Und sonst so?

Udo Jürgens hätte geschossen!

Udo Jürgens

Mit giftigen politischen Songtexten. In unverwechselbarer Manier ummantelt mit beinahe unschuldig dahin perlenden Harmonien auf dem schwarzen Flügel. Es leben die Gegensätze! Der berühmte Sohn deutscher Eltern mit der doppelten Staatsbürgerschaft (Schweiz/Österreich) hätte mit Sicherheit auf konkrete Namensnennungen zugunsten einer allgemeinen Symbolik in der Aussage verzichtet. Sein Gespür für künstlerische Ästhetik stand dem entgegen. Text und Sprache sollten eine ureigene Strahlkraft entwickeln, um die Herzen und Köpfe der Menschen zu erreichen. Warum diesen Anspruch einem oberflächlichen Zeitgeist opfern? Nein, Udo Jürgens prägte eine ganze Epoche mit seinem ganz eigenen Stil.

Heute vor genau sechs Jahren verstarb im Alter
von 80 Jahren einer der erfolgreichsten
deutschsprachigen Entertainer,
Komponisten und Sänger:
Udo Jürgens Bockelmann.
Aus diesem Anlass heute mal keine bissige Raabler-Satire.
Stattdessen herzenswarme Worte…

Der übrigens, sehr zur Freude seiner weiblichen Fangemeinde, eine adäquate Entsprechung in einem harmonisch abgestimmten Äußern (stets im schicken Anzug mit edler Krawatte oder Blume im Revers) fand. Aber in einer der vielen Talkshows, konkret darauf angesprochen, hätte er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Wenn die Diskussion z.B. auf die aktuellen Geschehnisse rund um die Präsidentschaftswahlen in einer vermeintlichen Musterdemokratie im Wilden Westen gekommen wäre.

Mit Charme Wortsalven abschießen

Dann hätte der Sänger, Pianist und Komponist mit seinem typisch österreichischen Charme eine mächtige Wort-Salve nach der anderen abgefeuert. Udo Jürgens durfte das: mit Worten schießen. Den Status hatte er sich über die Jahrzehnte seiner unglaublichen Karriere hart erarbeitet. Es war jedoch nicht immer so. Zeitweise wurden einige seiner kritischen Songs von Sendeanstalten boykottiert. Kann in einer freiheitlich demokratischen Grundordnung schon mal vorkommen.

Udo Jürgens blieb die Zeugenrolle bezüglich des flächenbrandartigen (umwelt-)politischen Abdriftens auf seiner geliebten Erdkugel erspart. Von Corona mal ganz zu schweigen. Seine Worte, Meinungen, Mahnungen und seine musikalischen Lösungen dazu hätten viele von uns heute nötiger denn je. Nicht nur deswegen wäre der Raabler dem Womanizer mit Wohnsitz in Meilen am Zürichsee gerne mal persönlich begegnet.

Mit Udo Jürgens “mitten im Leben”

Wenigstens war es dem Blogvater aus Buxmoorholm im Zuge seiner damaligen Pressetätigkeit vergönnt, den Weltstar am 29. November 2014 in der proppevollen Hamburger Barclaycard-Arena livehaftig zu erleben: “Mitten im Leben”! Zum Abschluss der ersten Konzertreihe ließ sich Udo Jürgens am 07. Dezember 2014 in Zürich feiern. Weitere Konzerttermine für 2015 standen bereits in Planung. Dazu kam es nicht mehr. Am 21. Dezember 2014 starb der begnadete Entertainer völlig überraschend während eines Spaziergangs in Gottlieben am Bodensee.

