Reise

Traumurlaub am Meer

Es muss nicht immer der Elbstrand sein

Traumurlaub: Blick vom Balkon des Urlaubsdomizils

Nix Traumurlaub. Dafür ein kleiner Rückblick auf Weihnachten 2017: Tage, die nicht hell werden wollten. Nächte, die viel zu früh hereinbrachen. Schneematsch, Nieselregen und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Glatte Straßen, genervte Autofahrer, verspätete Züge. Gestresstes und mies gelauntes Verkaufspersonal in den überfüllten Konsumtempeln der Städte. Trubel und Hektik wohin man schaute. Zuhause und im Büro die Tageslichtlampen als nebenwirkungsfreie Antidepressiva im Dauerbetrieb gegen den Winterblues. Besinnungslose Weihnachtszeit, wir lieben dich. Stopp!

So konnte es nicht weiter gehen. Zeit für einen Traumurlaub. Das dachten sich auch der Raabler und die beste Lebensgefährtin von allen. Direkt an den Feiertagen zu verreisen wäre aufgrund gewisser familientechnischer (Patchwork-)Konstellationen zu riskant gewesen. Auch wenn alle Beteiligten scheinbar nur im genervten Stöhn-Modus die letzten Tage des Jahres über sich ergehen lassen, so gilt doch alle Jahre wieder: Alles Tarnung, denn es gibt sie, die gefälligst zu erfüllenden Erwartungshaltungen. Bei Jung und Alt!

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Alexa ist noch nicht so weit

Im Januar 2018 stand Familie Raabler vor der angenehmen Konsequenz aus der oben skizzierten, frustrierenden Gemengelage: Juchu! Endlich in die warme Sonne düsen. Um den Traumurlaub zu realisieren, mussten jedoch zuvor läppische 112 Stunden vor Computer, Tablet und Smartphone verbracht werden. Alexa ist noch nicht soweit und so eine Online-Reise-Recherche inklusive Abschlussbuchung verbraucht neben unzähligen Akkuladungen auch jede Menge an natürlichen Ressourcen: z.B. Zeit, Nerven und Stresshormone.

Wie immer gelang es dem Raabler zusammen mit der besten Lebensgefährtin von allen den zwangsläufig kritischten Punkt („Schatz, meinst du nicht auch, es wäre besser, wenn wir uns trennen?“) bei einer jeden Entscheidung von Tragweite zu überwinden. Auch darin hat sich mittlerweile Routine eingeschlichen. Was unterm Strich nicht schlecht sein muss. Am nächsten Tag würde es also in südliche Gefilde gehen.

Deutsche Bahn statt Traumurlaub: Chaos von Anfang an

Wenn die Deutsche Bahn doch bloß mal in der Lage wäre, ihrem perversen Slogan „Urlaub von Anfang an“ gerecht zu werden. Der verführerische „Zug zum Flug“ mutierte erwartungsgemäß zum frühmorgendlichen Dauerfluch. Durchsagen wie: „Verehrte Fahrgäste, der gesamte Regional-und S-Bahnverkehr nach Hamburg fällt wegen eines technischen Defekts auf unbestimmte Zeit leider aus. Ein Schienenersatzverkehr wird in Kürze bereitgestellt. Achten Sie bitte auf die Durchsagen an ihrem Bahnsteig. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine angenehme Reise“ können die Stimmung bei Minusgraden leicht zum Kippen bringen. Arschlöcher!!

