Reise

Zu Gast in Schenna

Autoverkehr in Schenna

Wo, bitte schön, liegt Schenna? Schenna liegt in einer Höhe von 600 Metern ü.d.M. im unmittelbaren Speckgürtel von Meran. Mitten im wunderschönen Südtirol. Oder sollte man besser sagen, Meran liegt im Speckgürtel von Schenna? Mit dieser frechen Anspielung würde sich wohl niemand in Meran Freunde machen. Aber ein Nordlicht namens Raabler zu Besuch in einer der wohlhabendsten Regionen Europas darf das natürlich so formulieren. Erst recht in (s)einem Realsatire-Blog.

Schenna ist mit seinen heute knapp 3.000 Einwohnern für viele Südtirol-Urlauber zu einem Sehnsuchtsort geworden. Die Entwicklung dorthin klingt wie ein touristisches Märchen aus 1000 und einer Nacht. Die unglaubliche Reise begann für diese Gemeinde im Jahre 1959. Damals zählte man keine 50 Betten für zahlende Gäste. Aktuell sind es über 6.000 (!!). Aus knapp 6.700 Übernachtungen seinerzeit wurden in 2018 muggelige 1.058.000 (!!). DAS nennt man Wachstum. Bitte nicht in Prozenten am Taschenrechner ausrechnen. Das Display wäre nicht breit genug.

Touristenmagnet Schenna

Zum Vergleich: Das benachbarte Meran zählt bei 39.000 Einwohnern (13 x mehr als Schenna) auch “nur” knapp 1.119.000 Übernachtungen. Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich. Es bedarf keiner weiteren Erläuterungen mehr, warum es die “italienischen Freunde” im Hinblick auf Südtirol nicht so sehr mit dem “Loslassen” hatten und haben. Wenn es um sehr viel Geld geht, wird’s oft rutschig auf diplomatischem Parkett. Aber das ist ein ganz andere Geschichte.

Stau in der Stadt

Zurück zum Thema. Bekanntlich hat jede Medaille ihre zwei Seiten. Es ist nie immer nur alles gut. Wenn auf engstem Raum den Einheimischen ein Torurismus-Wunder wird beschert, dann ist das schon ein ausgewachsenes Verkehrschaos “wert”. Zwar liegt das Geld im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Doch wer sich danach bückt, muss aufpassen, dass er nicht umgenietet wird. Wohin mit den ganzen Menschenmassen? In die Busse ja wohl nicht…

Mensch und Maschine atmen auf

Das Idyll ist ein mieser Verräter. Wer sich vorher nicht rechtzeitig informiert, landet in Schenna schnell in einem tollen, aber leider unvorteilhaft gelegenen 4-Sterne-Hotel mit allem PiPaPo. Luxus verliert jedoch rasend schnell an Wertigkeit, wenn das Doppelzimmer unmittelbar an einer viel befahrenen Straße liegt. Doppelt blöd ist es, wenn diese als direkte und schnellstmögliche Verbindung zwischen Meran und Schenna von täglich gefühlt 1,5 Millionen Autofahrern – Verzeihung! – Porschefahrern genutzt wird.

Südtirol: Wenn das Warten auf den Bus kein Ende nimmt...

Nein, natürlich nicht im vorgeschriebenen Tempo. Dafür im puren Agro-Modus. Weil man zuvor mit seinem 500-PS-Protz (in den beliebten Trendfarben schwarz und meteor-graumetallic) stundenlang im “Nix-Geht-Mehr-Verkehr” der Meraner Innenstadt unwiederbringlich kostbare Zeit verloren hatte. Der Frust muss raus. Schrei’ vor Glück! Mensch und Maschine atmen hörbar auf, wenn sie zur Abwechslung auf einer Strecke von ca. zwei Kilometern die Sau rauslassen dürfen.

Geiler Sound im SUV

Und scheiß’ auf Geschwindigkeitsbegrenzung. Wird in Italien eh’ nicht kontrolliert. Es wird beschleunigt als gäb’s kein Morgen. Wozu schalten, wenn der erste Gang locker 80 km/h hergibt? Danach ist sowieso wieder abbremsen angesagt. Aber diese Bruchteile von Sekunden gilt es als völlig uneitler Sportwagenbesitzer auszukosten. Ja, sollen die 500 PS ruhig mal zeigen, wozu sie in der Lage sind. Was für ein geiler Sound. Leider nicht für diejenigen, die grad nicht im SUV sitzen.

