Und sonst so?

Wir lieben Kaffee

Kaffeebohnen

Menschen auf der ganzen Welt lieben ihn. Die Deutschen lieben ihn. Den morgendlichen Duft gerösteter Kaffeebohnen aus den exotischten Anbauländern dieser Erde. Ein Aromencocktail für Gaumen und Nase, der süchtig macht. Ohne die obligatorische Tasse Hochland-Arabica verlässt hier keiner das Haus. Es soll sogar Kaffeetrinker geben, die über Schwindel, Unwohlsein, extreme Müdigkeit, allgemeinem Unwohlsein sowie starke unspezifisch negative Gefühle klagen. Natürlich nur dann, wenn sie z.B. aus Zeitgründen auf die gewohnte Dosis Koffein nach dem Aufstehen verzichten mussten.

Wenn sich’s einrichten lässt, geht man diesen armen Würstchen in der ersten Bürostunde am besten komplett aus dem Weg. So lange, bis sich für diese temporär unangenehme Spezies die Gelegenheit ergeben hat, den Genusspegel wieder auf das gewohnte Niveau zu hieven. Voneinander unabhängige Studien verschiedenener Krankenkassen kommen dabei zu erstaunlich übereinstimmenden Ergebnissen. Sie berichten im Falle von fehlendem bzw. unterdosiertem Kaffeekonsum über verminderte Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Unter anderem durch das permanente Kreisen um sich selbst und seiner vermeintlichen Beschwerden.

Kaffee – Benzin für das Bruttosozialprodukt

Volkswirtschaftler schätzen aktuell den durch fehlende Energie, erhöhte Bocklosigkeit sowie unkontrolliert ausbrechende Agressivität gegenüber Mitarbeitern und Vorgesetzten verursachten Schaden auf ca. 35 Milliarden Euro jährlich. Das war und ist für eine auf Wachstum programmierte Volkswirtschaft wie die Bundesrepublik Deutschland auf Dauer nicht hinnehmbar. Ohne zeitnahe Gegensteuerung drohe das Absinken in wirtschaftliches Mittelmaß und weltpolitische Bedeutungslosigkeit. Welche Maßnahme böte sich an, um dem o.a. Trauerspiel ein Ende zu setzen und zugleich die inländische Nachfrage – nach was auch immer – anzuheizen?

Müllhalde aus Kaffeekapseln
Deutschland ist in Sachen Umweltverschmutzung entgegen aller Unschuldsbeteuerungen stets ganz vorne dabei. Im Mittelpunkt: der aufgeklärte und sensible Verbraucher.

Der goldene Problemlösungsansatz war schnell gefunden. Im Kern müsste die Zubereitungszeit des Kaffees erheblich reduziert werden. Gesagt – getan. Der Markt für Kaffeautomaten in allen Variationen und Preislagen etablierte sich quasi über Nacht. Er traf auf unmittelbare und dankbare Nachfrage aus allen gesellschaftlichen Schichten. Fortan konnte schon am Vorabend der Maschinenpark so einprogramiert werden, dass z.B. um 06.15 Uhr die Bohnen frisch im feinjustierten Mahlwerk ihre Runden drehen, um anschließend (just in time) in milligramm-genauer Dosierung dem weiteren Bearbeitungsprozess zugeführt zu werden.

Auch Luxus mutiert zur Alltagsroutine

Kein Vergleich zu früher. Das Schöne: Der Automat schafft frühmorgens schon mal die nötige Einstimmung auf den bevorstehenden Arbeitstag. Denn während die Bewohner im Obergschoß noch einmal die Smoothfunktion ihres Funkweckers bedienen, wird unten in der Küche olfaktorisch (Raabler-Leser sollen ja nicht dümmer beim Lesen werden) als auch akustisch die Kaffee-Produktionssau rausgelassen: es dampft, schnauft, gurgelt, röchelt, vibriert, stößt, spritzt und…fließt…in homöopathischen Dosen. Es tröpfelt der edle Muntermacher in ebenso edles Porzellan. Ein Hochgenuss.

Schlafstörungen nehmen zu

Der sich spätestens nach drei Wochen abgenutzt hat, weil jede noch so schöne und – logisch – zu 100% vernunftgesteuerte Anschaffung in Haus, Hof und Garten sich in dieser überschaubaren Karenzzeit in die breite Phalanx unvermeidlicher Alltagsroutinen eingegliedert hat. Stößt ein Trend an seine Grenzen, muss umgehend ein anderer in die Bresche springen und die dünne Wachstumssuppe auslöffeln. Um in der Terminologie zu bleiben: Die Zubereitungszeit von Kaffee muss unbedingt noch weiter eingedampft werden. Aber wie?

Wozu frühstücken?

Ganz einfach: Keine eigene Kaffee-Zubereitung mehr. Zumindest in der Arbeitswoche. Schade um die kürzlich angeschaffte Jura-Maschine für läppische 2.499 Euro inklusive dreijährigen Wartungsvertrag für spontane Produktionsausfälle. Am besten sogar komplett auf das Frühstück verzichten. Spart Zeit und Nerven. Stattdessen rasch in den Bahnhofskiosk und einen unschlagbar preiswerten wie hochwertigen “Coffee-to-go-on-the-hand” für die Fahrt zur Arbeit in gewohnt überfüllten Zügen des ÖPNV bzw. dessen Ersatzverkehre.

Kaffee zum Mitnehmen
Ein Anblick, den man gerne sieht: Achtlos weggeworfene Plastik-Kaffeebecher. Die Deutschen sind eben Genießer und pfeifen auf Porzellan. Hauptsache cool und trendy.

Da ist man unter seinesgleichen und frönt dem neuen Zeitgeist des grenzenlosen Individualismus. Und danach? Wie danach? Wohin mit dem Müll? Welcher Müll? Wir haben verstanden…

“Wenn eine Gesellschaft kein gemeinsames Leitbild hat außer dem Wohlstand, ist sie auf Sand gebaut.”
(Everard Green, englischer Offizier, 1844-1926)

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Klimawandel: Wir haben verstanden

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