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Eine eiligst organisierte Taxifahrt zum Hamburger Flughafen erfolgte nicht ganz freiwillig unter lebensbedrohlichen Umständen. Schnell war man sich einig, den Ampelphasen gerade im zähen Berufsverkehr mit einem gewissen Interpretationsspielraum zu begegnen. Dauerpuls bei 160 Schlägen. Das sollte man bei einem „Traumurlaub von Anfang an“ in Kauf nehmen. In der Tierwelt ist auch nicht immer alles perfekt geregelt. Und mit nichts anderem lässt sich der moderne Straßenverkehr besser vergleichen. Ein Asphalt-Dschungel, in dem sich aufgeblasene Alphatiere mit dem nirgends verankerten Recht des Stärkeren durchzusetzen versuchen. Raabler Rolfn rutschte in seinem Sitz immer weiter nach unten…

Wir waren die letzten abzuwickelnden Passagiere am Gate. Entspannung pur. Der Puls beruhigte sich wieder auf moderate 150 Herztöne. Jetzt nur noch die übliche Klopperei im Kabinengang wegen der ordnungsgemäßen Unterbringung des sorgsam abgewogenen und korrekt bemessenen Handgepäcks über sich ergehen lassen und den penetrant nach Achselschweiß riechenden Sitznachbarn freundlichst begrüßen. Er war zuerst am Platz, also gehören ihm auch beide Armlehnen. Das ist die klassische gute Kinderstube und klaglos zu akzeptieren. Schließlich leben wir alle nur einmal und durch Rücksichtnahme und gute Erziehung ist noch keiner reich geworden, oder? Ganz im Gegenteil.

Tumulte beim Boarding

Also schnell zur Ablenkung schon mal den Fokus auf die kommenden zwei Wochen legen. Super-Apartment mit fantastischem Meerblick auf die unendlichen Weiten des Atlantiks, funktional und stylisch eingerichtet, tägliche Reinigung mit Handtuchwechsel, alles sehr sauber gehalten, 47-Zoll-Flachbildfernseher (wichtig bei Meerblick!), weitläufige Anlage mit einer Unzahl von Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, wie z.B. Golf, Jogging, Fitness, Aerobic, Pilates, Zumba, Functional Training, Theater, Kino, Disco, Cocktailbar, Animation (wer möchte), Bibliothek, diverse Pools und Whirlpools, eine fantastische Saunalandschaft mit großzügigem Wellnessbereich und was das Herz sonst noch begehrt.

Meerblick hin oder her: Was ess’ ich, wenn ich satt bin?

Solch’ eine Luxus-Location hatte der Raabler noch nie zuvor gebucht, geschweige denn gesehen. Ebenso stellte die erstmals alternativlose All-Inclusive-Option eine gewisse Herausforderung dar. Gut, dass man vor Antritt der Reise so schlau war, den VHS-Wochenend-Intensiv-Kurs „Was ess’ ich, wenn ich satt bin?“ zu belegen. Neben den rein physischen Aspekten (z.B. prophylaktische Dehnungsübungen für den Magen inklusive seiner Faszien) wurden den Teilnehmern u.a. auch wichtige mentale Voraussetzungen für die Einnahme von 5-Gänge-Menüs (3x täglich) in bildhafter Sprache vermittelt.

Raabler Rolfn war also gewarnt. Das Sportangebot vor Ort sollte auf keinen Fall ungenutzt bleiben, wollte er nicht mit mindestens 5 Kilo mehr auf der Waage wieder die Rückreise vom Traumurlaub antreten müssen. Joggen auf dem 800-Meter-Rundkurs, Schwimmen im 50-Meter-Infinity-Pool mit Meerblick sowie ausgedehnte Wandertouren samt erfahrenen Führern in abwechslungsreiche, klimatisch anspruchsvolle Landschaften waren in den zwei Wochen des Urlaubs seine Lieblingsbeschäftigungen – neben den üppigen aber dennoch gesunden Mahlzeiten.