Raabler kotzt auf die Motorhaube eines SUV

Sondern in ihren Luxus-Doppelzimmern – sofern ohne Meranblick. Warum es die Massen (wenn nicht gerade im Porsche sitzend) wie bei einem Almauftrieb in die faszinierende Bergwelt zieht? Allein der permanente Verkehrslärm im beschaulichen Schenna vertreibt die obligatorische morgendliche Restmüdigkeit spätestens nach dem üppigen Frühstück wieder aus den Beinen. Über allen Gipfeln ist dagegen Ruh’. Da stört höchstens mal die Glocke einer Kuh.

Der Schnellere überlebt

Selbstverständlich tragen nicht nur Autofahrer zum Verkehrsinfarkt bei. Parallel dazu sind auch viele, viele Motorräder im dörflichen Schenna unterwegs. Die optische Marktführerschaft übernimmt ein mit 120 PS völlig untermotorisiertes Modell aus Germany für nicht mal 16.000 Euronen. Dem Raabler würde schwindelig werden, wenn er mal abzuschätzen hätte, welch’ enorm hohen Vermögenswerte sich insgesamt auf dem kurvigen Asphalt von Südtirol tummeln. Wie war das noch mit dem Taschenrechner-Display?

Auto im Kreisverkehr

Angesichts dieser Horrorszenarien fragst du nun völlig zurecht, wie man z.B. als unbescholtener Füßgänger bzw. Wanderer von einer Straßenseite auf die andere gelangt. Im Vorwege eines anstehenden Südtirol-Urlaubs hätte der Raabler beispielsweise einen Kurzaufenthalt beim “Nike Oregon Project” in den USA empfohlen, um mit deren Hilfe wieder annähernd an die Sprintleistungen von früher (Bundesjugendspiele) anknüpfen zu können. Das obige Projekt gibt es jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht mehr.

Schenna und der Kampf um Raumgewinn

Um die Frage zu beantworten: Mann/Frau sollte beim Queren der Rennstrecke auch im fortgeschrittenen Alter schnell in die Hufe kommen können. Ein kurzes Zögern oder gar Ausrutschen im falschen Moment…und auch die Auslandsreise-KV hilft dann nicht mehr weiter. Du fragst nach Zebrastreifen? Klar, gibt es. Die werden jedoch von allen Verkehrsrowdys “italienisch” interpretiert, obwohl wir uns im mehrheitlich deutschsprachigen Raum befinden.

Mit dem Tempo am Limit.

Die bremsen vielleicht für Tiere, aber nicht für Touristen. Das zu wissen, ist unzweifelhaft überlebenswichtig im täglichen Kampf um Raumgewinn. Wer als Autofahrer an der Querungserlaubnis vorschriftsmäßig für eine vierköpfige Familie bremst, erntet umgehend einen analogen shitstorm. Der reicht von eindeutigen Gesten und Flüchen der nachfolgenden Fahrer bis hin zu Dauergehupe. Auf diese Weise wird selbst die pflichtbewusste Gutmütigkeit der vielen deutschen Autofahrer auf eine harte Probe gestellt. Wer bremst ist doof!

Schenna kann auch anders…

In Schenna Urlaub machen ist keineswegs doof. Ganz im Gegenteil. Man tut nur gut daran, sich von der Vorstellung zu trennen, dass ein Ort mit noch nicht einmal 3.000 Seelen keinen Großstadtverkehr zustande bringen könnte. Schenna kann das. Aber, hallo! Nicht freiwillig, aber das spielt im Endergebnis keine Rolle. Nimmt man die Herausforderung an und lernt damit umzugehen, so steht einem unvergesslichen Urlaub nichts im Wege.

Und das mit dem öffentlichen Nahverkehr, den dringend notwendigen Geschwindigkeitskontrollen und den vielen kleinen Nicklichkeiten im zwischenmenschlichen Grenzbereich, das üben wir noch mal. In aller Ruhe. Versprochen!? Ja? Schön, dann gibt’s zur Entschädigung für den satierischen, aber berechtigten Rundumschlag den wohlmeinenden Raabler-Web-Tipp im blauen Kästchen weiter unten…

“Die menschlichen Paradiese halten nur solange, wie man sich nicht in ihnen niederlässt.”
(Werner Roß, deutscher Publizist u. Literaturkritker, 1912-2002)

Raabler-Blogpost:
Südtirol mit dem Bus erfahren

Raabler-Web-Tipp:
Wandern in Schenna