Und terminlich genau zwischen dem letztem Zürich-Konzert und seinem letzten Spaziergang am Bodensee verschickte der Raabler – aus einem inneren Bedürfnis heraus – einen Brief (keine E-Mail!) an Udo Jürgens. An eine zuvor vom Management erfragte Privatadresse in Zürich. Mit Sicherheit ist er seinerzeit angekommen. Mit Sicherheit hat Udo Jürgens ihn angesichts der täglichen Fanpost und der Konzertstrapazen nicht mehr in der Hand halten können. Wie schade…

Ausnahmsweise mal keine Satire: Ein Brief an Udo Jürgens

Lieber Udo,

sehen viele deiner Briefeschreiber in dir den internationalen Musik- und Bühnenstar, Komponisten, Chansonnier und Entertainer, so sehe ich in dir auch die „Vorgeschichte“, den Menschen, der durch sein bemerkenswertes privates und familiäres Umfeld geformt wurde. Ich sehe die Protagonisten aus dem Film „Der Mann mit dem Fagott“, deine Eltern- und Großeltern, deine Onkel, deine Brüder. Die unglaubliche Geschichte mit den vielen, verwirrenden Verstrickungen, Entbehrungen, Enttäuschungen – aber auch den Hoffnungen, dem Trotz, dem Wagemut und der schieren Lust auf das Leben in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Umbrüche voller unbarmherziger Wucht.

Ich schreibe zugleich an den Neffen des bekannten Dadaisten Hans Arp, der u. a. zusammen mit Hugo Ball und dessen Ehefrau Emmy Ball-Hennings im „Cabaret Voltaire“ in Zürich für Furore sorgte. Dieser Hans Arp, der zusammen mit meinem Dichter-Gott Herrmann Hesse seinen (also Hesses) 50igsten Geburtstag feierte. Was muss das für ein edler Mensch gewesen sein, den der weit über die Grenzen bekannte und berühmte Hesse an seinem Jubiläumstag um sich haben wollte? Hesse, ein außergewöhnlicher Menschenkenner und -versteher, der jedoch sehr genau wusste, wen er zu welcher Tages- und Nachtzeit um sich haben wollte bzw. „ertragen“ konnte. Zu diesem auserwählten Zirkel zu gehören ist schon eine Auszeichnung an sich. Vielleicht hat sich ein Teil dieser Künstler-Gene auch in deiner DNA wiedergefunden und manifestiert? Hat man darüber schon mal nachgedacht? Dazu später mehr.

Noch mal zurück auf Anfang

Nachdem ich als einer von vielen anderen offiziellen Pressevertretern deinem Konzert in der Hamburger O2-World am 29. November beiwohnen durfte, trieb mich ein inniger Wunsch, dir persönlich einige Zeilen zukommen zu lassen. Ich hoffe, du findest die Zeit und die Lust, meinen Brief neben denen unzähliger anderer Fans zu lesen. Dein Konzert werde ich nicht als Konzert, sondern eher als ein Konzertereignis in Erinnerung behalten, dem wir armen Schreiberlinge (bzw. „Angestellte der papierverarbeitenden Industrie“, wie Altkanzler Helmut Schmidt die Presse einstmals voller Häme beschrieb) mit der stereotypen Vorgabe von max. 3.400 Zeichen inkl. Leerzeichen nur in völlig unzureichender Weise gerecht werden konnten.

Ich hätte spielend den dreifachen Umfang herunter schreiben können. Dann wäre es eine würdigere, angemessenere Kritik geworden, die vielleicht noch mehr von der Leserschaft honoriert worden wäre. Sofern das Publikum zu längeren Ausführungen überhaupt eine grundsätzliche Bereitschaft signalisieren würde. Was im heutigen, modernen, hektischen, oberflächlichen Medienzeitalter – wohl gar nicht einmal zu Unrecht – von der ständig unter Ertragsdruck stehenden Verlegerschaft schlicht angezweifelt wird.

Wir, meine Lebensgefährtin und ich, durften dabei sein und genossen es mit allen Sinnen. Natürlich begleitest du die Menschen schon seit Jahrzehnten mit deinen Liedern im Radio und den unzähligen TV-Auftritten. Aber „live“ ist eben „live“ – da hilft auch kein Streaming, kein Youtube oder sonstige bequeme Technik vom Sofa aus. Es ist faszinierend mitzuverfolgen, wie du deinen Weg gegen alle inneren, aber vor allem äußeren Umstände gegangen bist. Sicherlich auch gehen musstest. Ein Mut machendes Beispiel. Vor allem für die stets von Selbstzweifeln geplagte, nach Orientierung ringende jüngere Generation.

