Gesellschaft

TV-Werbung nervt

Bitte nicht zur Ruhe kommen! Danke!

TV-Werbung im Stroboskop-Gewitter

Nur ungern erinnert er sich der Raabler an die Zeiten, wo richtig gute Streifen ohne TV-Werbung gezeigt wurden. Wie langweilig das doch war. Keine überraschenden Unterbrechungen an den besten Stellen. Keine überlebensnotwendige, ehrliche, kreative, spannende und lustige Gute-Laune-Verbraucheraufklärung. Total öde. Ein Spielfilm als Handlungsstrang, der ohne viel Gedöns vor den Zuschauern ausgebreitet wurde. Zum Genießen und Schwelgen. In wunderschönen ruhigen Bildern und mit klaren Botschaften. Fernsehen pur. Verglichen mit den heutigen, modernen Sehgewohnheiten einfach nur lächerlich. Würg!

Frauen in der Werbung

Umso größer die allgemeine Erleichterung und Freude darüber, dass man sich nach unendlich zäh ins Land gegangenen Jahren eines Besseren belehrt und mit der Einführung des Privatfernsehens mehr Rücksicht auf Zuschauerwünsche genommen hat. Endlich mal wieder Leben in der Bude. Einzig die öffentlich-rechtlichen Anstalten machen ihrem Namen alle Ehre – eben Anstalten – und bieten nach wie vor den Muff von anno dazumal: Krimis, Action, Magazine, Kultur, Politisches, Gesellschaftliches, Sport und Dokus ohne eine einzige Unterbrechung in Form einer ausgeklügelten TV-Werbung . Der Raabler könnte kotzen. Zurecht.

TV-Werbung: Doch, du bist blöd!

Mal ehrlich, will man heutzutage ernsthaft noch auf TV-Werbung verzichten? Ist Werbung nicht das Salz im Meer kultureller Belanglosigkeiten? Und mal zu Ende gedacht: Wäre nicht ein gänzlicher Verzicht auf Filme und Serien jeglicher Couleur zu Gunsten der Werbung nur konsequent? Der Raabler kennt die Antwort und verfolgt mit Genugtuung, dass der Trend seiner These folgt. Hier die Zahlenbeispiele:

119/160
101/135
131/185
151/210

Häh?

Links steht die Nettospielzeit in Minuten, mit der uns die puristischen, gebührenfinanzierten Schnarchnasen von ARD/ZDF/Arte & Co. den Abend versauen. Rechts davon die verplemperte Brutto-Lebenszeit. Die Differenz aus beiden Zahlen ergibt den wertvollen Zusatznutzen für den Zuschauer in Form von TV-Werbung im Blockformat – sofern er sich für das Programmangebot diverser Primatensender (VOX, RTL, SAT1 etc.) entscheidet. Kostenlose, exklusive Inhalte für alle. Wo gibt es so was noch? Blöde Frage. Das gibt es weltweit! Und manche Zuschauer werden erst in der Werbepause wieder richtig wach, weil das eigentliche Programm noch weniger Argumente zum Zuschauen liefert. So weit ist es schon!

Der Raabler wird nachdenklich angesichts der Hektik, die die TV-Werbung ins heimelige Wohnzimmer transportiert. Oder sind die Opfer vor den Flachbildgiganten bereits derart konditioniert, dass sie daran keine tiefschürfenden Gedanken mehr verschwenden? Könnte sein, denn schließlich ist beinahe alles in den letzten Jahren höher, schneller, weiter geworden. Der Gewöhnungseffekt erfolgte schleichend und gut dosiert – wie beim Fußball.

Als der Kaiser noch alle Zeit der Welt hatte…

Apropos Fußball: Lustig anzusehen sind z.B. Ausschnitte von Länderspielen aus den 70er Jahren: Beckenbauer am Ball, er überlegt, er schaut, er gestikuliert, er plaudert mit Berti…und hat den Ball immer noch. Er tänzelt um sich selbst, streichelt das Leder, überlegt sich den nächsten Maggi-Spot (da haben wir’s wieder mit der Werbung!) und niemand stört ihn dabei. Die Azzuri versammeln sich Espresso schlürfend am Mittelkreis, um die weitere Taktik zu besprechen. Und da, ein weiter 70-Meter-Pass, aus dem Nichts, millimetergenau auf Hölzenbein. Wahnsinn! Ein Genie! Aus dem Fußgelenk und größter Bedrängung heraus solche Anspiele – das kann eben nur der Kaiser!

