Und sonst so?

TV14: Skandalöses Titelbild

TV14: Top-Model mit schwarzen Haaren verursacht einen wahren Medienhype.

The proof of the pudding ist the eating, wie man in Norddeutschland so sagt. Aber einen Versuch war es wert. Was war geschehen? Aus purer Lust an der Provokation veröffentlichte der traditionsreiche Hamburger Bauer-Verlag dieser Tage auf dem Titelbild seines Flaggschiffes TV14 eine dunkelhaarige Schönheit. Der (provozierte?) allgemeine Aufschrei in der Medienwelt ließ nicht lange auf sich warten. Wurde doch eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition kurzerhand ohne jede Vorwarnung über den Haufen geworfen bzw. mit Füßen getreten.

Kenner der Szene wissen, dass der Verkaufserfolg einer jeden Fernsehzeitschrift von lediglich drei Kriterien bestimmt wird: Erstens dürfen nur per Photoshop manipulierte Promi-Frauen abgebildet werden. Zweitens müssen diese über eine blonde oder zumindest blond gefärbte Haarpracht verfügen. Drittens läuft unter 75C schon mal gar nichts. Alles andere hieße aus Verlagssicht in unverantwortlicher Verantwortungslosigkeit gegen die Ergebnisse renommierter Marktforschungsinstitute zu agieren. Wer macht das schon freiwillig?

TV14 kämpft gegen Beschwerde-Tsunami

Nun, der Bauer-Verlag hat mit seiner letzten TV14 einfach mal einen hübschen Test-Ballon steigen lassen. Mit fatalen Konsequenzen, wie sich binnen weniger Stunden herauskristallisierte. Der Abo-Service der Bauer Vertriebs KG signalisierte schon in den Morgenstunden des Erscheinungstages der neuen skandalumwitterten TV14 mit einer bekannten Dunkelhaarigen auf dem Titel eine Versechsfachung der sonst üblichen Telefonanrufe. In der überwiegenden Mehrheit Beschwerden von (älteren) Männern.

fucking multitasking moms

Die im relativ gemäßigten Ton von den Abonnenten vorgetragenen Äußerungen von “Irritation” waren noch die geringsten Übel für die armen Verlagsservice-Mitarbeiter. Viel schlimmer waren die nicht zu überhörenden Pöbeleien und Worte der puren unkontrollierten Aggression. Aus Gründen des Jugendschutzes und der Nettiquette verzichtet der Raabler an dieser Stelle auf das Zitieren der ihm aus gewohnt zuverlässiger Quelle angetragenen Original-Wutausbrüche.

Haarfarbe löst Shitstorm aus

Medienpsychologen geben angesichts derartiger Vorkommnisse zu bedenken, dass Menschen immer dann ihr inneres Gleichgewicht zu verlieren drohen, wenn Sie in ihrem Alltag unvorbereitet mit etwas Ungewohntem oder gar Fremden konfrontiert werden. Bingo, Bauer-Verlag! Schiff temporär versenkt! Herzlichen Glückwunsch! Dass derartige Verhaltensreflexe z.B. im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise zu akzeptieren waren und sind, konnte man als vorhersehbar einstufen.

Aber dass lapidare Haarfarben von Models auf Magazintiteln einen solchermaßen veritablen Shitstorm – analog wie digital – auslösen würden, dürfte als kurioses Lehrbuchbeispiel in die bereits mit diversen “Leichen” (Flops) gepflasterte Mediengeschichte eingehen. Rund ein Drittel der Anrufer drohte mit Kündigung des Abos im Wiederholungsfall. Der Absatz im sogenannten freien Verkauf brach um satte 25 Prozent ein. Die “blonde” Konkurrenz im Markt der TV-Zeitschriften ließ ungehemmt die Sektkorken knallen.

Blond steht nicht nur für blöd

Dann wären ja nur 2 Prozent der Weltbevölkerung blöd. Schön wär’s. Blond steht seit Menschengedenken auch für ein besonderes und erstrebenswertes Schönheitsideal. Für Reinheit, kühle Distanz und beinahe kindliche Schutzbedürftigkeit. Aber eben auch für Erotik und Verführung – der Monroe-Effekt halt. Sie macht gute Laune und weckt gleichermaßen den Optimismus wie die Lebenslust. Da können vor allem Männer schon mal durchdrehen, wenn da was Dunkles um die Ecke kommt.

Orgasmus

Seit Jahren kämpfen übrigens Frauenrechtlerinnen in Deutschland gegen die Reduzierung des weiblichen Körpers auf das rein Sexuelle. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit treffen sie sich z.B. seit über 25 Jahren an jedem ersten Mittwoch eines Monats vor den wichtigsten Medienhäusern in Hamburg, Berlin, Köln und München zu mehrstündigen Schweige-Demos. Bisher ohne Erfolg. Es ist ja wie es ist.

PS: Wer die mit dem entzückenden Rücken zum Publikum gewandte dunkelhaarige Schönheit auf dem Titelbild dieses Blogposts ist, wird hier nicht verraten. Sie zierte in des Raablers Phantasie den letzten TV14-Titel. Raabler-Leser müssen sich jedoch keine Sorgen machen: Die geheimnisvolle Frau mit den Modelmaßen kommt im wahren Leben auch ohne TV14 prima zurecht.

“Es ist ein Irrtum anzunehmen, die Frauen machten sich schön, um den Männern zu gefallen. In Wahrheit tun sie es bloß, um andere Frauen zu ärgern.”
(Marcel Aymé, französischer Erzähler und Dramatiker, 1902-1967)

Raabler-Blogpost:
No-Make-Up-Day

Raabler-Web-Tipp:
Blondinen – Wikipedia

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