Logisch also, dass wir in Hamburg durchaus nicht nur ein älteres Publikum sahen, sondern auch in viele jüngere Gesichter schauten. Wenn du die beiden kleinen Brüder (ca. 10 bis 12 Jahre alt) unterhalb der Pressetribüne gesehen hättest, die von ihrer attraktiven Mutter ins Konzert vermutlich „mitgeschleppt“ werden mussten. Sie waren so gekleidet wir wir früher an Sonntagen in meiner Familie. Oder in deiner auf Gut Ottmanach, wenn etwas Besonderes wie z.B. ein Familienbesuch anstand: Ohren sauber, geschniegelter Seitenscheitel, adrette Klamotten, Stofftaschentücher griffbereit – und keine Widerworte. Diese beiden Jungs waren jedoch nicht zu klein, um nicht z.B. deine Botschaft mit dem „gekauften Drachen“ irgendwie erahnen zu können. Beim Anblick dieser beiden „Musterknaben“ wäre dir sicherlich auch das Herz aufgegangen.

Apropos „Mut machen“…

Mit deiner Energie, deinem Charme, deinem Willen hältst du ja nicht nur der heutigen Rentnergeneration den Spiegel vor, sondern auch derjenigen, die in absehbarer Zeit in diese „Ruhe“-Phase hineinwachsen wird. Es erwartet uns eben nicht zwangsläufig und ausschließlich die wenig reizvolle Perspektive des Dauer-TV-Konsums, des Mit-dem-Hund-Spazierengehens, des ewigen Kreutzworträtsellösens, des nachmittäglichen Über-dem-Buch-Einschlafens. Nichts gegen Bücher! Als Endstufe dann Rollator und Treppenlift. Wie machst du das mit 80 Jahren? Das fragen sich alle. Fragst du dich das manchmal auch selber? Wobei du dir die Antwort selber geben kannst.

Was anderes als ein Rausch kann folgen, wenn man zunächst zur „allgemeinen Freude der Eltern“ das Abi schmeißt, danach fast 10 Jahre Erfolglosigkeit aushält, sich temporär und alternativlos mit profithungrigen Plattenlabels auseinandersetzt, begleitet von der am Selbstbewusstsein nagenden bzw. latent vorhanden Angst des persönlichen Scheiterns. Und dann kommt plötzlich Land in Sicht. Dass du von deinem damaligen Manager (Beierlein?) im Jahre 1966 förmlich zur erneuten Teilnahme am European Song Contest „getreten“ werden musstest?

Einerseits verständlich. Andererseits nicht, denn dein Abschneiden in den Jahren zuvor (6. und 4. Platz) waren doch schon hervorragend. Angesichts der Tatsache, dass viele „Stars“ der Branche heutzutage sich schon über die Plätze 10 bis 15 freuen (müssen). Aber, Hut ab, dein „Merci Chérie“ mit den z.T. hohen Passagen, und dann unter dem Erfolgsdruck. Das war Wahnsinn! Da fragt man sich doch heute noch manches Mal in einem stillen Moment: Wie hast du das damals bloß live vor einem Millionenpublikum so gut hinbekommen? Stimmt’s? Magische Momente. Es sollte so sein. Mit allem, was danach kam.

Mit Sicherheit haben meine Eltern vor ihrem ersten S/W-Fernseher auf dem Sofa gesessen und deinen Auftritt verfolgt. Wenn ich heute die Filmaufnahmen von damals sehe, freue ich mich mit dir über den Erfolg (als wäre es Gegenwart), deinen internationalen Durchbruch. So wie ich mich freue, dass ich dich nun einmal „livehaftig“ auf der großen Bühne sehen durfte. Ein Geschenk – für mich, für uns, für alle Menschen!

Wie war das noch mit dem Jazz?