Dezenter Austausch von Adressen

Das großzügige Freizeitangebot mitsamt der freundlich-zurückhaltenden, kompetenten und einfühlsamen Art der Betreuung durch das bestens geschulte Personal bot genügend Anlässe für diverse, durchaus interessante Kontakte innerhalb der Urlauberschaft. Vereinzelt kam es sogar zum Äußersten, z.B. im Nachklang eines feucht-fröhlichen Abends an einer der stets gut besuchten Bars: Dem dezenten Austausch von Telefonnummern und Adressen unter den beschwipsten Gästen. Hicks…

Unterhaltung in der Bar Burnout in Hamburg

Zu viel gutes Essen und zu viel guter Wein können am nächsten Tag zu viele Kopf- und Magenschmerzen verursachen. Gut, dass deutschsprachige Ärzte aller Disziplinen in fußläufiger Reichweite anzutreffen waren. Ebenso wie die üblichen, vor allem bei schlechtem Wetter reichlich frequentierten Touristenfallen wie Boutiquen, Souvenirshops, Restaurants verschiedenster Nationalitäten, Juweliere, Coiffeure, Schmuck- und Designläden, Kosmetiksalons, ja sogar Galerien für das meditative Betrachten unterschiedlichster Kunstobjekte.

Als nervig entpuppte sich für die Urlauber lediglich die unangekündigte Seenotrettungsübung gleich am ersten Tag nach der Ankunft. Merke: Schiffsoffiziere orientieren sich umgehend beim Abgang auf die stürmische See an den ca. 10% der frisch lackierten Rettungsboote, die den strengen deutschen Sicherheitsvorschriften genügen. Der Rest der Besatzung macht beim direkten Sprung von der Reling nichts verkehrt. Je schneller das Ende, desto besser. Ein Traumurlaub eben.

Exklusives Publikum und exklusive Location fordern völlig zurecht ihren Tribut in Form eines ausgesucht exklusiven Preisniveaus. Als weniger exclusiv oder gar individuell erschien die schiere Anzahl der Ruhe und Erholung suchenden Passagiere. Dass man sich rasch an 4178 Mitreisende an Bord der „XY of the Seas“ gewöhnen würde, gehört ins Reich der Märchen und Mythen. Ebenso wie das Gerücht, dass schwimmende Riesenhotels allem Wellengang zum Trotz den Kotz in die Tüte entbehrlich machten.

Außenkabine auf einem Kreuzfahrtschiff
Kreuzfahrer legen traditionell Wert auf Individualität und Exklusivität. Das hat zwar seinen Preis, aber man lebt schließlich nur einmal. Der rote Pfeil weist auf die individuell geschnittene Außenbordkabine der Raablers in gewohnt bevorzugter Lage hin.
Illustration: Felix Gröger

Traumurlaub oder das bisschen Schweröl…

Dafür entschädigte die stete Zufuhr an sprichwörtlich gesunder Seeluft. Sofern der Wind nicht gerade ungünstig stand und den in ihren Sonnenliegen Dahinschmorenden penetrant riechende, schwefelhaltige Gaswolken aus ineffizient verbranntem Schweröl um die Nasen wehte. Jahrelang wurde dieses Thema aus verständlichen Gründen totgeschwiegen. Erst kurz vor Reiseantritt las der Raabler entsprechende Artikel in der Zeitung.

Er war jedoch nicht gewillt, sich davon seinen Traumurlaub und die dazughörige Laune verderben zu lassen. Im Stillen hegte er sogar einen tiefen Groll gegen diese vielen unsäglichen Umweltschutzorganisationen mit ihrem ideologisch verbrämten Gedankengut. Verbieten müsste man die. Ganz klar. Zum Glück denken die allermeisten, wohlhabenden und intelligenten Kreuzfahrer ebenso. Es wäre doch jammerschade, wenn die mühselig in den letzten Jahren aufgebauten Wohncontainer-Kapazitäten in der Schiffsbranche wegen angeblicher Krebsgefahren nur noch bei halber Auslastung über die Weltmeere schippern müssten.