Fußball-Geisterliga

Heutzutage hätte der gute Franz (wo ist der überhaupt abgeblieben?) auf dem Spielfeld gefühlt zwischen 4 Zehntel bis 1,2 Sekunden Zeit, um eine hoffentlich richtige Entscheidung zu fällen. Sonst wird er gefällt. In diesen Intervallen, um das Thema wieder aufzunehmen, wird der Fernsehzuschauer mit den Sequenzen eines gewöhnlichen Werbespots bombardiert. Und das in seiner Freizeit, die für Entspannung und Erholung nach einem anstrengenden Arbeitstag sorgen soll.

TV-Werbung: Brisante Recherchen

Der Raabler ist anhand eigener (wie immer amateurhafter) Recherchen zu dem Ergebnis gekommen, das eine Produktwerbung im TV durchschnittlich 21 Sekunden dauert. In diesen 21 Sekunden wird dem Konsumenten eine Story in durchschnittlich 18 Bildern erzählt. Macht im Schnitt alle 1,17 Sekunden ein neues Bild. Halt, das ist noch längst nicht alles. Es geht noch weiter. Der Raabler liebt Zahlenspiele, weil sie so hübsch das ganze Elend verdeutlichen.

Nehmen wir an, der Werbeblock nimmt 12 Minuten in Anspruch. Eine Zeit, die angemessen erscheint, um jeden Sesselpupser derart ins Grübeln zu bringen, dass er nicht mehr mit Gewissheit sagen könnte, welchen Film er sich bis zur „Pause“ überhaupt angeschaut hat. War es „Jenseits von Afrika“, „Vom Winde verweht“ oder doch „Dr. Schiwago“? Mann weiß es nicht. Frau wüsste schon. Aber das gehört jetzt hier nicht her.

Der Stroboskop-Effekt lässt grüßen

Werbepausen mit einer durchschnittlichen Länge von 12 Minuten bedeuten wie berechnet ca. 34 Spots zu je 18 Bildern. Macht summa summarum 612 Einblendungen. In 12 Minuten. Ein guter und sehenswerter Film (s.o.) wird gerne von den Programmverantwortlichen mit mindestens 4 Werbepausen „aufgewertet“. Macht demnach 2.448 Werbesequenzen innerhalb einer Bruttospielzeit von 200 Minuten. Der Stroboskop-Effekt lässt grüßen. Das perlt!

Radio: Der Mix macht es nicht immer.

Kann man etwas gegen die gesundheitsschädigende Verblödung unternehmen? Nichts ist alternativlos und natürlich lassen sich Änderungen herbeiführen. In den allermeisten Fällen sogar auf derart bequeme Weise, dass man dazu noch nicht mal das hyggelige Sofa verlassen muss. Die Sehnsucht nach mehr Lebensqualität hängt jedoch wie so oft vom individuellen Leidensdruck des TV-Konsumenten ab. Wie auch immer. Hier die…

5 Abwehrstrategien gegen den TV-Spot-Terror

  1. Temporär zu einem anderen Sender zappen und hoffen, dass dort nicht der nächste Reklame-Block lauert.
  2. Raum verlassen und Pause nutzen für z.B. Toilettengang, Getränke holen, frische Luft schnappen, Knabbersachen auffüllen.
  3. Ton ausstellen und den Blick vom Übel abwenden. Achtung: Flimmer-Wahnsinn spiegelt sich gut und gerne in der grad geputzten Fensterscheibe.
  4. Privatfernsehen grundsätzlich meiden (fällt gar nicht so schwer).
  5. Filme ab sofort nicht mehr „live“ im TV gucken, sondern nur noch gezielt über die jeweilige Mediathek. Werbebotschaften dort einfach wegspulen.
Werbeanrufe

Dem Raabler ist sich in diesem Moment sehr wohl bewusst, dass er mit seinen äußerst einfach zu befolgenden Ratschlägen gegen das „System“ arbeitet. Wenn alle so denken und handeln würden? Nicht auszudenken. Oder doch mal weiter gedacht: Weniger Werbepausen, Preisverfall bei den noch gesendeten Spots, Privatsender mit Liquiditätsproblemen, ausgedünnte Programmspalten, noch mehr Schrott-Formate und Wiederholungen als bisher.

Arbeitsplätze fallen weg, Zwangsfusionen in der Medienlandschaft, freier Einheitsmeinungsbrei und primitiver, billiger Sensationsjournalismus drehen ihre verdiente Abschiedsrunde, Zuschauer wenden sich mit Grausen ab…und…und…entdecken gut gelaunt ihre beinahe in Vergessenheit geratenen „Anstalten“ wieder. Alles zurück auf Anfang! Ende eines wunderschönen Märchens.

Der Raabler hofft, dass es seinen Kinderchen gefallen hat und wünscht eine „Gute Nacht!“

„Ändere die Welt: sie braucht es.“
(Bertolt Brecht, deutscher Dramatiker und Lyriker, 1898-1956)

Raabler-Blogpost:
Frauen in der Werbung

Raabler-Web-Tipp:
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