Reise

Südtirol mit dem Bus erfahren

Südtirol: Wenn das Warten auf den Bus kein Ende nimmt...

Dass eine der beliebtesten Urlaubsregionen Europas am Autoverkehr zu ersticken droht, wissen nicht nur die verantwortlichen Mandatsträger in Bozen, Meran und Brixen. Nein, das wissen auch die im heimeligen Südtirol urlaubenden Verdrängungsweltmeister in ihren untermotorisierten, schwarzen oder meteor-grauen SUV-Klitschen. Und natürlich die vielen treuen Raabler-Blog-Leser. Zum Glück gibt es Alternativen. Mit vergleichsweise günstigen Preisen lockt der öffentliche Nahverkehr mit dem Bus.

Das mit der “Alternative” entpuppt sich für Südtirol-Fans allerdings im Handumdrehen als schlechter Witz. Gewiss findet jeder im reichhaltigen Angebot der Vorteils- und Mobilitätskarten seinen Favoriten. Gewiss zu erstaunlich günstigen Konditionen. Und gewiss ist das Buswegenetz eng gestrickt und ausreichend getaktet. Soweit die Theorie. Die Praxis zeigt in Stoßzeiten jedoch seine hässliche Fratze. Sehr bedauerlich angesichts der Tatsache, dass zumindest die Zentren in Südtirol nichts anderes als eben diese Stoßzeiten kennen.

Nahverkehr ist nix für Weicheier

Das führt in aller Regelmäßigkeit zu unschönen Szenen an den unzähligen Wartebuchten und in den Bussen selber. Die armen italienischen Wagenlenker können nämlich aufgrund der hohen Nachfrage und des täglichen Irrsins auf den vollgestopften Straßen ihren Fahrplan niemals einhalten. Sie haben sich wohl auch deshalb einen ziemlich rabiaten Fahrstil zu eigen gemacht, der alle Passagiere tagtäglich an die Sinnhaftigkeit einer Auslandsreise-Krankenversicherung erinnert.

Autoverkehr in Schenna

Die maximale Aufnahmekapazität erschöpft sich in allerhöchstens 50 Sitzplätzen, die nicht selten bereits am Ort der Erstbesteigung erreicht wird. Spätestens nach drei weiteren Stationen droht im Regelfall nicht nur die Luft dünner zu werden, sondern auch die Haut der zum Stehen (max. 25 Plätze) verurteilten Renterinnen und Rentner. Blaue Flecken in Kombination mit Hautabschürfungen und gar gelegentlichen Prellungen betonen den von vielen Beteiligten bereitwillig in Kauf genommenen Outdoor-Charakter der Veranstaltung.

Südtirol meldet “completo”

Mal rauskommen aus dem Alltagstrott. Das Unberechenbare und das Abenteuer lieben lernen. Wandern in den Bergen ist schließlich auch nicht ganz ungefährlich. Warum also kein warming-up im morgendlichen Nahverkehr? Das Sturz-Prophylaxe-Training an den vier Wochenenden vor Urlaubsantritt sollte auch nicht gänzlich für umsonst gewesen sein. Also, nicht lang rummeckern. Augen zu und durch! Was leider nicht immer gelingen mag.

Denn überfüllte Busse sind nicht nur unkomfortabel für die mit schweren Rucksäcken ausstaffierten Reisenden. Und schwerer zu navigieren für die Fahrer. Sie haben auch die nachzuvollziehende Angewohnheit, ab einem bestimmten Stapelvolumen im Fahrzeuginneren nicht mehr das zu tun, was man an Bushaltestellen normalerweise und nicht ohne Berechtigung erwartet: zu halten. Statt dem Reiseziel prangt an der Stirnseite der Fahrzeuge der unheilvolle Hinweis: “Completo”. Ein schicksalhaftes Wort.

Almabtrieb in Pfelders

Übrigens nicht nur für diejenigen, die gerne einsteigen würden, sondern auch für die bereits zuvor “Inhaftierten”. Wer mal unvorbereitet Zeuge eines beinahe schief gegangenen Ausstiegsmanövers in der entlegendsten Pampa Südtirols werden durfte, wird niemals mehr die panischen Blicke der armen Geschöpfe im hintersten Teil des Truppentransporters vergessen. Ein zunächst schier unmöglich anmutendes Unterfangen – begleitet von animalischen Schreien und Stöhnen der Gestoßenen und Getretenen – mündete in einem schier unmöglich anmutenden Happy End.