Auf See herrschen gegenseitige Achtung und Wertschätzung

Raabler Rolfn erinnert sich an manche Schiffsbegegnung auf offener See. Man winkte sich gegenseitig zu und die mittlerweile gut gebräunten Urlaubsgäste an Bord des Kreuzfahrtschiffes erfreuten sich an der willkommenen Abwechslung nach tagelanger Reise im ewiglich blauen, unendlichen Meer. Auffällig war, dass die ungewöhnlich hohe Anzahl der von weit her grüßenden Menschen nicht recht mit deren jeweiligen Unterbringungkapazitäten korrespondieren wollte. Beim abendlichen Käpt’ns Dinner gab es hier und dort Getuschel, dass es sich um Flüchtlingsboote aus dem Norden Afrikas gehandelt haben könnte.

Sonnenstich.TV

Man war sich sehr schnell einig darüber, dass es schlicht unverantwortlich sei, auf diese Weise sein Leben auf’s Spiel zu setzen. Von der Globalisierung würden doch mehr oder weniger alle Menschen profitieren. Sagt sogar der Pressesprecher der FDP. Wenn dem Raabler nuhr der Name einfallen würde. Zwischen Variationen von Edelfisch an Hummersauce und Sherrycreme mit Portweinfeigen wurden alsbald die vermeintlichen Segnungen des Internets als Hauptauslöser der Flüchtlingsströme ausgemacht. Ein gebildeter Mann an des Raablers Seite stellte einen gewagten Vergleich mit der damaligen DDR her, als nicht wenige heimlich „Westfernsehen“ schauten und…niemand am Tisch hatte das Bedürfnis das ansonsten sehr interessante Thema zu vertiefen.

Fazit: Ein Traumurlaub wie gemalt…

…der so natürlich nie stattgefunden hat, niemals so stattfinden wird und allein der bekloppten Phantasie des Blogvaters geschuldet ist. Nur ein Szenario wäre aus Raabler-Sicht denkbar: Man greift die revolutionäre Idee von Ina Müller auf und bucht ab einem bestimmten Alter irgendeine Schiffskabine auf Restlebenszeit. Beileibe nicht nur unter finanziellen Aspekten eine lohnenswerte Alternative zum klassischen Altenheim, wie in dem folgenden Youtube-Video zum Ausdruck gebracht wird: Kreuzfahrtbranche entdeckt neue Zielgruppe

WICHTIGE MITTEILUNG!
Über den Raabler-Ticker kommt soeben eine Pressemitteilung der Carnival Corporation & plc, dem britsich-amerikanischen Mutterkonzern der AIDA-Gruppe, in der es u.a. heißt,  dass “bis zum Jahr 2065 insgesamt 400 neue Kreuzfahrtschiffe bei der Meyer-Werft im emsländischen Papenburg in Auftrag gegeben werden”. Zu diesem Zweck wurden Zielgruppen in bisher beispielloser marketing- und pflegegradoptimierter Profilschärfe definiert. So sollen in den nachfolgenden Haupt-Kategorien zunächst jeweils 50 Schiffe mit einem Mindest-Fassungsvolumen von 10.000 Personen (ohne Bordpersonal) gebaut werden:

1.) AIDA Athrosa
2.) AIDA Suizida
3.) AIDA Dementa
4.) AIDA Depri
5.) AIDA Burnout
6.) AIDA Boreout
7.) AIDA Meine Karriere
8.) AIDA Influencer

Glück am Meer

Gesundheitsminister Jens Spahn lobte in einer ersten Stellungnahme ausdrücklich die Pläne des Kreuzfahrtkonzerns. Er erhoffe sich von diesem selbstlosen wie zukunftsweisenden Engagement neue Impulse und Lösungsansätze für die seit Jahren kriselnde Gesundheitsindustrie in Deutschland. (Ende der Presse-Mitteilung).

„Die Weltmeere bergen ungeahnte Schätze. Neben Öl und Gas wird neuerdings auch Plastik gewonnen.“
(Helmut Glaßl, *1950, Thüringer Aphoristiker)

Raabler-Blogpost:
Boarding time

Dass Kreuzfahrtschiffe auch außerhalb maritimer Umgebungen eine gute Figur abgeben können, beweist nachfolgender Raabler-Web-Tipp: Fabriktaufe mit Kreuzfahrtschiff