Adam & Eva

Therapiestunde im Nörgel-Studio
Folge 7: Das Badezimmer

Für Maren D. aus M. ist sauber nicht rein genug

Dr. Raabler Nörgelstudio

In einem Vorgespräch bat Maren D. aus M. bei Dr. Raabler um eine Therapiestunde, weil sie zunehmend Diskrepanzen im individuellen Hygieneempfinden – besonders wenn es um das Badezimmer geht – zwischen sich und ihrem Mann ausgemacht hatte. Vermutlich waren diese Unterschiede permanent vorhanden, kamen jedoch in den Zeiten, in denen sie als Kinder erziehende Ehefrau alleine für Sauberkeit und Ordnung im Haus die Verantwortung trug, nicht so zum Tragen.

Dies änderte sich mit dem Tag, als sie endlich in das Berufsleben zurückkehren konnte und die Aufgabenteilung im Haushalt wieder jenen Status annahm, wie er sich beim Zusammenziehen in die erste gemeinsame Wohnung – ohne Kinder – herauskristallisiert hatte: Jeder hat seinen Vollzeitjob, jeder übernimmt 50% der im Haushalt anfallenden Arbeiten. Was aus ihrer Sicht und Erinnerung heraus seinerzeit ohne größere Konflikte funktionierte, scheint in der Gegenwart problembehafteter denn je. Wie gewohnt, versucht Dr. Raabler den Dingen in einem intensiven Vier-Augen-Gespräch auf den Grund zu gehen.

Männer nehmen Frauen die Luft zum Atmen.

Dr. Raabler: „Guten Tag, Frau D.“
Maren D.: „Guten Tag, Herr Doktor.“
Dr. Raabler: „Hatten Sie eine gute Anreise in unser Nörgel-Studio?“
Maren D.: „Hatte ich, hatte ich, danke der Nachfrage. Ich bin ja förmlich zu Ihnen herüber geschwebt.“
Dr. Raabler: „Wie das?“
Maren D.: „Na, ja, es war bzw. ist eine gewisse Vorfreude in mir drin, weil nun endlich alles mal gesagt und hoffentlich auch gelöst werden kann.“
Dr. Raabler: „Wo knistert es denn im Gebälk, Frau D.?“
Maren D.: „Im Gebälk weniger, Herr Doktor, mehr unter der Duschabtrennung in unserem Badezimmer.“
Dr. Raabler: „Oha, ein perfekter Übergang in die Thematik unserer heutigen Therapiestunde, nicht wahr?“
Maren D.: „Sie sagen es.“
Dr. Raabler: „Legen Sie los.“
Maren D.: „Also, wie Sie wissen, sind mein Mann und ich seit Jahresanfang beide wieder berufstätig. Somit teilen wir uns auch wieder die Aufgaben im Haus, wie es ganz am Anfang schon einmal war.“
Dr. Raabler: „Und es weitestgehend stressfrei funktionierte.“
Maren D.: „Genau, und heute frage ich mich, warum?“
Dr. Raabler: „Warum es stressfrei funktionierte?“
Maren D.: „Richtig.“
Dr. Raabler: „Nun, vielleicht waren Sie damals weniger kritisch in puncto Sauberkeit?“
Maren D.: „Hab’ ich mir auch schon überlegt und wieder verworfen. Kann ein Hygieneempfinden sich erst im Laufe der Jahre entwickeln? Ich denke mal nicht, denn das ist doch da oder eben nicht, oder? Quasi naturgegeben…“
Dr. Raabler: „Nun, es gibt durchaus…“
Maren D.: „Nein, ich behaupte einfach mal, dass das schon immer bei mir da war. Von meiner peniblen und gestrengen Mutter in die Wiege gelegt. Doch was war damals anders, als ich meinen späteren Mann kennen lernte?“
Dr. Raabler: „Überlegen Sie doch mal laut.“

