Gesellschaft

The Sound of Stille

Stille

Geht es dir auch so? Seit Corona ist das Leben ruhiger geworden. Sehr viel ruhiger. Zu ruhig. Für manche Zeitgenossen ist die neue Stille kaum noch auszuhalten. Gut, in den Mehrfamilienhäusern und anderen citynahen Wohnsilos für den gebeutelten Mittelstand muss man auf das übliche Stockwerk übergeifende Beziehungsgeschrei zwischen Männlein und Weiblein nicht verzichten. Eher im Gegenteil. Aber kann das den Ausfall an den sonst üblichen Umweltgeräuschen kompensieren?

Quarantäne

Dem Raabler kommen Zweifel. Zum Mäusemelken aber auch. Denn was waren das noch für goldene Zeiten, als alle zwei Minuten ein tiefer gelegter Ferienflieger über Buxmoorholm in seine Hauptanflugroute zum Hamburger Airport einschwenkte. Auch auf die täglichen Belugas von Airbus mit ihren lustigen Nasen mochte man ehrlicherweise nicht mehr verzichten. Alles roch nach Dringlichkeit. Nach Sinn und Zweck. Nach Wirtschaftswachstum.

Drohnen über Buxtehude

Bilden wir uns die Stille nur ein?

Hat das Dasein heutzutage noch einen Sinn, wenn sich neuerdings stressgeplagte Anwohner einbilden, dass sogar der ÖPNV auf Schienen wie von Zauberhand nicht mehr seine übliche Geräuschkulisse produziert? Der Fahrplan ist der gleiche wie zuvor. Nur eben mit 75 Prozent weniger Fahrgästen drin. Haben die etwa immer den Lärm verursacht, dass man jetzt meinen könnte, Züge und S-Bahnen schnurren nur noch im Flüstermodus ihren Destinationen entgegen?

hvv

Wird ja langsam unheimlich hier. Selbst die bekannt aggressiv-frustrierten Motorrad-Machos treiben innerorts nur noch gelegentlich ihre Maschinen im ersten Gang auf 100 km/h. Ist das schon die neue Corona-Rücksicht? Dass die gelangweilten Lederjacken mittlerweile einsehen, auch mit weniger Brüllerei aus ihren pepimpten Auspuffrohren von A nach B zu kommen? Sind ja ganz neue Perspektiven.

Wenigstens auf die Autofahrer ist Verlass!

Zum Glück ist wenigstens auf die nicht minder gelangweilten und aggressiv-frustrierten Autofahrer Verlass. Hier scheint man zu ahnen, dass der Spaß bald sein klima-technisch hart erarbeitetes Ende finden wird. Nur bloß schnell noch einen SUV mit 2,8 Tonnen Lebendgewicht oder einen überrollgebügelten Porsche mit 500 PS an Land ziehen, bevor Schwarz-Grün uns nach der nächsten Bundestagswahl in hippelig-trippeligen Rückwärtsschritten jeglichen Spaß am Kinderspiel verderben wird.

Autoposer in Hamburg

So sieht’s doch aus! Aus diesem Grunde hält die sympathische Autoposer-Szene in den Hotspots der Innenstädte einfach mal dagegen und die gleichnamigen Sondereinheiten der Polizei prima auf Trab. Verfolgungsfahrten über sämtliche roten Ampeln der Amüsiermeilen sind nach wie vor hipp. Macht aus Poser-Sicht endlich auch mehr Spaß, weil die Gesetzeshüter mittlerweile auf Augenhöhe motorisiert sind. Nun hat man noch mehr Gründe, die Räder alle Nase lang hübsch durchdrehen zu lassen. Der Grip entscheidet über Sieg oder Niederlage im Affen-Dschungel.

Die Stille ist dem Tinnitus sein größter…

Eine anständige Lärmkulisse in Richtung 120 Dezibel wie in alten Zeiten ist garantiert. Hoffentlich bleibt uns das noch eine möglichst lange Weile erhalten. Und da haben wir sie wieder: die Langweile! Ein zu schnelles Herunterfahren des “Systems” ist von daher unbedingt zu vermeiden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er braucht gewisse Oasen des Krachs, des Gedröhns und die Chance auf temporäre Taubheit mit Anflügen von beidseitigem Tinnitus.

Rammstein

Ist das denn so schwer zu verstehen?
Was hast du gesagt?
“Ruhe gibt’s genug nach dem Tod?”
Gut genuschelt, Herbert, aber leg’ dich wieder hin!

“Wenn ein junges Mädchen Besuch von einem jungen Mann bekommt, dann stört die Mutter des Mädchens nicht der Lärm, sondern die Stille.”
(Vivian Cox , britischer Filmproduzent, 1915-2009)

Raabler-Blogpost:
Autoposer in den Städten

Raabler-Web-Tipp:
Anwohner gegen Motorradlärm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.