Zeit spielt keine Rolle mehr

Hilfreich sind in den neueren Bus-Generation die im LED-Display aufgeführten Namen der jeweiligen nächsten Haltestellen. Auf deutsch und Italienisch. Gerade für Beginner und/oder Ortsunkundige unter den Südtirol-Urlaubern ein echter Mehrwert, der das rechtzeitige Drücken der Stop-Taste erleichtert. Soweit die graue Theorie. Weil die Anzeige von der Technik bzw. dem Mann hinter dem Lenkrad jedoch nicht immer die nötige Aufmerksamkeit bekommt, wird so manches Mal umsonst gehalten. Wer hat Schuld? Italien jedenfalls nicht!

In Südtirol bekommt jeder was geboten für sein Geld. Ob freiwillig oder unfreiwillig, interessiert dabei nicht. Die Vollheit der Busse ist das eine Thema. Das andere ist, wie bereits erwähnt, die strukturell unvermeidbare Unpünktlichkeit. Das 86-seitige Booklet mit allen möglichen Informationen zu den Buslinien bis hin zu den öffentlichen wie privaten Seilbahngesellschaften verschafft lediglich auf den ersten Blick einen Hauch von Transparenz.

Autos im Stau

Erfahrene Nutzer des “Orario” merken sich nur noch die Nummern der in Frage kommenden Buslinien sowie deren übliche Haltestellen. Uhrzeiten gleiten in den Bereich der Folklore ab. Man stellt sich einfach dorthin, wo man glaubt, dass man irgendwann abgeholt wird. Abfahrtzeiten und überhaupt die Zeit spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein sicherlich ungewollt meditativer Aspekt, der jeden Südtirol-Aufenthalt zu einem nachhaltigen Erlebnis werden lässt.

Flüche in allen Dialekten und Variationen

Soweit die positive Auslegung einer den umweltbewussten Urlaubern auferzwungenen Macht- und Hilflosigkeit an den Straßenrändern und Busbahnhöfen. Nicht jeder kann sich jedoch für meditative Aspekte in einem ansonsten lärmigen Umfeld erwärmen. Das genaue Gegenteil bricht sich gar nicht mal so selten Bahn. Es kommt zu spontanen Wutausbrüchen in Begleitung von Verbalinjurien, die sich gewaschen haben. Hier eine kleine Auslese:

“Was für eine verdammte Scheiße ist das hier!”
“Die wolla uns älle verarsche!”
“Ich dreh’ gleich durch! Die sind doch nicht ganz dicht!”
“Das kann doch wohl alles nicht wahr sein!”
” I könnde dena einen uf’s Maul haua!”
“Halten die uns alle für komplett blöd, oder was?”
“Der glauben wal, se künn all met m’r maache?”
” Wos fia a sauhaffa!”

Auch der Raabler war so manches Mal schwer genervt. Die Raablerine dagegen konnte sich des öfteren köstlich über die wortgewaltigen Entgleisungen ihrer Steh-Nachbarn ergötzen. Fäkaliensprache mal nicht aus dem Munde von Gangsta-Rappern, sondern wohlerzogenen und gut situierten Südtirol-Urlaubern. Das erlebt man zuhause nicht so schnell. Das hatte etwas Tröstendes. Etwas sehr Menschliches. In Glücksmomenten, aber vor allem in Krisensituationen, rückt man zusammen. Geteiltes Leid…

Südtirol, war sonst noch was?

Ach, ja, die italienischen Busfahrer haben nicht nur Benzin im Blut und gehen in die Kurven wie Emerson Fittipaldi. Sie sind auch bis auf wenige Ausnahmen der deutschen Sprache NICHT mächtig. Das macht Busreisen vor allem für Südtirol-Anfänger noch etwas schwieriger, weil anders herum im Falle einer gewünschten Auskunft 99% der Touristen NICHT der italienischen Sprache mächtig sind. So können sich die gestressten Fahrer mit Eifer dem widmen, was sie am liebsten tun: Meckern und fluchen (über die Deutschen?) in ihrer Landessprache.