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Maren D.: „Hm, war ich mehr verliebt in ihn? Habe ich deshalb bestimmte Dinge an ihm gar nicht so wahrgenommen, wie ich es heute tue? War mein Nervenkostüm weniger ramponiert, als nach dieser Scheiß-Zeit mit der Kindererziehung und dem ganzen „Im-Land-der-Müttter-Theater“? Kein eigenes Einkommen und parallel dazu mein Mann hübsch auf der Karriereleiter nach oben. Geschäftsessen hier, Geschäftsessen dort. Anerkennende Worte der Chefs und der Mitarbeiter. Lobhudeleien allerorten und ein Selbstbewusstsein zum Platzen. Hotelübernachtungen und Seminare im In- und Ausland, die große weite Welt, interessante Menschen um ihn herum…“
Dr. Raabler: „…und vor allem interessante, überaus attraktive Nicht-Hausfrauen um ihn herum.“
Maren D.: „Arrrg…Genau!“
Dr. Raabler: „Schwingt da ein bisschen Neid mit?“
Maren D.: „Ach, wissen Sie, Herr Doktor, Sie müssen jetzt nach meiner kleinen Aufzählung nicht von mir denken, dass ich nicht genau wüsste, dass so eine vermeintlich verlockende berufliche Parallelwelt nicht auch ihre unangenehmen Schattenseiten hat.“
Dr. Raabler: „Da sind Sie schon mal einen Schritt weiter als viele Ihrer Geschlechtsgenossinnen.“
Maren D.: „Kann ich mir vorstellen. Fakt ist doch, dass man als Paar Gefahr läuft…irgendwie…vom täglichen Erleben her…auseinander zu driften.“
Dr. Raabler: „Ein zunächst unmerklicher, schleichender Prozess.“
Maren D.: „Schleichend, ja…das trifft es.“
Dr. Raabler: „So schleichend wie sich auch andere Dinge im Leben wie in der Partnerschaft verändern. Man spürt etwas, aber es ist noch vieles so diffus, dass man es sich nicht traut, es sogleich gegenüber dem Partner zu thematisieren. Aus Angst, er könne einem z.B. übertriebenes Nörgeln vorwerfen.“
Maren D.: „Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Doktor.“
Dr. Raabler: „Und dann plötzlich muss man aufpassen, dass man den richtigen Zeitpunkt der Ansprache nicht verpasst. Weil ansonsten die Bombe in einem Moment platzt, wo für den jeweiligen Partner weder zeitliche noch sachliche Zusammenhänge zu bestehen scheinen.“
Maren D.: „Der Arme.“
Dr. Raabler: „War das jetzt eine ironische Bemerkung?“
Maren D.: „Teils, teils.“

Quarantäne

Dr. Raabler: „So wie man sich die Hausarbeit teilt?“
Maren D.: „Womit wir wieder beim Thema Badezimmer wären.“
Dr. Raabler: „Aber wir haben jetzt schon so einiges herausarbeiten können.“
Maren D.: „Verstehe. Gefühle wandeln sich von Verliebtheit maximal zu Vertrautheit…Alltagsroutinen zermürben jeden Partner auf ganz individuelle Arten und Weisen…in verschiedenen Lebensphasen…manchmal gleichzeitig, manchmal zeitversetzt…was beides scheiße sein kann…Kinder sind keine Garantie für eine glückliche Beziehung. Wer hat sich jemals solchen Müll ausgedacht? Und, verdammt noch mal, reden ist wichtiger als Tatort gucken.“
Dr. Raabler: „Nicht schlecht für ein kleines Zwischenfazit. Und Sie schauen also auch gerne den Tatort am Sonntagabend. Ein Pflichtprogramm?““
Maren D.: „Klar, und Zeit nur für mich.“
Dr. Raabler: „Ihr Mann nutzt den Zweitfernseher?“
Maren D.: „Oder surft im Internet…mir egal, Hauptsache…“
Dr. Raabler: „Tatort.“
Maren D.: „Genau.“
Dr. Raabler: (flüstert vor sich hin) „Erstaunlich, wie viele Frauen den Tatort gucken. Das wäre vielleicht einmal eine wissenschaftliche Abhandlung wert.“
Maren D.: „Was haben Sie grad gesagt?“
Dr. Raabler: „Nichts von Belang. Ich hab’ nur was in mich hinein gemurmelt.“
Maren D.: „Diese Antwort hätte zu 100% auch mein Mann geben können.“
Dr. Raabler: „Männer!“
Maren D.: „Männer!“