Und das sagt einer, der – offen gestanden – eher anderen Musikstilen zugetan ist: Black Music, Soul, Funk, südamerikanische Rhythmik. Aber auch Jazz in vielen Facetten. Ich kann mir vorstellen, dass du dich von der einen oder anderen musikalischen Färbung auch heute noch inspirieren lässt. Du kannst mit Recht von dir behaupten, dass es dir gelungen ist, mit deinem unverwechselbaren Stil, deinem Charme, deinen Texten und deiner wohlklingenden „Moderatorenstimme“ (deine Worte in einem Interview mit Giovanni di Lorenzo) vielen Menschen aus der Seele zu sprechen. Du hast sie auf deine Seite gezogen. Ich kenne niemanden, der, wenn ein Lied von dir im Radio gespielt wird oder du grad im Fernsehen einen Auftritt hast, sagen würde: „Mach’ doch mal den Jürgens aus, ich kann den Typen nicht mehr hören und sehen.“

Wenn einem das als Künstler klar ist, dann darf man mit Fug und Recht von „Lebensleistung“ und „Lebenswerk“ sprechen und sich in die Reihe derjenigen zeitlosen Künstler einreihen, die auch noch in hunderten von Jahren (vielleicht ewiglich) dem Menschen etwas zu sagen haben werden und somit unsterblich sind. Kunst, Musik, Bilder und Worte können eben doch etwas bewegen. Wahrscheinlich sogar mehr als Politiker, Gesetze und Religionen, weil ihre Botschaften „praxiserprobt“ sind, die eigene erlebte Wahrheit widerspiegeln und damit für jedermann verständlich von Herzen kommend direkt in die Seelen der Empfänger eintauchen.

Hesse war auch nicht so übel…

DAS ist zutiefst menschlich. Ein Zeichen des Trostes, aber auch der Zuversicht, dass uns immer wieder mal Lichtgestalten den Weg weisen. Eine Lichtgestalt ist für mich z.B. auch der deutsche Schriftsteller, Lyriker und Dichter Hermann Hesse. Die Nazis trieben ihn letztendlich in die Annahme der schweizerischen Staatsbürgerschaft. Montagnola im wunderschönen Tessin wurde ihm zur Heimat. Aber auch Basel und Zürich wurden immer wieder gerne von ihm besucht. Gerne wäre ich mal mit ihm an der Limmat entlang spaziert, um über das Leben zu philosophieren.

Meine Lebensgefährtin und ich „erfuhren“ in 2012 einige Hesse-Stationen im Rahmen unserer Drei-Länder-Rad-Reise mit Endziel Konstanz. In Küsnacht waren wir und auch in Meilen – am Sonnenufer des Zürichsees, so nennt man das doch, oder? Ein wunderbares Fleckchen Erde und ein Traum dort zu wohnen und zu leben – stell’ ich mir vor. Wenn auch so manch ein Anwohner des Zürichsees (damit bist DU gemeint) zu gewissen Zeiten eine Sehnsucht nach wärmeren Gefilden wie z.B. Portugal nicht ganz unterdrücken kann. Aber ich weiß, du bist dem Leben, deinem Leben, gegenüber voller Dankbarkeit und das spürt man – bei all den kritischen Untertönen – in deinen Liedern und Texten. Und das ist gut so!

Nun habe ich deine Geduld schon weit überstrapaziert. Gerne hätte ich noch ein paar Anmerkungen zu den Themen Familie, Liebe, Freiheit und (Parallel-)Gesellschaft – vor allem dem ewigen Geschlechterkampf „Mann gegen Frau“ – zum Besten gegeben. Das wäre für dich als “Experten” bei allem Ernst sehr spaßig zu lesen gewesen. Mit Beziehungen kenne ich mich nämlich auch aus. Aber irgendwann ist auch mal gut.


Ich träume davon, dir einmal persönlich die Hand zu geben. Ein vermessener Wunsch, der dennoch zum Ausdruck gebracht werden muss, weil ich sonst für den Rest meines Lebens das Gefühl hätte, eine Mini-Mini-Mini-Chance vertan zu haben. Tja, Udo, so sind wir Menschen. Sonst würde ja auch niemand Lotto spielen, stimmt’s?”

Ob Udo Jürgens heute ein Stamm-Leser des Raabler-Blogs geworden wäre? Gewiss, wenn er nicht schon genügend Zeit für 1000 andere Dinge aufzuwenden gehabt hätte.

“Ein Single ist jemand, der gelernt hat, die Erfahrungen anderer zu berücksichtigen.”
(Udo Jürgens, österreichisch-schweizerischer Komponist und Sänger, 1934-2014)

Raabler-Blogpost:
Hermann Hesse: Der Preis für Ruhm und Ehre

Raabler-Web-Tipp:
Udo Jürgens – Die Krone der Schöpfung

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