Ob wenigstens der Knigge im Bus im Gegensatz zu den täglichen Beobachtungen in deutschen Landen eingehalten wird, fragst du dich jetzt? Also, zum Beispiel, das freiwillige Aufstehen junger Menschen und Platzmachen für ältere Mitreisende? Von denen es in Südtirol ja nicht wenige gibt. Vergiss’ es! Logisch sind Teens und Twens sehr stark mit ihren Smartphones beschäftigt. Das geht im Stehen nur unzureichend. Und logisch kriegen sie es haargenau trotzdem mit, wenn jemand dringend einen Sitzplatz gebrauchen könnte. Aber sie belassen es dabei. Cool!

E-Sport

Um die nachfolgende Generation von Ego-Shootern muss uns also nicht bange sein. Die Eltern haben alles richtig gemacht. Es sagt denen einfach keiner mehr was. Allgemeines Zurücklehnen in resignativer Selbstzufriedenheit. Richtig krass wurde es, als ein älterer Herr mit abgesacktem Kreislauf absolut nicht mehr stehen konnte und die Ehefrau verzweifelt um einen Sitzplatz bettelte. Der junge Mann mit den neuesten ANC-Modell von Sony auf den Ohren blieb einen Meter entfernt vom Geschehen seelenruhig und bräsig auf seinem Sitz kleben. Bravo! Momente, die man nicht vergisst.

By the way: Kann man südtirolerisch als Deutscher verstehen? Ja, aber nur, wenn die das wollen. Wenn sie unter sich sind, gibt’s allerhöchstens mal Häppchenware in Form von irgendwie verwandten deutschen Wörten und Begriffen zu erhaschen. Man braucht ein wenig Phantasie, um inhaltliche Zusammenhänge herzustellen. Der Raabler will damit sagen: Wenn die Einheimischen im “Flow” sind, hast du keine Chance. Vom Ladinischen mal ganz zu schweigen.

Das Gruseligste zum Schluß

Wie bereits in einem anderen Blogpost erwähnt, traten die Raablers ihre Reise klimafreundlich und tiefenentspannt mit der Bahn an. Dazu zählt z.B. auch der Transfer zwischen dem Hotel in Schenna und dem Meraner Bahnhof. Lachhaft. Läppische fünf Kilometer. Aber, Achtung: Ein Taxi würde angesichts des Verkehrschaos in und um Meran je Strecke ca. 35 Minuten benötigen. Wenn überhaupt ein Taxi zu kriegen wäre. Die Raablers blieben stur und entschieden sich umweltbewusst für Abenteuer pur.

Atem

Aufgerödelt ging’s zu Fuß mit Sack und Pack zur nächstgelegenen Bushaltestelle. 80 (!!) Minuten vor Abreisetermin am Gleis. Die ersten zwei Sardinenbüchsen rauschten ohne Halt mit gewohnter 15-minütiger Verspätung (inklusive “Completo”-Vermerk und “Winke-Winke” seitens des genervten Fahrers) an den Wartenden vorbei. Sollte auch der dritte (verspätete) Bus die Aufnahme verweigern, könnte man die gebuchte Heimreise mit dem Zug inkl. Sitzplatzreservierungen alternativlos und ohne jegliche finanzielle Entschädigungsansprüche in die Tonne treten.

Für ein Taxi war es selbstredend auch schon längst zu spät. 200 Puls! Da kommt was um die Ecke. Ein Bus etwa? Welche Nummer? 231? Irre, das isser. Nur 30 Minuten verspätet. Wie kommt das denn? Egal, jetzt. Ist was zu sehen, ob er voll ist? Mist, die Scheiben sind abgedunkelt. Er wird langsamer. Nicht zu fassen. Er scheint halten zu wollen. Ja, er hält. Entfesselte Jubelschreie der Anwesenden. Der Busfahrer schüttelt ungläubig seinen Kopf. Soll er doch über die Deutschen denken, was er will. Wir sind “drin”!

Servas!

“Für den Urlaub gibt es zwei erfolgversprechende Rezepte: er muss ganz anders sein als sonst – oder er muss genauso sein wie immer.”
(Heinz Rühmann, deutscher Schauspieler und Regisseur, 1902-1994)

Raabler-Blogpost:
Mit dem Auto in Meran

Raabler-Web-Tipp:
Abstempeln im Südtiroler Nahverkehr