Tatort

Dr. Raabler: „So eine knirschende Duschabtrennung im Badezimmer kann aber auch Spannung erzeugen, wie in einem Krimi, oder?“
Maren D.: „Mich turnt es eher ab, Herr Doktor, weil in meinem Fall ja kein Mörder im Anschlag steht, sondern mein lieber Mann beim Badezimmer-Putztag wieder einmal nicht die Gewissenhaftigkeit und Motivation an den Tag gelegt hat, wie er es z.B. im Job als selbstverständlich ansieht. Aber dort lockt ja auch der lederne Chefsessel in Edeloptik mit Privatsekretärin, während zuhause das Muttchen in Jogginghosen im Nörgel-Modus mehr oder weniger leise vor sich hinflucht.“
Dr. Raabler: „Und nun versetzen Sie sich mal in die Lage Ihres Mannes: Wo würden Sie sich vermutlich lieber aufhalten? Im schmutzigen Badezimmer oder im schicken Büro?“
Maren D.: „Ach, Herr Doktor.“
Dr. Raabler: „Ach, Frau D..“
Maren D.: (grinst)
Dr. Raabler:(grinst)
Maren D.: „Sie haben ja recht, aber wenn es mich nun mal tierisch nervt mit seiner Oberflächlichkeit?“
Dr. Raabler: „Sie meinen jetzt beim Putzen?“
Maren D.: „Ja, beim Putzen. An die sonstige Oberflächlichkeit in unserer Beziehung habe ich mich im Laufe der Jahre ja irgendwie gewöhnen können.“
Dr. Raabler: „Die Haushaltshygiene ist Ihnen also wichtiger als die Gesprächshygiene?“
Maren D.: „Das klingt jetzt aber hart, Herr Doktor, so wie Sie das jetzt sagen.“
Dr. Raabler: „Man muss auch mal provozieren und polarisieren. Sonst lösen sich gewisse Dinge niemals auf. Glauben Sie mir, nach Jahrzehnten im Nörgel-Studio weiß ich, wovon ich rede.“
Maren D.: „Ich bin manchmal so müde, Herr Doktor.“
Dr. Raabler: „Des Nörgelns müde?“
Maren D.: „Ich habe meinem Mann schon so oft gesagt, worauf er beim Putzen im Badezimmer achten soll.“
Dr. Raabler: „Dann beachtet er das beim nächsten Mal und beim übernächsten Mal hat er’s schon wieder vergessen.“
Maren D.: „Tja, Sie sprechen mir…
Dr. Raabler: „…aus der Seele.“
Maren D.: „Ja, aus der Seele. Es ist einfach sehr mühsam, Veränderungen in Gang zu setzen und dann überlegt man schon aus lauter Frust und des lieben Friedens willen…“
Dr. Raabler: „…die Schnauze zu halten und wenigstens den Sonntagabend beim Tatort-Gucken konfliktfrei über die Bühne zu bringen. Denn der Büro-Montag wartet schon und der Schlaf von Sonntag auf Montag ist traditionell mies, weil man sich ja auf die tolle Arbeitswoche zu freuen hat.“

Ehepaar im Streit

Maren D.: „Sie sind ein Zyniker.“
Dr. Raabler: „Ein liebenswerter Zyniker.“
Maren D.: „Ein liebenswerter und charmanter Zyniker.“
Dr. Raabler: „Damit kann ich leben…nach über 20 Jahren Nörgel-Studio.“
Maren D.: „Können wir jetzt nicht mal einen Rollenspiel machen, Herr Doktor?“
Dr. Raabler: „Ein Rollenspiel? Und wie sähe das aus?“
Maren D.: „Ich spiele ich und Sie spielen meinen Mann.“
Dr. Raabler: „Soll heißen, Sie fangen mit dem Nörgeln an und ich lass’ alles über mich ergehen – so wie es Ihr Mann normalerweise tut?“
Maren D.: „Genau so habe ich mir das vorgestellt. Dann kann ich schon mal üben, wissen Sie?“
Dr. Raabler: „Nun, da wir ja im Nörgel-Studio sind, wüsste ich nicht, was dagegen spricht. Wie heißt denn Ihr Mann mit Vornamen?“
Maren D.: „Jörg.“
Dr. Raabler: „Also, gut, ich bin Jörg und bin mir keiner groben Verfehlungen beim Putzen bewusst. Und jetzt kommen Sie.“

Wie könnte ein Rollenspiel zwischen Therapeuten und Patientin aussehen, wenn alles von jetzt auf gleich improvisiert werden muss? Dr. Raabler ist gewappnet, aber wie bekommt Maren D. ihren Part gebacken? Grundsätzlich vorteilhaft ist schon mal, dass sich im Nörgelstudio ein Mann und Frau gegenüber sitzen. Da müssen beide Parteien gar nicht mehr so viel schauspielern, um die Essenz der Badezimmer-Putzproblematik herauszuschälen. Soweit die Theorie. Du willst wissen wie es in der Praxis abgelaufen ist? Dann klicke auf nachfolgenden Raabler-Blogpost…und lese…und staune…und pruste! Viel Spaß!!

“Das meiste auf der Welt geht nicht durch Gebrauch kaputt, sondern durch Putzen.”
(Erich Kästner, deutscher Schriftsteller und Kabarettdichter, 1899-1974)

Raabler-Blogpost:
Therapiestunde im Nörgelstudio Folge 8: Das Badezimmer-Rollenspiel