus der Gischt.

Alles im Griff – auf dem sinkenden Schiff

Ob der in Seenot Geratene die schrillen Pfeifen des Aufsichtspersonals noch vernimmt? Man weiß es nicht. Da taucht er wieder auf. Der alte Mann. Und mimt – verzweifelt seine Erschöpfung verbergend – einen auf “alles im Griff”. Er winkt in aller gespielter Gelassenheit ins interessierte Strandpublikum. Bravo. Den Baywatchern dagegen wirft er einen hasserfüllten Blick zu. Sie könnten ihm die Gesamt-Performance versauen, wenn sie es tatsächlich wagen sollten, ihn mit ihrem lächerlichen Safe-Board unter dem Arm aus dem aufgepeitschten Atlantik zu holen. Wie gesagt, 30 Jahre Kanaren. Und dann das…

Traumurlaub: Außenkabine auf einem Kreuzfahrtschiff

Nein, das muss er sich nicht antun. Trillerpfeife, Safe-Board und das wilde Gestikulieren der Socorristas. Es reicht. Er gibt auf. Mit allerletzter Kraft schafft er es, die letzte Welle für das Anlanden zu nutzen. Ein letztes unkontrolliertes Abtauchen und hektisches Stolpern. Pures Ausgeliefertsein im mittlerweile nur noch hüfthohen Wasser. Ja, das ist wirklich lächerlich. Ein letztes verkrampftes Luftholen und Wasserausspucken. Zack, zum Abschied schickt die aufgeraute See noch einen finalen Schubser…äh…Ausläufer…zur Erinnerung, der ihn ausgerechnet vor seinen geliebten spanischen “Freunden” sprichwörtlich und voller Symbolik vor deren Knie gehen lässt. Mehr – zuvor hart erarbeitete – Demütigung geht nun wirklich nicht.

Fremdschämen auf den Kanaren

Die Schnappatmung überwunden und so gerade eben wieder zu Kräften gelangt, kommt das, was kommen muss: Eine einzige Schimpftirade gegen seine besorgten Retter. Natürlich auf deutsch. Inklusive Scheibenwischer-Geste. Die mit Panik in den Augen herbei geeilte Ehefrau bekommt ebenfalls ihr verdientes Fett weg. Gut, dass die mit Bedacht ausgewählten Wörter der Anklage im Detail selbst für Deutsche nicht zu verstehen sind. Der Raabler und die weiteren Beobachter der Szenerie können es kaum fassen. Fremdschämen ist also nicht nur gegenüber dem jungen Ballermann-Publikum angesagt. Die Alten holen mächtig auf. Und sie werden immer mehr…

“Das Fatale am Paradies ist das: Man kann es nur im Leichenwagen erreichen.”
(Sacha Guitry, franz. Schauspieler und Dramaturg, 1885-1957)

Raabler-Blogpost:
Fahrrad fahren macht Spaß

Raabler-Web-Tipp:
Badetote auf den Kanaren